Michael Helm

HörBar

Texte müssen laut sein. Nicht allein im Kopf sollen sie klingen. Sie müssen einen Raum erfüllen, weit greifen. Sie müssen das Klangspiel werden, in dem sich Gedanken austoben können.

Kafka und der Bibliothekar

Als ich eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand ich mich in meinem Bett zu einer ungeheueren Leseratte verwandelt. So klingt es oft, wenn „wichtige“ Menschen von ihrer frühen Literaturberufung sprechen. Da haben bedeutende Persönlichkeiten Kafka mit zehn, Camus mit zwölf und den Ulysses mit vierzehn Jahren gelesen. Da erbleicht jeder Zuhörer in ehrfürchtiger Bewunderung. Ich möchte mich dieser literarischen Früherweckung auch gerne rühmen. Leider hat die Sache mit Kafka in meinem Leben einen sehr prosaischen Haken. (…)

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Nicht-Empfehlung der Woche

Es gibt Menschen, die einem Hilfe bei der Auswahl guter Lektüre sind, die wichtigsten: der Buchhändler meines Vertrauens und die, mit meiner Lesebesessenheit vertraute, Bibliothekarin. Letztere entzog meinem neugierigen Blick just eine Neuerscheinung mit den Worten: „schwervermittelbar und stinkt!“ (…)

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Das Feuerzeug

Man räumte den Müll fort. Die kleine Autobahnraststätte direkt hinter der Grenze war voller Leute; Leute, die sich nicht kannten. Ein Mann am Tresen holte ein Feuerzeug aus seinem Mantel und zündete sich an der kleinen, flackernden Flamme seine Zigarette an. Der Mann hinter der hölzernen Theke stellte ein Bier vor ihn auf den Deckel und griff, während er mit der anderen Hand schon nach einem Geschirrtuch langte, nach den Münzen, die neben dem Bierdeckel mit einem leergetrunkenen Glas lagen. (…)

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Weitere Audioschnipsel finden Sie auf dem Block. Jeden Freitag gibt es dort etwas neues zu Hören, zu Lesen, anzuschauen und zum Stöbern. Schauen Sie mal drauf, auf meinen Block.

Franz Kafka – Vor dem Gesetz

Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, daß er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er also später werde eintreten dürfen. »Es ist möglich«, sagt der Türhüter, »jetzt aber nicht.« …

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Kurt Tucholsky – Blick in ferne Zukunft

… Und wenn alles vorüber ist –; wenn sich das alles totgelaufen hat: der Hordenwahnsinn, die Wonne, in Massen aufzutreten, in Massen zu brüllen und in Gruppen Fahnen zu schwenken, wenn diese Zeitkrankheit vergangen ist, die die niedrigen Eigenschaften des Menschen zu guten umlügt; wenn die Leute zwar nicht klüger, aber müde geworden sind; wenn alle Kämpfe um den Faschismus ausgekämpft und wenn die letzten freiheitlichen Emigranten dahingeschieden sind –: …

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Denkmal

Ich wunderte mich, den Mann hier zu treffen. Er saß auf einer Bank und starrte über die Straße hinüber zum Bolschoi-Theater. Ich erkannte ihn an seinem rauschenden Bart. Meines Wissens hatte er die Stadt nie besucht. …

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