Michael Helm

Michael Helm

Ein ruhiges Wort, eine eindringliche Sprache.

Michael Helm ist Schriftsteller und Rezitator. Er gibt nicht nur seinen eigenen Texten eine Stimme. Zu ganz unterschiedlichen Autoren macht er Lesungen, wie auch literarisch-musikalische Programme.

Aus dem Block …

Corona

Eine Kolumne von Frank Müller zum Hören & Lesen

Neulich saß ich in unserem Garten und lauschte den Brunftschreien der Kohlmeisen, das Eichhorn schwang sich von Ast zu Ast, die Amsel brach durchs Unterholz, und der Rosmarin roch so verlockend nach Lammkeule – oder war es umgekehrt? Jedenfalls dachte ich: Irgendwas ist doch hier verkehrt. Ich sitze hier und freue mich meines Lebens, während die Welt da draußen verrückt spielt. Doch, halt: Nicht die ganze Welt! Wir befinden uns im Jahr 2020. Ganz Europa ist vom Coronavirus besetzt… Ganz Europa? Nein! Ein von unbeugsamen Teutonen besetztes Mitteleuropa hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten.

Corona, gelesen von Frank Müller
(Die Aufnahme entstand im Home Office. Kleinere Aufnahmemängel bitten wir daher allein dem Virus anzulasten.)

Hier gibt es Spargel, die Autoindustrie bekommt Subventionen, und es wird Fußball gespielt. Oder sagen wir: kind of. Es ist eher ein Produkt dieses Namens, das verkauft wird, um die Branche irgendwie am Laufen zu halten. Man verkauft also eine Sache, die man aller Eigenschaften beraubt hat, die sie genuin auszeichnen. Positiv formuliert: ohne jedes ablenkendes Beiwerk. Verstanden? Nein? Also, sagen wir: VW verkauft Autos ohne Motor und Räder, aber superbequem und mit super connectivity zu baugleichen Autos, die auf der Straße herumstehen wie die Stelen auf der Osterinsel. Blödes Beispiel – klar. Ist aber Kapitalismus. Entschuldigung – ich schweife ab. Fußball und Kapitalismus, der Vergleich kann ja nicht gutgehen. Wenn Sie jetzt sagen: Da ist ja jede Runde „FIFA2020“ auf der Konsole spannender!, muss ich diesen Einwurf (sic!) als höchst unsachlich zurückweisen. Gut: die Fans sollten vielleicht doch den Spielen beiwohnen dürfen, unter Auflagen, versteht sich: Fangesänge bitte nur in die Armbeuge, und husten nur in die Kniekehle. Und schön benehmen. Die Spieler natürlich auch: Begrüßung nicht per Handschlag, sondern per Fußtritt oder Ellenbogencheck, Fouls nur aus Einskommafünf Meter Abstand, und vor dem Elfer schön den Ball desinfizieren, damit der Torwart sich nicht ansteckt. Fußball ist das Vorbild für alle, ALLE WELT SCHAUT JÄTZT AUF DEN TEUTSCHEN FUSZBALL!!! Anders gesagt: Fußball ist jetzt systemrelevant. So scheint es. Obwohl:  Als systemrelevant bezeichnet man jetzt Menschen, die man früher schlecht bezahlt und wie Fußabtreter behandelt hat, denen man jetzt aber frenetisch applaudiert und sie hinterher immer noch schlecht bezahlt. Das Pokalfinale soll übrigens stattfinden, zwar nicht im Berliner Olympiastadion, sondern in der Augsburger Puppenkiste, als Geisterspiel, übertragen und kommentiert auf Sky. „Nosferatu, der der rechte Läufer der Transsylvanier, am Ball. Er hat den Ball – verloren diesmal  – Kopfball – abgewehrt – aus dem Hintergrund müsste Drosten impfen – Drosten impft! – Tooooor! Tooooor! Tooooor! – Die Bayern sind Meister!“

Frank Müller ist Patentanwalt aus Bielefeld, Jahrgang 1969, war bis 2007 Redakteur des Hörfunkmagazins »Literadium« und veröffentlichte dort u.a. Kolumnen und kurze Prosa. 2007 erhielt er den LfM-Bürgermedienpreis. Von 2008 bis 2015 las er seine Kolumnen im Rahmen der Sonntagsmatineen »Café…Lese…Lust« in der Stadtbibliothek Herford.

Ach, der öde Fußball, sagen Sie vielleicht, es gibt Wichtigeres. Friseurbesuche. Die plötzlich aufkeimende Sehnsucht nach einem Friseur kann ich wiederum  – was Sie vielleicht wiederum überrascht – gut verstehen. Ich erinnere mich gut an einen Urlaub in Irland, an dem mir mein Schopf lästig wurde, ich aber vor einem Besuch beim örtlichen barbershop in der nächsten Kleinstadt zurückschreckte. Mich quälte die fixe Idee, dass die vermeintlich allgegenwärtigen Schafscherer, die man tagsüber auf der Weide und abends im Pub antreffen konnte, sich außerhalb der Saison beim Barbier verdingten. Die Vorstellung, einer dieser vierschrötigen Kerle würde plötzlich aus dem toten Winkel des Frisierspiegels auftauchen, mich von hinten packen, aus dem Frisierstuhl heben, mich in Sekundenbruchteilen zu Boden zwingen und mit der Schafschere sein Werk an mir verrichten, ließ mich nicht los und ließ mich letztlich ungeschoren nach Hause fahren. Seither meide ich Friseursalons, die neben Gaststätten oder Grasflächen gelegen sind, unwillkürlich. Es versteht sich, dass solche Bedenken andernorts und in dieser Zeit unbegründet sind.

Nun mögen Sie einwenden, es gebe auch noch Wichtigeres als Friseurbesuche. Toilettenpapier zum Beispiel. Den Zusammenhang zwischen Hamsterkäufen und Toilettenpapier habe ich bis heute, nachdem das Phänomen an sich längst vorüber und auch hinlänglich erörtert worden ist, nicht verstanden. Hamster brauchen kein Toilettenpapier, es sei denn, sie bauen sich vielleicht Nester daraus, doch wer jetzt kein Nest hat, baut sich keines mehr, und mir persönlich scheint das auch unwahrscheinlich, ich bin aber kein Zoologe und auch kein Virologe. Wir selbst brauchten natürlich, unserem gewöhnliches Bedarf entsprechend, irgendwann trotzdem welches, in haushaltsüblicher Menge, wie man zu sagen pflegte, und es gelang uns, eine letzte Packung italienischer Provenienz zu ergattern. Dies erkannten wir leicht anhand der Aufschrift, die bei uns – im Hinblick auf den Inhalt vielleicht abwegig, in Anbetracht der Umstände aber sicher verständlich – Sehnsucht nach dem Süden weckte, aber auch daran, dass bei näherem Hinsehen die Blätter ein anderes Format aufwiesen als bei uns üblich. Daran wiederum erkannte ich sofort, wie deutsch ich eigentlich bin. Das Format eines Blättchens Toilettenpapier könnte mir ja wortwörtlich scheissegal sein, aber: ich bin mir hundertprozentig sicher, dass eine DIN-Norm existiert, die das Verhältnis von Länge zu Breite genau festlegt und auch die Stärke der Perforation. Und selbst wenn es nicht so sein sollte: Allein die Tatsache, dass ich mir dessen so sicher bin und dass ich mir überhaupt Gedanken darüber mache, zeichnet mich, nach meinem eigenen Verständnis des Deutschseins, jedenfalls als Deutschen aus. Das Gefühl, das alles seine Ordnung hat, gibt mir Sicherheit auch in der Krise, auch mit minderwertigem Toilettenpapier, Geistersport und schlimmer Frisur.

  © Frank Müller 2020

Alles beginnt mit …

Eine musikalische Biografie I

In „sozialen Medien“ bin ich auf die Idee gekommen. Dort posten Leute insgesamt zehn Musikalben, die in ihrem Leben bedeutend waren. Eigentlich finde ich die Idee gut, aber dort werden oft nur Plattencover gezeigt (die man kennt oder nicht) und meist steht nicht viel dazu geschrieben. Aber gerade das würde mich doch interessieren. Dass viele meiner „Follower“ Bob Dylan gehört haben, geschenkt. Warum? Zu welcher Zeit? In welcher Situation? Hier also jetzt ein erster Text (ohne Cover) …

ES WAR DER FILM! Wir gingen fast in jedes Studiokino der Umgebung, wenn er angekündigt war. Das war besser als jeder Discobesuch, in diesen altmodischen kleinen Kinosälen. Saal ist übertrieben.

Um noch Karten zu bekommen, mussten wir meist früh da sein. Wir bekamen dann diese kleinen Abrisskärtchen, durchnummeriert, aber ohne konkreten Aufdruck, die man wochenlang in der Jackentasche mit sich herumtrug und nicht wusste, in welchem Film man damit gewesen war. Der Freund war immer dabei, der, der mich überhaupt auf die Band gebracht hatte, und dessen Vater alle ihre Platten aus den 60ern und 70ern im Plattenregal hatte. An den Kinoabenden kamen dann noch lose Schulfreunde hinzu. Niemand sah den Film zum ersten Mal, aber der Freund und ich brachten in den Jahren wahrscheinlich weit über fünfzehn, vielleicht sogar über zwanzig Kinobesuche des Films zusammen. Das waren keine Nächte vor dem Video- oder DVD-Player. Nein, Kinoerlebnisse, das war Kult. Die roten Kinosessel zum Reinfleetzen. Der etwas muffige Geruch. Die Leute alle etwas anders drauf, als bei den großwandigen Hollywood-Schinken, in die wir natürlich auch gingen, die dem Film natürlich nicht das Wasser reichen konnten. Absolut gar nicht! Überhaupt keine Frage. Wir waren da schon echt anders. Reflektierter, intellektueller, vor allem aber arroganter. 

„Die Musik ging mir tagelang unter die Haut“

Kamen wir aus dem Kino, war mir der Film tief ins Gesicht geschrieben. Es folgten Diskussionen bis tief in die Nacht: jede Szene rauf und runter. Der Junge, der die Hand des fremden Vaters auf dem Spielplatz ergreift und abgewiesen wird. Der Tunnel und die maskenhaften Gesichter, dicht gedrängt in einem vorbeirasenden Zug. Die Zeichentricksequenzen. Natürlich das Gewürm, das expressiv aus der Haut platzt. Die Musik ging mir tagelang unter die Haut. Die Bilder kamen immer wieder hervor. Morgens im Unterricht, dem ich dann zweigleisig folgen musste, weil die Gedanken an die Filmszenen nicht verblassten. Und ich wollte ja auch gar nicht, dass sie verschwanden. Sie waren Gedankenfutter, überlagerten die schnöden Schulthemen. Hin und her haben wir die Texte von Waters gedreht, sie wurden unser alltäglicher Wortschatz, haben immer und immer wieder die Gilmour-Passagen auf der LP gehört, bis die Rillen mit der Zeit erheblich tiefer geworden sein müssen. 

Die Pink Floyd-Platte The Wall beginnt für mich mit dem Film. Er wurde fast zur Manie. Und die Diskussionen im Anschluss endeten nicht selten in Streitigkeiten mit den armen Zeitgenossen, die es wagten, den Film nicht zu mögen. Welch ein Kulturbanausentum, schrie ich. Reuig entschuldige ich mich rückblickend für die Arroganz meiner vehementen Gegenrede. Die hat Freundschaften auf´s Spiel gesetzt, ich weiß. Und wahrscheinlich habe ich ziemlichen Unsinn geredet. 

Pink Floyd – The Wall (Film, 1982)
Regie: Alan Parker
Drehbuch: Roger Waters
Hauptrolle: Bob Geldorf (Pink)

Aber es machte mich damals schon krank, wenn Another brick in the wall Part II — das so populär geworden war — bei Schulaufführungen gut gemeint und schlecht inszeniert getänzelt auf die Bühne kam, nur, weil es doch ach so viel mit der Lebenswelt Schule zu tun hatte. Glaubten die Lehrer. Das machte mich so wütend — und ungerecht. Es war vielleicht nur der Ausbruch meiner eigenen angekratzten Selbstgewissheit. Die Musik hat mich gefordert, vielleicht sogar überfordert. Es ist das Wesen der Musik, die einen lebenslang begleitet.

The Wall wurde die Platte, mit der ich etwas in mir fand, das ich vorher nicht gekannt hatte. Viele der Themen auf der LP bewegen mich noch immer (auch wenn ich mittlerweile meist andere Pink Floyd-Platten spiele): die Fragen nach den Folgen des Kriegs, nach den Ursachen faschistischer Tendenzen und nach der Einsamkeit des Protagonisten. Noch heute greifen mich einzelne Passagen von The Wall so an, dass ich sie nicht immer hören kann. Comfortably Numb ist für mich kein Hörerlebnis, sondern eine physische Erfahrung. Gleichfalls zeigt es mir, wie tief verwurzelt die Musik in einem liegen muss, dass sie mich ein Leben lang begleitet.

Pink Floyd – The Wall (LP, 1979)
Roger Waters (Bass & Gesang)
David Gilmour (Gitarre & Gesang)
Richard Wright (Keyboard & Gesang)
Nick Mason (Schlagzeug & Percussion)

Michael Helm