MICHAEL HELM

Ein ruhiges Wort, eine eindringliche Sprache.

Seine Stimme ist prägend für seine Arbeiten. Michael Helm ist Schriftsteller und Rezitator. Er gibt Texten Klang. Da fliegen Sätze und Töne hin und her, im Wortspiel seiner Aufführungen. Michael Helm arbeitet auch mit jungen Menschen in Schreib- und Vorlesewerkstätten.

Mai/Juni 2026

Campo de´ Fiori

Michael Helm

Es liegt zwischen Gässchen und Winkeln, als ziere es sich, obwohl alle Römer es kennen: das Blumenfeld. Es verdankt seinen Namen den Blumen fiori, die hier im Mittelalter wild wuchsen. Folgt man morgens der schmalen römischen Gasse — verstellt mit Kleinwagen und Rollern — deren Häuser hervorschauen zwischen Bougainvillen, zwischen Geranien und Yuccas, dann öffnet es sich in aller Farbigkeit. Grüne, rote und gelbe Peperoni hängen bei weißen und rötlichen Zwiebeln, neben Knoblauch und über Orangen, Tomaten und Erdbeeren; alles kunterbunt durcheinander, wie auf einer Frühjahrswiese. Campo de´ Fiori. Gerüche von Kräutern und Gewürzen. Geklapper von Kisten und Ständen. Das Blumenfeld. Die alte Zeigerwaage wiegt die Wünsche nach frischem Gemüse, nach Obst aller erdenklichen Sorten gegen einigen Münzen auf. Am nächsten Stand wühlen Menschen zwischen Sommerhüten und Seidentüchern. Italienisches Palaver schwillt an und ab zwischen den Ständen des morgendlichen Marktes. Am Rande des Ganzen hockt ein kleiner Hund auf der Fußablage eines Motorrollers. Den Kopf reckt er genüsslich nach oben und schnuppert. Er betrachtet das menschliche Treiben des Marktes mit Gleichgültigkeit. Des Morgens ist er der kleine Herr des Campo de´ Fiori auf seinem Roller. Als gäbe es da einen Zweifel.

Der Ort verändert sich jedoch im Licht. Obst- und Gemüsestände sind am Nachmittag verschwunden und der Campo öffnet sich unseren Blicken. Da ragt inmitten des Platzes ein Standbild auf, das im geschäftigen Treiben untergegangen schien. Die düstere Gestalt auf ihrem Sockel hatte den ganzen Morgen unbewegt über die Marktstände geschaut. Nun blickt sie nachdenklich auf den Campo. Das Gesicht des Mannes bleibt unter der Kapuze der Mönchskutte verborgen. Er scheint dort gerade erst stehengeblieben zu sein. Seine Arme hält er vor der Kutte verschränkt, seine Hände haben sich nicht gefunden; sie schwören nicht ab. Stattdessen, so scheint es, hält er fest an der Gewissheit eines Buches, das er sich an den Leib drückt.

Bricht der Abend herein, wird der Platz dunkler und die Lampen erleuchten ihn spärlich. Verstohlen tastet das künstliche Licht der Laternen sich über den Campo. Den Mönch umgeben erleuchtete, kleine Geschäfte. Die Restaurants öffnen, die Tische rings um den Platz füllen sich. Das abendliche Leben des Campo de´ Fiori beginnt. Gelblich-orange schimmert das Licht zu Füßen des Mönches und klettert langsam empor am steinernen Sockel. Er steht ungerührt inmitten des römischen Platzes. Menschen gehen vorüber. Sie lassen sich am Fuß des Postamentes nieder. Sie genießen ihr Essen, den Wein, die besondere Atmosphäre eines Ortes, der durch sein Lichtspiel verzaubert. Ringsum ist Leben, ist Ausgelassenheit, ist Leichtigkeit.

Sein verborgener Blick liegt auf dem Campo. Was wäre, wenn der einsame Mönch dort oben nicht ausharrte? Eintausendsechshundert Jahre nach Christus wurde Giordano Bruno hier zum Scheiterhaufen geführt. Acht Jahre Haft. Der Prozess der Inquisition. In der Dämmerung schaut er von seinem Postament auf die Menschen in den Bars und Restaurants. Inmitten des römischen Lebens, inmitten des Lichtes, das sich zu seinen Füßen in der Dunkelheit ausbreitet. Der helle Sandstein des Postaments flimmert leicht im Licht der Laternen, während sich die Gestalt dort oben in ihrem Umhang unserem Blick in die Dunkelheit entzieht.