Michael Helm

Europa

Nur eine Lesung? Aber ein deutlich hörbares literarisches Statement für eine alte Idee. Für Gemeinsamkeit, Offenheit, Toleranz, Demokratie, Vernunft und ein ehrliches, herzliches Miteinander. So stelle ich mir das vor… und offenbar auch viele Literaten, die die EU, eine EG oder eine EWG noch nicht einmal kannten.

Sie wurden wegen ihrer Schriften oftmals verboten, sogar verfolgt. Sie lebten im Exil, innerlich oder real. Sie setzten sich dennoch ein für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Für die Idee eines geeinten Europas. Sie gaben dieser Idee ihre Stimme.

Infos zur Lesung

Enniger, ein Stück Europa

Ein literarisch-musikalisches Statement für eine alte Idee. Bei der Europa-Lesung in der Pfarrhausdeele in Enniger sind gestern Abend über hundert Leute gekommen. Volle Hütte. Da waren nicht nur die Musiker, Stefan Kallmer (Klarinette) und Werner Junkerfeuerborn (Gitarre) begeistert. Und das, bei einem sehr nachdenklich stimmenden Thema, das uns offenbar noch bewegt. Der Abend stimmte mich jedenfalls wieder hoffnungsvoller.

Wir danken den Veranstaltern für einen tollen Rahmen in wunderbarer Atmosphäre. Ein kleiner, aber feiner Ort in Europa, in dem so etwas möglich ist.

mh

Das beste Europa, das wir bisher hatten

Gedanken zur Heine-Lesung am Mittwoch

Wenn ich am kommenden Mittwoch (25.01.17, 19.30 Uhr, Infos») zur Heinrich Heine-Lesung in Spenge antrete, so diesmal mit dem Gefühl, dass es keine Heine-Lesung ist, wie viele der zurückliegenden: ein anregender Abend mit Gedichten und Texten des deutschen Dichters. Heine war immer aktuell, keine Frage. Aber etwas hat sich verändert. Was wird aus diesem Europa, für das Heine schon in seiner Epoche, als es die EU noch gar nicht gab, so vehement eintrat? Es gab seinerzeit nicht einmal ein Deutschland, wie wir es heute kennen, geschweige eine Deutsch-französische-Freundschaft. (more…)

Aus dem Block …

vorbei

ich kann sie drehen und wenden
ich finde meine komfortable ansicht
der dinge nicht wieder

Jon Fosse – Melancholie

Ende des 19. Jahrhunderts: Der norwegische Maler Lars Hertervig studiert in Düsseldorf Landschaftsmalerei. Er hat sich ein kleines Zimmer gemietet und verliebt sich in Helene, die fünfzehnjährige Tochter seiner Vermieter. Dieses nicht einmal richtig entflammte Verhältnis findet die Ungnade der Familie. Lars soll die Wohnung verlassen. Das Scheitern der Beziehung scheint Lars Hertervig verrückt werden zu lassen.

Was auf der inhaltlichen Ebene einfach erscheinen mag, nimmt sich in Hertervigs Denken anders aus. Denn von Anfang an ist seine Sicht der Dinge „anders“. Gedanke um Gedanke kreist in seinem Kopf, wiederholt sich, ordnet sich scheinbar neu. Niemals kommt sein Denken zu einem Abschluss. Der Geisteszustand Hertervigs grenzt an Verwirrung und seine Gedanken verwirren sich mehr und mehr durch die ihn befremdenden Erlebnisse. Sind seine Gedanken wahnhaft, Verfolgungsfantasien oder der Ausdruck seiner Realität?

Dies lässt Jon Fosse in seinem Roman „Melancholie“ offen. Er betrachtet das Geschehen aus der Sicht Hertervigs. Er versteht es in einer ausgefeilten, dem Denken dieses Menschen entsprechenden, einfachen Sprache, die subjektive Welt Hertervigs darzustellen. Das ist faszinierend und schwer zu lesen zugleich, denn die unendlichen Gedankenketten Hertervigs wälzen sich über etliche Seiten dahin. Wie einprägsam Fosses Sprache ist, stellte ich fest, als ich das Buch fortlegte. Die ewigen Wiederholungen und Wortketten begannen, von meinem Denken Besitz zu ergreifen, wie musikalische Ohrwürmer. Fast suggestiv haben sie sich in den Kopf eingeschlichen und es brauchte Zeit und Ablenkung, um sich wieder aus dieser zirkulären Gedankenwelt Hertervigs zu befreien.

Jon Fosse hat für das Denken eine Sprache geschaffen, in der Existenzielles einen einfachen Ausdruck findet. In dem, was sich zwischen den Gedankenketten auftut, rührt er an der Grenze des Unbewussten.

Mit der Geschichte Lars Hertervigs ist der Roman nicht zu Ende. Zwei weitere Erzählungen setzen an die Hertervig-Geschichte an, die sich wie die folgenden Akte eines Theaterstücks ausmachen. Generationen später werden Personen betrachtet, die mit Hertervig in familiärer Beziehung standen. Auch in diesen Erzählungen ist es der faszinierende Stil Fosses, der einen in seinen Bann zieht.