Michael Helm

Ein kleines, angenehmes Café

vom 18. September 2020

Freitags auf dem Block

Viele kleine Augenblicke begeistern mich in einer Landschaft, die dem Licht entspringt. Die Farben, die Kontraste zwischen ihrem kräftigen Erscheinen und der mittäglichen Bleichheit, dem alles überstrahlenden Weiß, dem lebendigen Pulsieren und dem schattigen gedämpft sein. 

Die Farben der Häuser sind die Farben der Erde. Es sind durcheinandergewürfelte, kleine Dörfer, die an einer sich durch die Landschaft schlängelnden Landstraße auftauchen. Von fern sehen sie aus, als hätte man einige Ockerwürfel behutsam in Händen gehalten und dann auf einen Hügel, in ein kleines Tal oder über ein Stück sandige Erde ausgestreut.

Auf einer solchen Landstraße erreichen wir Ménerbes, das sich über einen Hügel erstreckt. Picasso hatte dort ein Atelier. Die Gassen sind leer und weder Autos noch Menschen sind zu sehen. Zwischen den Gassen liegt Schatten. Selbst mittags findet man an einer Hauswand ein kühles Fleckchen, in dem man sich verkriechen kann.  

Grüne Tupfer an den Wänden.

Wir besuchen ein kleines Café. Vor dem Eingang stehen zwei Stühle um einen kleinen Tisch herum. Niemand hier. Als säßen sie sich stumm gegenüber und betrachteten still die leere Dorfgasse. Sie schweigen wie zwei ältere Herren. 

Wir treten ein. Leute sitzen, lesen Zeitung und trinken Café. Die großen Fenster sind weit geöffnet und geben den Blick über das grüne Tal frei. Um zehn Uhr morgens ist die Luft mild und angenehm. Das Reden der Gäste, das Rascheln der Zeitungen und der Duft des Cafés. Ich lasse mich auf einem Stuhl nieder. Strecke meine Beine aus und sehe hinaus. Ohne etwas zu sagen. 

Als der Maître des Hauses kommt, bestellen wir unseren Café Crème. Wir genießen die Stunden. Sitzen, schweigen, denken nach, lesen Camus. Hochzeit des Lichts. Noch einen Café Crème. Gedanken. 

Später wollen wir nach Loumarin weiter, das Grab Camus´ besuchen, auf dem Markt schlendern, erneut in einem Café sitzen. Aber das kann warten. 

Michael Helm

Über die Zeit …

vom 15. September 2020

Die erste Matinee nach dem Lock Down in Herford. Ich freue mich darauf und habe ein Thema ausgesucht, das gerade gut in unsere Zeit passt: Haben wir in den letzten Monaten nicht über die neue Langsamkeit in unserem Leben nachgedacht? Alles schien stillzustehen. Jetzt rast der Alltag wieder schneller denn je. Die Zeit und wie wir sie empfinden ist zentral in unserem Leben und Denken.

Also, wer Lust hat, seine Zeit mit Literatur zu vertrödeln, ist willkommen …
20.09.20 | Stadtbibliothek Herford | 11 Uhr | Infos

Abkühlung

vom 11. September 2020

Fotografische Biografie

Ein wenig Abkühlung könnte mit jetzt guttun.

In C-Zeiten ist vieles anstrengender. Lesungen (hurra, es gibt sie wieder!) ohne Pause, puhhh!!! Jede Routine auf dem Prüfstand, so vieles, das im Detail geprüft und im Zweifel doch anders gemacht werden muss. Vom „Wie begrüße ich meine Gäste?“ bis zum durchorganisierten WC-Gang. Und immer ist da die noch nicht völlig eingeschliffene Routine: Wo ist eigentlich meine Maske? Das wird sich ändern, ich weiß. Mensch gewöhnt sich an fast allem, sacht mein Nachbar.

Nach den ersten Lesungen und Projekten hänge ich durch. Konditionell, geistig und moralisch. Sehnsucht nach einer obigen Ansicht. Kühlung könnte ein schöner Winterspaziergang verschaffen. Aufatmen, durchatmen, einmal richtig runterkühlen. Doch erstens ist nicht die Jahreszeit dafür und zweitens plagt gleich die nächste Sorge, die einer Kühlung bedürfte. Werde ich solche Fotos auf meinen Spaziergängen vor der Haustür überhaupt je wieder machen können? Das Foto ist schon etwas älter.

Über politische Fragen will ich hier gar nicht länger nachgrübeln. Da bräuchten ein paar Zeitgenossen ganze Kuren unter Null Grad. (Kann man so etwas eigentlich verordnen?) Aber lassen wird das. Bevor ich wieder heißlaufe. Cool down, sage ich mir.

mh

Auf ein Wort

vom 04. September 2020

»Es kommt für jeden der Augenblick der Wahl und der Entscheidung: Ob er sein eigenes Leben führen will, ein höchst persönliches Leben in tiefster Fülle, oder ob er sich zu jenem falschen, seichten, erniedrigenden Dasein entschließen soll, das die Heuchelei der Welt von ihm begehrt.«

Oscar Wilde

Aktuelles zu den Lesungen

vom 01. September 2020

Spenge
Die erste Lesung Zwischen den Zeilen in der Stadtbücherei Spenge findet am 9. September statt. Wegen der Corona-Richtlinien, wird es nicht so viele Plätze wie üblich geben. Karten gibt es nur im Vorverkauf in der Stadtbücherei unter 05225 6322. Es wird keine Abendkasse geben!

Lew Tolstoi – Anna Karenina
09.09.2020 | 19.30 Uhr | Stadtbücherei Spenge
Infos

Die Lesung findet ohne Pause statt. Im Haus herrscht Maskenpflicht. Die Masken können abgenommen werden, wenn Sie sich an ihrem Platz befinden. Ich freue mich wieder bei Ihnen in Spenge sein zu können.

Herdecke
Für die Lesungen in Herdecke haben wir einen Ersatzort gefunden. In der Buchhandlung sind die Veranstaltungen nicht wie gewohnt machbar. Daher ziehen wir ins Onikon-Kino um. Wir sind den Betreibern sehr dankbar für diese Möglichkeit!
Dafür mussten wir allerdings den ersten Termin, die Irland-Lesung, um eine Woche nach hinten verschieben. Die Lesung findet nun am 1. Oktober statt.

Irland
01.10.2020 | 19.30 Uhr | Onikon-Kino Herdecke
Infos

Karten der ausgefallen Lesung im Frühjahr bleiben für diese Lesung gültig. Darüber hinaus können Sie noch Karten in der Buchhandlung Herdecke bekommen. Auch hierbei gelten natürlich die Corona-Schutzmaßnahmen.

Herford
In der Stadtbibliothek haben wir nun auch die Termine für die beiden Matineen gefunden:

Matineen in der Stadtbibliothek Herford
20.09.2020 | 11 Uhr | Die Zeit flieht, die Liebe bleibt …
22.11.2020 | 11 Uhr | Deutschland. Ein Wintermärchen

Die Lesungen werden vermutlich an einem anderen Ort in der Bibliothek stattfinden. Auch hier werden wir den Rahmen den Gesundheitsschutzregeln anpassen. Nähere Infos zu beiden Lesungen folgen hier und unter Lesungen in den nächsten Tagen.

Ich danke den Veranstaltern für das Engagement und den Mehraufwand, der in diesen Zeiten notwendig ist. Nichts ist im Augenblick normal und selbstverständlich.
Weiterhin finden Sie hier alle aktuellen Infos.

Ihr Michael Helm

YouTube-Video online

vom 28. August 2020

Als Herforder AutorInnen-Gruppe haben wir uns den neuen Medien nicht gänzlich verweigert und ein kleines gemeinsames Video produziert. Für die Aufnahme und Bearbeitung gilt unser besonderer Dank Nicolas Bröggelwirth und Christine Zeides.

Sehen können Sie das Video jetzt bei YouTube unter folgendem Link. Viel Spaß beim Schauen.

mh

Nächste Open Air-Lesung

vom 25. August 2020

Letzten Freitag war es in Herford zur Sizilien-Lesung fast trocken, ganz ohne kleine Regenschirmeinlage ging es dann aber zwischendurch doch nicht. Das konnte die Zuhörer*innen offenbar nicht in ihrer besten Laune trüben. War also ein gelungener Start in die C-Saison.

Am Freitag (28.08.20 | 18 Uhr) steht die nächste Open Air-Lesung dann in Bielefeld Brackwede an. Alle Infos zur musikalischen Lesung Leila & Madschnun finden Sie hier, oder Sie laden sich den Veranstaltungsflyer als pdf herunter.

mh

Annäherungen an eine Reise

vom 21. August 2020

Freitags auf dem Block

Prolog einer Lesung
Eine fiktive Geschichte mit dem einen oder anderen Körnchen Wahrheit.

»Eine Lesung über Sizilien?« fragte er. »Warum machen Sie das?« und er kritzelte meinen Namen auf seinen Block.
»Weil ich vor einigen Jahren dorthin gereist bin«, antwortete ich.
»Und warum ausgerechnet nach Sizilien?«
»Weil ich Italien, speziell Süditalien interessant finde – oder vielmehr spannend, vielleicht bezaubernd?«
»Hm hm«, machte er und schrieb Unlesbares.
»Nun ja, es könnte genauso gut die Provence, Lissabon oder Prag sein; aber vielleicht wegen der Landschaft, der Leute, der Kunst, der antiken Geschichte?«
»Wegen Geschichte und Kunst also?« 
»Ja und Literatur; also Goethe war da.«
»Ach ja, Goethe war da, … der war also auch da?« Er kritzelte wohl Goethe war auch da auf seinen Block.
»Eben der Atem der Jahrtausende, verstehen Sie …?« sagte ich unsicher.

Sizilien Lesung mit Michael Helm
Stadtbibliothek Herford | 21.08.2020 | 19.30 Uhr | Infos
Im Hinterhof der Stadtbibliothek (open air)
Veranstaltet vom Förderverein Buch.Bar

Der Mann von der Zeitung starrte mich etwas befremdet an. Wieder einmal konnte ich nicht ausdrücken, warum ich etwas tat. Warum in mir dieses Gefühl war, es nicht lassen zu können, etwas zu vermissen, wenn ich es nicht täte. Alles was ich gesagt hatte, war richtig und verständlich und doch, irgendwie …

»Lassen Sie mich eine Geschichte erzählen«, sagte ich und jetzt war ich in meinem Element. »Wissen Sie, in der kleinen Stadt, in der ich aufwuchs, im Ruhrgebiet, fand jedes Jahr ein kleines Volksfest statt. Erbsensuppe, heimischer Honig, gegrillte Würstchen und so. Eine ganze Woche im Mai hatten die Leute rund um das Rathaus und die alte Stiftskirche einen Heidenspaß. Es gab Buden, es gab Musik und Spiele und natürlich diesen Wettlauf, bei dem wir Kinder ein Art Jutesack trugen, weil die Männer in früheren Zeiten die Kartoffeln in riesigen Säcken auf ihrem Rücken zum Marktplatz in den Ort getragen hatten. Im Stolz auf diese Sackträgertradition liefen wir Kinder, angetrieben von den zahlreichen Passanten, mit unseren Kartoffelsäcken und den schlotternden Holzschuhen an unseren Füßen auf dem unebenen Kopfsteinpflaster um die Wette. Ein riesiger Spaß, den ich mein Leben lang nicht vergessen werde – und jetzt kommt´s – den nicht selten ein Alessio, ein Antonio oder eine Giulia gewann. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen, dass es die italienischen Väter waren, die ihre bambini so aufgeregt anfeuerten. Und wenn Antonio am Ende wirklich gewonnen hatte, dann wurde er unter großem Hallo von einem Vater zum nächsten in den Himmel gereicht. 

Es waren die damals so geschimpften „Gastarbeiter“, die mit zunehmender Begeisterung die Stimmung auf unseren Festen ausmachten. Auch wenn sich meine Großeltern ziemlich darüber verwundert haben, dass Gerüche wie Thymian, Majoran und Knoblauch, neben das Bratwurst- und Gulaschsuppenambiente traten, fand ich die ausgelassene Stimmung, die Antonios und Santinos Familien verbreiteten, nahezu ansteckend.

In der Schule hatte ich die Jungen für Nachbarn gehalten und dabei gar nicht an Florenz, Neapel oder Palermo gedacht. Das waren die Jungs von nebenan. Ich sage Ihnen, die Ausgelassenheit deutsch-italienischer Volksfeste hat sich mir eingeprägt und ist zu einem Gefühl von Heimat und Kindheit geworden. 

Das waren die Jungs von nebenan

Und übrigens ist das beste Restaurant in der Stadt unser Sizilianer – der Edelitaliener! Seine Antipasti sind unübertroffen, perfettamente.

Wenn wir ihm erzählen, dass wir seine Heimat besuchen, dann bekommt er funkelnde Augen. Ich weiß, es ist das Glühen des Etnas in seinem Blick, das den Sizilianer vom Pizzabäcker aus Bari unterscheidet. Wenn er Zeit hat, setzt sich Santino zu uns an den Tisch und plaudert. Ihn frage ich, ob es due espressi heißen müsse, um mich nicht in seiner Heimat zu blamieren.

»No no, ganz falsch«, sagt er dann grinsend.

»In Sizilien bestellt niemand due espressi! Due caffè, ganz einfach. Du bestellst due caffè und bekommst was du möchtest. Die Tasse Kaffee, die ihr zu Kaffee und Kuchen bestellt, heißt caffè americano.« Er lacht sich richtig in Rage. »Und bitte bestell´ nie ein …, wie heißt das: ein Kännchen?«

Auch der Reporter schmunzelte nun und stellte keine weiteren Fragen. Ich hätte wahrscheinlich nicht eine wirklich beantworten können und er wäre ja auch gar nicht dazwischen gekommen, denn ich war mit meiner persönlichen sizilianischen Geschichte noch lange nicht fertig …

Michael Helm

Erste Lesung nach der Zwangspause

vom 18. August 2020

Ich freue mich!
Wieder einmal auftreten!
Wer hat Lust zu kommen?
Reisen wir doch einfach gemeinsam nach Sizilien.
Wann? Wo? Wie?
Hier gibts alle Infos!

mh

Etna

vom 14. August 2020

Fotografische Biografie

„(…) dann schließt der ungeheure, dampfende Feuerberg das weite, breite Bild, aber nicht schrecklich, denn die mildernde Atmosphäre zeigt ihn entfernter und sanfter, als er ist.“ 

So beschrieb Goethe seinen Anblick des Etnas. Er schaute einst vom antiken Theater in Taormina auf den Berg. 

Vor mir liegt er majestätisch kühl. Es juckt ihn gar nicht. Dass ich hier bin. Dass ich ihn betrachte. Über das Vergangene nachdenke, wie ich es an solchen Orten gerne tue. Im Denken handeln. Sich im Anblick der Welt verändern lassen. Im Anblick dieses Berges. 

Ich muss ihn nicht heilig nennen, wie die Griechen. Sie bauten ihr Theater so, dass er alles überragte. Das menschliche Schicksal. Das Spiel im Theater. Er war ihnen mehr, als nur Kulisse. 

Seinen Launen haben wir uns zu fügen. Bedeckt er sich, sehen wir ihn nicht. Beginnt er zu rasen, dann haben wir uns unterzuordnen. Wir können das beklagen oder nicht. Es juckt ihn nicht, wie wir ihn nennen.

In ihrer Selbstvergötterung verbauten die Römer den Blick der unteren Ränge auf den Etna mit einer Theatermauer. Heute liegt sie eingefallen vor uns. Sie wollten ihn nicht mehr sehen müssen. 

Wir können unsere Augen schließen. Fort ist er nicht. Da ist es vielleicht besser, offenen Auges hinzuschauen, sich beeindrucken zu lassen, wie Goethe es tat. Sehend werden. 

mh