Michael Helm

Stimmungsbild heute Morgen

vom 17. März 2020

Ich wünsche euch allen viel Kraft in den nächsten Tagen und Wochen. Bleibt gesund oder werdet es wieder. Denkt an die Menschen, die eure Hilfe brauchen. Meinen herzlichsten Gruß.

Michael Helm

Folgende Lesungen sind abgesagt

vom 16. März 2020

Wegen der Coronakrise sind folgende Lesungen abgesagt:

27.03.2020 | Bettina von Arnim | Stadtbücherei Spenge
02.04.2020 | „Gedichte sind gemalte Fensterscheiben“ | Buchhandlung Herdecke

Wir bemühen uns um spätere Ausweichtermine, sobald die allgemeine Lage das wieder zulässt.

In Herdecke bleiben bereits gekaufte Karten für den Ausweichtermin gültig oder können in der Buchhandlung Herdecke umgetauscht werden.

Wir bitten um Ihr Verständnis.
Bleiben Sie vor allem gesund.

Ihr Michael Helm

Rechtschaffene Leser

vom 13. März 2020

Buchbesprechung von Michael Helm

Norbert Paulini ist ein hochangesehener Dresdner Antiquar. „Der Leser“ sei er: ein Buchliebhaber, der Literaturschätze hebt und bewahrt, der Menschen über Bücher ins Gespräch bringt. Er ist ein Mensch, wie sich jeder Bibliophile ihn wünschen mag. Der Buchhändler unseres Vertrauens.

Ingo Schulze
Die rechtschaffenen Mörder

S. Fischer-Verlag, Leinen, 320 S., 21,- €
erschienen am 04.03.2020
ISBN 978-3-10-390001-9

So taucht die Leseratte ein, in das Buch von Ingo Schulze „Die rechtschaffenen Mörder“, wie in eine Legende antiquarischer Welten, wie sie in unseren Tagen zwar nicht verschwinden, aber doch seltener werden. Da stapeln sich Bücher aus Leder, Leinen und Papier bis an die Decke, klingeln muss, wer Einlass begehrt und das Wort über Literatur findet hier immer einen Anklang. Ein Traum vom Bücherparadies, den Ingo Schulze platzen lässt. 

Zum einen erzählt die Geschichte, wie sich der Dresdner Antiquar durch die Wendezeiten behaupten muss und wie sich nicht allein die Welt um ihn herum verändert. Wie wandelt sich Norbert Paulini in ihr? Wird der passionierte Leser und Bücherliebhaber gar zu einem fremdenfeindlichen „Unmenschen“?

Es ist schwierig, über diesen aktuellen Roman von Ingo Schulze zu reden, ohne über das Ende zu viel zu verraten. Ich schätze die Bücher des in Dresden geborenen Autors seit Jahren. „Die rechtschaffenen Mörder“ hinterlässt mich skeptisch und ratlos. 

Der Roman besteht aus drei Teilen. Der Erzähler berichtet im ersten Teil die Geschichte des Norbert Paulini, wie sie im Klappentext skizziert wird. Im zweiten Teil des Buchs berichtet dieser Erzähler selbst, wie er in die Lebensgeschichte Paulinis involviert war und ist. Vom Beobachter wird er selber zur Figur. Ein dritter Teil lässt dann seine Lektorin zu Wort kommen, die diesen Erzähler und Autoren dazu anhält ein Buch über Norbert Paulini zu veröffentlichen. Eine geschickte Einschachtelung, die eine tiefergehende Bedeutung hat. Die beiden letzten Teile wenden den Roman in eine unerwartete Richtung. Nicht zu viel ist verraten, wenn man beim Lesen immer skeptischer wird und das Vertrauen verliert. 

Ist man zu Beginn ganz umfangen von der heimeligen Welt der alten Bücher, die Sinn stiften, Halt geben, so zweifelt man plötzlich an Paulinis Haltung. Bei diesem Zweifel wird es nicht bleiben. Und es stellt sich die Frage, auf was wir uns beim Lesen verlassen? Auf was wir uns verlassen können? Auf die Redlichkeit der Hauptfigur Paulini? Auf den Erzähler, der sie uns nahebringt? (Übrigens ein Herr Schultze, mit tz geschrieben!) Auf den Literaturbetrieb, der uns das alles literarisch vermitteln will? Gar auf Ingo Schulze, der diesen Roman letztlich geschrieben hat? 

Literatur soll Fragen aufwerfen. Ingo Schulze tut das. Dass ein Bücherliebhaber nicht zwangsläufig ein rechtschaffener Mensch sein muss, weil er Bücher liebt? Geschenkt, wenn auch erschreckend, oder nicht? Aber wie sieht es mit den Autoren aus? Wie sehr hinterfragen wir eigentlich das, was wir da lesen? Vielleicht gar nicht schlecht, hier bei der Lektüre in Zukunft öfter einmal aufzuschrecken. Ich dachte jedoch auch an die Frage: Wie sehr reflektieren wir uns selbst, als rechtschaffene Leser? Unsere Haltung, unsere Urteile und Vorurteile?

Das Buch lässt vieles offen. Vermutlich wird es von den Bücherliebenden sehr unterschiedlich gelesen und verstanden werden. Ich habe mich gefragt, ob die Haltung, die dahinter steht, zu vage bleibt. Oder wird uns gerade auf diese Art eine explizite Haltung zum Buch und seiner Thematik abverlangt? Darüber denke ich noch immer nach, als rechtschaffener Leser. Ergebnis offen. 

Guten Morgen

vom 06. März 2020

Eine fotografische Biografie

Ich mag Züge. Und irgendwie auch Bahnhöfe. Du schaust auf, aus deinem Buch, während du auf den Zug wartest und siehst das …!

Du bist mit Menschen unterwegs, kannst in aller Geduld hier und da deinen Espresso trinken … ich weiß, jetzt kommt das übliche Bahn-Bashing! Aber mal ehrlich, an diesem Morgen wurde ich nicht von einem genervten Elli durch eine Baustelle geschoben, später von einer Lichthupe angemacht, der meine Hundertzwanzig eine persönliche Beleidigung waren und auch nicht von einer hochroten Tomate angepflaumt, ob ich Penner wohl ärztliche Hilfe bräuchte — ich hatte mich erdreistet, mich innerorts an die Geschwindigkeitsbegrenzung zu halten. 

Nein, nein, mein Buch war fantastisch. Und mein Tag wurde es dann übrigens auch.

Michael Helm

Vorverkaufsbeginn in Herdecke

vom 04. März 2020

Für die nächste Lesung in der Buchhandlung Herdecke beginnt morgen der Vorverkauf. Die Zahl der Plätze ist begrenzt. Karten gibt es vor Ort in der Buchhandlung.

klein & fein – Literatur im Dachgeschoss
Gedichte sind gemalte Fensterscheiben
02.04.20 | 19.30 | Buchhandlung Herdecke | Infos

Sie strahlt in ihren mannigfaltigen Facetten. Eine Farbe leuchtet neben der anderen. Die deutsche Lyrik.

»Gedichte sind gemalte Fensterscheiben,« wusste schon Goethe. Von außen betrachtet ist ein Kirchenfenster schmucklos. »Kommt aber nur einmal herein!« lädt der Dichter den Leser in seinem Gedicht ein. Wie es dort strahlt und funkelt.

Dieser Einladung folgt Michael Helm, der mit Ihnen auf eine ungewöhnliche Zeitreise aufbrechen möchte. Zurück in die Jahrhunderte der deutschen Lyrik. Etliche Formen und Farben einmal mit einem Blick, an einem Abend betrachten.

Sonntag ist Matinee

vom 02. März 2020

1838 bricht die in Paris berühmte Schriftstellerin George Sand mit ihren beiden Kindern auf nach Mallorca. Sie will dem kulturellen Trubel entfliehen und erhofft sich für den kranken Sohn Genesung. Mit von der Landpartie: Chopin, ihr Geliebter. Das ist der Stoff für eine der berühmtesten Mallorca-Erzählungen.

George Sand – Ein Winter auf Mallorca
Stadtbibliothek Herford | 08.03.20 | 10.30 Uhr | Infos
Karten gibt es in der Stadtbibliothek oder an der Morgenkasse

Das maßlose Schweigen der Lebenden …

vom 28. Februar 2020

Das Feuerzeug – Eine Erzählung zum Anhören

(…) Das Rauschen des vorbeiströmenden Verkehrs. Ein Atmen. Geräusche… Geräusche… Geräusche… 

Darunter eines, das kaum aufgefallen wäre, wenn es nicht irgendwie anders gewesen, aus dem Rahmen gefallen, wäre. Wenn dabei nicht ein Stuhl hingefallen wäre. Wären da nicht die Köpfe am Tresen gewesen, die plötzlich in eine Richtung starrten – Verwirrung, Ärger, Verachtung, auch Mitleid – während der Barmann seine Gläser spülte. Wenn da nicht eine Unregelmäßigkeit gewesen wäre, die ich sofort spürte, die alle spürten, auch wenn immer noch die Rufe aus der Küche, die Automaten, die Schritte im Flur, das Licht an der Decke… …wurde es ruhiger. Ein wenig, dann mehr. 

Stille.

Das maßlose Schweigen der Lebenden. (…)

Das Feuerzeug | Erzählung von Michael Helm | gelesen vom Autor

Mittendrin

vom 21. Februar 2020

Gedanken zum Stück „Asche zu Asche“ von Harold Pinter am Bochumer Schauspielhaus

Mittendrin. Im Wohnzimmer zweier Menschen, Devlin und Rebecca. Das Gespräch der beiden erscheint mir wie eine Odyssee, eine Verirrung und der Versuch einer Heimkehr. Die Theaterbesucher mittendrin. Auf der Bühne der Kammerspiele des Bochumer Schauspielhauses. Mittendrin bedeutet: Weiter hinein ins Theater geht es nicht. 

Harold Pinter – Asche zu Asche | Schauspielhaus Bochum
Regie: Koen Tachelet | Mit: Guy Clemens, Elsie de Brauw
Weitere Infos, Fotos und kommende Termine: Link

Die Gedanken, die mich nach dem Stück von Harold Pinters „Asche zu Asche“ bewegen, sind keine, die mich zu einer klugen Besprechung inspirieren. Die ließe sich an anderer Stelle nachlesen. Was mich nicht loslässt, ist die Nähe im Theater. Möglichkeit oder Bedrohlichkeit? 

Immer wieder sitze ich staunend auf der Bühne von Theatern. Das ist eine seltene, aber keine neue Erfahrung. Die Perspektive wird verschoben, wenn du als Teil eines griechischen Chores — jenseits des Vorhangs — plötzlich in den leeren Zuschauerraum blickst; dorthin, wo du dich eigentlich erwarten würdest. Ein Regisseur ließ mich mit den anderen Zuschauern auf beweglichen Tribünenelementen solange über die Bühne schieben, bis niemand von uns mehr wusste, wo er sich in seiner Inszenierung der Odyssee noch befand. Das ist Theater direkt vor den Augen des Betrachters. Man kommt dem Geschehen so nahe, dass die Nähe Teilnahme suggeriert. Das ist faszinierend, kann aber auch bedrohlich nah wirken. Soll es ja auch.

In der Inszenierung von Koen Tachelet in Bochum ist es nicht allein die räumliche Nähe zum Geschehen auf der Bühne. Kann man denn noch näher sein, als direkt am Geschehen?

Tachelet holt uns ins Wohnzimmer — die Zuschauer werden durch die Kammerspiele und auf die Bühne geleitet — um auf Stühlen, Schaukelstühlen, Sitzgelegenheiten, frei im Raum verteilt, Platz zu nehmen. Wo wird gespielt? Wo verläuft die Grenze zwischen Beobachter und Geschehen? Wo findet es statt, das Spiel vor unseren Augen? 

Der Blick in den Zuschauerraum ist ungehindert, um uns herum Menschen, die sehen wollen — das Stück sehen wollen. Dann erheben sich hinter mir Stimmen. Guy Clemens und Elsie de Brauw erheben sich und bewegen sich zwischen uns. Mittendrin. Sie. Wir. Nehmen neben uns Platz, sprechen uns an. Mittendrin. Im Raum des Theaters. Im Raum der Schauspieler. Im Raum der Figuren. Im Wohnzimmer von Devlin und Rebecca. Devlin steht einmal dicht hinter mir — soll ich mich umdrehen, hinschauen? nein — erzählt vom Friseur … ich kann mich kaum noch darauf konzentrieren, was er sagt, … ich denke, gleich legt er mir den Kopf zurück, um mir die Haare zu kämmen … Mittendrin. Gedanken, ganz andere als sonst … Nein, näher geht es nicht. Teil des Stücks, Teil der Szene, des Gesprächs der beiden. Mittendrin.

Michael Helm

Heute ist der Todestag Heinrich Heines

vom 17. Februar 2020

Am 17. Februar 1856 ist Heinrich Heine in Paris gestorben. Auf dem Friedhof Montmartre liegt er begraben. Es war die Stadt seines Exils, seine zweite Heimat, nachdem seine Schriften in Preußen verboten worden waren.

Matinee mit Michael Helm
„Alles dreht sich hier im Kreise“ – Heines munter-quirliges Paris
Stadtbibliothek Herford | 10.05.20 | 11 Uhr | Infos

In Paris verbrachte er auch die letzten acht leidvollen Jahre vor seinem Tod. Gefesselt an die Matratzengruft, wie er sein Krankenlager selbst beschrieb, unfähig sich zu bewegen, teilweise gelähmt. Dennoch stammen viele seiner bedeutenden Gedichte aus dieser Zeit und wurden im Romanzero, einem späten Gedichtband veröffentlicht.

Zum Lazarus
von Heinrich Heine

Laß die heilgen Parabolen,
Laß die frommen Hypothesen –
Suche die verdammten Fragen
Ohne Umschweif uns zu lösen.

Warum schleppt sich blutend, elend,
Unter Kreuzlast der Gerechte,
Während glücklich als ein Sieger
Trabt auf hohem Roß der Schlechte?

Woran liegt die Schuld? Ist etwa
Unser Herr nicht ganz allmächtig?
Oder treibt er selbst den Unfug?
Ach, das wäre niederträchtig.

Also fragen wir beständig,
Bis man uns mit einer Handvoll
Erde endlich stopft die Mäuler –
Aber ist das eine Antwort?

(Gedichte 1853 und 1854)

Winteridyll

vom 14. Februar 2020

Eine fotografische Biografie

Hin- und hergerissen zwischen alten, besseren Tagen und Ergebniskolonnen der Messstationen: Aufblitzen von Nullen und Einsen. Worte. Zahlen. Zahlen Worte. Wandel. Wandeln Zahlen. Zahlenwandel. Wandelnde Worte. Wortende Wandel. Wortwandel. Meinung. Wandelmeinung. Meinung wandelt. Meinungsworte. Meine Worte. Zahlenworte. Meine Meinung. Meinungszahlen.
Ein scheuer Blick nach draußen. Nur Erinnerung dort.

Michael Helm