Michael Helm

Ein Zitat

vom 18. Mai 2020

„Jeder Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einem, wenn man hinabsieht.“

Georg Büchner, Woyzeck

Ikarien

vom 15. Mai 2020

Freitags auf dem Block

Gedanken zum Roman von Uwe Timm

Michael Hansen kehrt 1945 als amerikanischer Offizier in das Land seiner Geburt zurück, nach Deutschland. Sein Auftrag für den amerikanischen Geheimdienst: die Bedeutung des deutschen Eugenikers Alfred Ploetz für die nationalsozialistische Ideologie zu untersuchen. Hansen kommt in den letzten Kriegstagen in ein völlig zerstörtes Land. Ploetz ist bereits tot, aber Michael Hansen trifft dessen Weggefährten seit Schultagen, den Antiquar und Publizisten Wagner, und beginnt den alten Mann über Ploetz zu befragen. 

Uwe Timm – Ikarien
Roman
Kiepenheuer & Witsch, 2017, 506 Seiten

In den mehrtägigen Interviews mit Wagner erzählt der Autor Uwe Timm die Geschichte der historischen Person Alfred Ploetz und bettet diese reale Figur ein in eine fiktive Romanhandlung. Das Aufeinandertreffen der Romanfigur Wagners mit der historischen des Alfred Ploetz bildet das literarische Gerüst des Romans. 

Wagner redet über den alten Freund, über gemeinsame Tage, Dispute, über Persönliches im Umgang miteinander. Und Wagner schildert rückblickend die Lebensgeschichte des Chefeugenikers der Nationalsozialisten. Er kann sie persönlich einordnen, bewerten, sich nähern, sich aber auch distanzieren — beurteilen und verurteilen. In Wagners Erinnerungen, die durch typische Abschweifungen, Selbstbetrachtungen und Schleifen gekennzeichnet sind, wird Wagner zu einer tragenden (Gegen-) Figur des Romans.

Hängen beide Protagonisten in ihren jungen Lebensjahren noch sozialistischen Utopien an, wird sie ihr Lebensweg in entgegengesetzte Richtungen führen. Wagner bleibt den frühen Ideen treu, Alfred Ploetz hingegen wird zum Rassenhygieniker.

Eindrucksvoll ist es, diese Entfremdung beider zu verfolgen, zumal sie sich aus einer völlig unterschiedlichen Bewertung derselben Ereignisse ergibt. Die Beobachtung gesellschaftlicher Begebnisse führt hier zu diametral entgegengesetzten Weltbildern.

In diesem Spannungsfeld bewegt sich die Figur des Interviewers, des Offiziers Michael Hansen. Gleichzeitig schaut er auf die Interviewerzählung aus der Sicht des unmittelbaren Nachkriegsbeobachters und Deutschamerikaners. Es ist der Blick auf die Entwicklung der Eugenik bis hin zur Rassenideologie der Nationalsozialisten vom Ende her betrachtet — nach der Befreiung und mit dem schonungslosen Blick auf die Folgen des Krieges und der Naziideologie. 

Uwe Timm versteht es, die verschiedenen Zeiten, Orte und Handlungsstränge, aber auch die verschiedenen Formen des Erzählens (Tagebuchpassagen, Interviewmitschnitte, personale Erzählsituationen) geschickt stilistisch zu verflechten. Gerade das erste und die letzten Kapitel besitzen eine besondere erzählerische Finesse, die mir gefallen hat. 

Manchem mögen die gesellschaftstheoretischen Betrachtungen zwischenzeitlich vielleicht etwas lang werden, aber das Konzept, einen Roman um die biografischen Begebenheiten der historischen Figur des Alfred Ploetz herum zu bauen, geht für mich auf. Eine reine Biografie hätte die unterschiedlichen romanhaften Perspektiven auf die Person Ploetz und die Geschichte der Eugenik nicht ermöglicht.

Der Roman ist ein gelungenes Zeitbild und ein geschicktes Spiel mit der Betrachtung historischer und gesellschaftlicher Ereignisse, die selbst zur Betrachtung wird.

mh

Berührung im Nebel

vom 08. Mai 2020

Freitags auf dem Block

Das alles geschah wie in einem Nebel. Die Musik drang hindurch, ein paar Lichtstrahlen, ein Jazzbesen strich seinen Takt … die Enge des Jazzkellers … Schleierfetzen wabernden Kohlenoxids: Wir hatten etwas zu viel Rotwein getrunken, uns amüsiert. Bernd sprach Worte, die niemand verstand, dann schwieg die Snare, die Unruhe begann. Ich klatschte. Da spürte ich einen Arm, Finger, die an meiner Hand vorbeistrichen. Das Weinglas, vor mir, verschwand einfach. Keine große Bewegung, kein Wort, kein Laut, nur die Geste im Nebel. Eine junge Frau erhob sich mit meinem Glas und weil ein Scheinwerfer sie vorübergehend anstrahlte, sah ich eine Nuance ihres Gesichts, sonst Schatten. Mit dem leicht geschwenkten Rotwein und einer Freundin war sie beinahe verschwunden. Jedoch …, bevor sie unter einem der Gewölbebögen abtauchte, sah ich, wie sie das Glas an den Mund führte, wie mein Wein ihre Lippen berührte … ein unsichtbarer Kuss lag auf ihnen. Ich lächelte still vor mich hin. 

Michael Helm

Unglaubliches in C-Zeiten

vom 05. Mai 2020

Aufgelesenes VII

Es gibt Tage, die sind zum Kotzen. (Schuldigung, aber so heißt dat nun mal bei uns im Pott.) Es gibt Tage, die sind so schnell vorbei, obwohl ich im gewerkschaftlichen Sinne nicht gearbeitet habe. Wenn ich mir jetzt aber anschaue, was ich im März und April so alles gelesen habe, dann muss ich mich schleunigst nach einer anderen Definition für Arbeit umsehen.

Ich führe ein kleines Lesetagebuch und dahinein verirrte sich jüngst mein überraschter Blick. Das sprengt im Augenblick alles Dagewesene. Plötzlich habe ich Zeit für Bücher, die längst im Regalhintergrund verschwunden waren. Jetzt räume ich andere vorwitzige Exemplare aus der ersten Reihe zur Seite und entdecke … Unglaubliches:

Max von der Grün – Stellenweise Glatteis, Flächenbrand, Die Lawine. Wolfgang Koeppen – Das Treibhaus, Tod in Rom. Klaus Böldl – Der Atem der Vögel, Der nächtliche Lehrer. Georg Büchner – mal wieder den Lenz. Hans-Ulrich Treichel, Juli Zeh, Mathijs Deen, Jon Fosse und und und …

Und endlich mal wieder Zeit, mich durch Sachbücher – wie die zur jungen Bundesrepublik – durchzuwälzen. Und niemand ruft an! Nicht einmal mein lieber Freund und Kollege Jürgen E., der dann immer in den Hörer schrie: „Aaaarbeit!“

Gibt’s nicht mehr, aus, finito.

Allerdings …, manchmal vermisse ich sie eben doch, die Schüler, die mich liebevoll nerven, das Publikum, das dann alles wirklich ganz genau wissen möchte, die Veranstalter die dieses und jenes wollen (wer will das nicht?) und die lieben Kollegen, die alles besser gestern erledigt wissen müssen. Ach, was hab´ ich euch alle lieb!

Tja, Arbeit, wie immer man sie definiert, sie kann so schön sein.

mh

PS. Bevor alle besorgt nachfragen: Nein, ich habe meinen Job nicht drangegeben. Aber ich brenne momentan eben nur innerlich. ;)

Zufällig

vom 01. Mai 2020

Erzähl-Miniatur von Michael Helm

Kolja war nicht mehr jung. Kolja war nicht mehr schön. Kolja war auch nur zufällig hier. Es war stickig auf dem Platz, aber die Strickmütze trug er immer. Seine schlichte Jacke hatte er im Rettungshangar organisiert. Dort kümmerte man sich, wenn er Ruhe brauchte. Eine Zigarette ohne Gequatsche und den Stress auf der Straße. Das Bolschoi erstrahlte im Licht. Kolja sah aus einiger Entfernung hinüber. Nah genug, um die junge Frau zu betrachten. Weit genug, um nicht gesehen zu werden. Sie war jung. Sie war schön. Sie warf sich in Pose vor dem Bolschoi. Ihre Haare flogen im Wind, den ein kleiner Handventilator erzeugte. Sie lachte, sie strahlte, streckte und drehte sich in ihrem engen Kleid. Sie machte ein gutes Bild vor dem Bolschoi. Der Mann fotografierte sie mit seinem Smartphone. Hundertmal. Ein Bild für die Welt. Nein, Kolja war nicht mehr jung. Kolja war nicht mehr schön. Und während die Dame von Welt zwischen den Säulen des Bolschoi-Theaters verschwand, suchte sich Kolja eine Bleibe für die kommende Nacht. Er war ja nur zufällig hier.

Matinee in Herford entfällt

vom 28. April 2020

Es ist ja nichts Neues mehr. Aber nun ist es für meine letzte Lesung vor den Sommerferien auch amtlich: Die Matinee zu Heinrich Heine (Infos) in der Stadtbibliothek Herford am 10. Mai wird entfallen.

Da wir alle nicht wissen, wie es weitergehen wird, würde ich Sie bitten, hier regelmäßig nach zukünftigen Lesungen zu schauen. (Die Webseite ist neben Facebook mein einziger Draht zu Ihnen.)

Natürlich haben wir bereits Lesungen für den Herbst und das nächste Jahr in Planung. Das gilt für die Buchhandlung Herdecke, wie die Stadtbücherei Spenge, als auch die Herforder Stadtbibliothek. Aber es ist der Coronazeit geschuldet, dass die meisten Lesungen noch nicht auf der Veranstaltungsseite angekündigt sind. Das kann sich dann auch relativ kurzfristig ergeben. Wir dürfen alle gespannt sein!

Da die Schulen im Augenblick natürlich damit beschäftigt sind, die Jahrgänge zu betreuen, die vor einem Abschluss stehen und selbstverständlich erst einmal versuchen in den Kernbereichen für Schüler und Eltern da zu sein, finden auch die Lesescoutprojekte im Augenblick nicht statt.

Ich nutze die Zeit, um mich für ein Leben nach Corona vorzubereiten. Ihnen wünsche ich alles Gute. Bleiben Sie gesund. Denken Sie an diejenigen, die Ihre Solidarität und Hilfe brauchen.

Und schauen Sie doch einfach regelmäßig hier vorbei. Auf dem Block gibt es wöchentlich etwas Neues!

Ihr Michael Helm

Waldgedanken

vom 24. April 2020

Eine fotografische Biografie

Ich bin im Wald groß geworden. Nicht in einem germanischen Urwald, eher in einem durchschnittsdeutschen Kulturwald, nichts Besonderes. Wenn ich mit meinen Gedanken allein sein muss, wenn mir alles auf die Nerven geht (wie gerade jetzt), wenn ich keine Ideen mehr habe, dann verbringe ich Stunden im Wald. Wenn es geht täglich. Allein.

mh

Eine kleine moralische Geschichte

vom 17. April 2020

Freitags auf dem Block

Er dachte sofort an Uroma Adele. Das Café war nicht gut besucht; nur wenige Leute. Die winzige, im Nacken gebeugte, alte Frau mit ihren weißgrauen Haaren saß vor ihm, ein paar Tische entfernt, hinter dem Zweig eines Ficus. Sie hatte sich gerade auf ihrem Schoß eine Papierserviette zurechtgelegt. Er sah, wie sie erst verstohlen nach rechts, dann wieder nach links spähte, als sie die restlichen zwei braunen Zuckerwürfel in ihr Tuch wickelte; wie das Päckchen dann heimlich unter dem Tisch in ihrer Handtasche verschwand. Sie schaute sich um. Er duckte sich hinter den Ficus. Sie war es gewohnt, dass man sie heimlich beäugte. Er aber dachte sofort an Uroma Adele. Es war schon einige Zeit nach jenen knappen Jahren gewesen, dass sie ihm und Paulchen immer noch ein Stückchen Zucker zugesteckt hatte. Der süße Geschmack auf der Zunge kam ihm auf einmal wie der Gedanke: ungefragt, leise, und durch die Hintertür. 

Michael Helm

Schöne Ostertage

vom 10. April 2020

Auch wenn uns das gemeinsame „Menschsein“ in diesen Tagen schwerer fällt als sonst, wünsche ich euch doch ein paar schöne Ostertage, vielleicht einmal ohne die uns in den letzten Tagen und Wochen quälenden Gedanken.

Osterspaziergang Fausts

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;
Im Tale grünet Hoffnungs-Glück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.

Von dort her sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur;
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlt’s im Revier,
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.

Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurückzusehen.
Aus dem hohlen, finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden,
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbes-Banden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.

Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluß in Breit’ und Länge
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und, bis zum Sinken überladen,
Entfernt sich dieser letzte Kahn.

Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!

Johann Wolfgang von Goethe im Faust I

Metronom

vom 03. April 2020

Freitags auf dem Block

Heute mit einem Gedicht von Jannik Roßmann

Metronom

Es ist der Moment, 
der mich hinter die Fassade eines besonderen Menschen blicken lässt.
Jemand, der mich das ganze Leben begleitet, 
sich um mich sorgt und bedingungslos hinter mir steht. 

In diesem kurzen Moment des Blicks konnte ich es sehen.
Sehen wie Schwerkraft und Zeit an ihrem Körper zerren,
ihn Schritt für Schritt in die Knie zwingen.
Und trotz des zunehmenden Beugens vor dem Leben,
bin ich nicht bereit dafür,
ihn nur noch in Erinnerungen erleben zu können. 

Dieses erschütternde Beben lässt das Gerüst um mich herum einstürzen.
Mit einmal wird sichtbar, 
dass sich all die Sicherheiten von früher in Rauch auflösen,
in Trümmern am Boden liegen.
Die, die früher noch intelligent und weise waren,
sind die Ungebildeten und Konservativen von heute und morgen.
Und Freunde entfremden sich.

Zurück bleibt eine ins Wanken geratene Figur.
Von Unsicherheit bestimmt,
mit schmalem Sockel, 
der gerade stabil genug ist, 
dass sie nicht unter ihrer eigenen Last zerbricht.

Ein neues Kapitel,
dessen Einleitung gerade beginnt.
Ohne zu wissen, wovon es handeln wird.
Nur eine grobe Richtung vor Augen.

Bei dem Versuch, ins Gleichgewicht zu kommen, 
verlagert sich der Schwerpunkt ständig neu. 
Mal wirkt es dem Wanken entgegen,
mal wirkt es verstärkend. 

Bei dem Versuch, sich an anderen festzuhalten, 
stelle ich fest, dass sie ebenfalls wanken.
Der Versuch könnte beide kippen. 

In dieser undurchsichtigen Masse ist es nahezu unmöglich,
die Figur zu finden, die im passenden Rhythmus wankt,
sodass sich beide stabilisieren würden.
Schief aber stabil.

Und wenn er noch nicht gefallen ist,
so wankt er weiter,
bis er stürzt oder Halt findet. 

© Jannik Roßmann, Bielefeld, 08.01.2018

Jannik Roßmann wurde 1996 in Bielefeld geboren. 17 Jahre wohnte er im Kreis Herford und zog dann wieder nach Bielefeld, wo er mittlerweile Sozialwissenschaften studiert. Seit 2008 Auftritte in der Gemeindebücherei Hiddenhausen und auf der Kleinkunstbühne der Olof-Palme-Gesamtschule, zuletzt auch in der Stadtbibliothek Herford im Rahmen der Matineereihe Café…Lese…Lust. Seit 2016 begleitet er die Lesungen der Reihe regelmäßig.