Michael Helm

Wie es jetzt weitergeht …

vom 28. Juli 2020

Lesungen im Herbst

Oft werde ich in den letzten Tagen gefragt: „Wie geht es denn jetzt weiter mit Ihren Lesungen?“ Ehrlich kann ich darauf nur antworten: „Ich weiß es auch nicht.“

Aber damit Sie nicht völlig im Corona-Regen stehen bleiben müssen, hier eine Wasserstandsmeldung unserer Überlegungen. Denn mit allen Veranstaltern stehe ich natürlich im Kontakt und alle möchten gerne nach den Ferien irgendwie weitermachen. Obwohl es sich für mich eher wie ein Neuanfang anfühlt, so lange war ich jetzt in meiner Arbeit allein auf meine Gedanken bezogen. Das muss ja auch nicht schlecht sein, im Gegenteil.

Aktuelle Infos zu allen Veranstaltungen erhalten Sie ab sofort regelmäßig hier auf www.michael-helm.de.

Stadtbücherei Spenge

In der Stadtbücherei Spenge planen wir die Lesungen im Herbst unter coronabedingten Auflagen stattfinden zu lassen. Die erste Lesung (Anna Karenina) steht bereits unter Lesungen online. Zwei weitere sind in Planung und werden auf der Webseite in den nächsten Tagen veröffentlicht. 

In allen Fällen bitten wir Sie, sich kurz vor der Veranstaltung zu informieren, ob die Lesung wirklich stattfinden kann. Das können Sie hier auf meiner Webseite tun, auf der Bücherei-Webseite (http://www.spenge.de/buecherei) oder telefonisch in der Bücherei (05225 6322).

Gerbereimuseum Enger

Wie auch in Spenge, gehe ich davon aus, dass wir die Paris-Lesung dort unter angepassten Bedingungen stattfinden lassen können. Ich würde mich freuen, Sie in dem netten Ambiente auch dort wiederzusehen. Genauere Infos bleiben auch hier abzuwarten.

Stadtbibliothek Herford

Hier ist die erste Lesung mit mir von Seiten des Fördervereins Buch.Bar schon Ende August im Gespräch. Sie soll „Open Air“ im Hinterhof der Bibliothek stattfinden. Ob, wann und wie genau, erfahren Sie dann hier in den nächsten Tagen.

Für die Matineen im Herbst bin ich mit der Bibliotheksleitung im Gespräch. Ich bin hoffnungsfroh, dass wir für die beiden Veranstaltungen eine Lösung finden werden.

Bielefeld

In Bielefeld ist eine „Open Air“-Lesung für Ende August im Gespräch. Zusammen mit zwei Musikern (Habib Yilmaz & Stefan Kallmer) überlegen wir dort Leila & Madschnun aufzuführen. Mehr kann ich dazu noch nicht sagen und vertröste Sie auf hoffentlich baldige Vollzugsmeldungen hier. 

Buchhandlung Herdecke

In der Buchhandlung Herdecke haben wir die größten Probleme und wir sehen dort noch nicht die Möglichkeit, in den doch sehr engen Räumlichkeiten im Herbst Lesungen zu veranstalten. Es sei denn, wir fänden adäquate Ausweichörtlichkeiten. Da sind wir dran. Wird aber nicht einfach.

Alles Weitere hängt in naher Zukunft von unser aller Verhalten ab. Stand jetzt, bin ich noch optimistisch, dass die genannten Lesungen stattfinden könnten. Sollten die Corona-Zahlen jedoch weiter ansteigen, kann niemand von uns vorhersagen, was passiert. Die Veranstalterinnen und Veranstalter und ich sind bemüht, das alles irgendwie hinzubekommen. Grundsätzlich aber gilt: Gesundheit von Publikum, Aufführenden und Organisierenden geht vor. 

Informieren Sie sich einfach hier regelmäßig über den Stand der Dinge. 

Ich hoffe, Sie alle bald gesund wiederzusehen. 

Ihr Michael Helm

Ein literarischer Hörspaziergang durch Rom

vom 24. Juli 2020

In den letzten Wochen haben wir hier auf dem Block eine gemeinsame Romreise durch Gassen und über die römischen Plätze unternommen. Jetzt können Sie mich noch einmal bei einem Hörspaziergang durch die Ewige Stadt begleiten. Er ersetzt keine Live-Lesung, aber in diesen schwierigen Zeiten und in den Sommermonaten ist es besser als nichts.

Warum ich ausgerechnet Italien und Rom ausgewählt habe für diesen Spaziergang in C-Zeiten? Nun, es gibt in der Welt und gerade in Italien noch immer viel mehr zu erleben, als das, was uns im Augenblick bewegt.

Ich hoffe, dass wir uns schon bald persönlich wieder sehen werden. Bis dahin wünsche ich Ihnen alles Gute. Bleiben Sie mir gewogen.

Eine kleine Romreise
Literarischer Spaziergang über römische Plätze

Der Einfachheit halber, habe ich den Spaziergang in vier Hörteile gegliedert.

Rom – Ein literarischer Spaziergang, Teil I – gelesen von Michael Helm
Rom – Ein literarischer Spaziergang, Teil II – gelesen von Michael Helm
Rom – Ein literarischer Spaziergang, Teil III – gelesen von Michael Helm
Rom – Ein literarischer Spaziergang, Teil IV – gelesen von Michael Helm

Vor-Corona-Erinnerungen

vom 21. Juli 2020

© Foto Jürgen Escher

Fotos von der Venedig-Lesung in der Stadtbibliothek Herford. Wir hoffen alle, dass es bald weiter geht. Wie, das werde ich in den nächsten Tagen hier schildern. Es gibt ein Leben nach Corona, wie es aussehen wird? Schauen wir mal …

© Foto Jürgen Escher

Wir sehen uns!
Ihr Michael Helm

Piazza Navona

vom 17. Juli 2020

Römische Plätze IV

Die Piazza Navona gilt – wohl zu Recht – als einer der interessantesten Plätze der Welt, will mir ein populärer Reiseführer einreden. Und aufregend ist sie, die Piazza in ihrer Größe, mit ihren Brunnen und ihrem bunten Leben. Allein, sie ist nicht so bescheiden wie das einstige Blumenfeld, der Campo de´ Fiori. Vielleicht liegt es an ihrer hohen Herkunft, weil sie sich einst als Arena des Domitian bezeichnen durfte. An ihrem nördlichen Ende findet man die Piazza noch heute abgerundet. Die Menschen des Mittelalters – die wohl mehr auf ihr alltägliches Weiterleben bedacht sein mussten – errichteten ihre Häuser auf den Rängen der Arena eines zerfallenen Weltreichs. Die Außenmauern wurden einfach in die Bauten integriert. Man ließ die Trümmer nicht verkommen, sie waren zu wertvoll. Und so bewahrt die Piazza noch heute die Form der einstigen Arena, und das nicht ohne Stolz. 

Für Goethe war die Arena ein beeindruckender Ort, da man das Volk mit sich selbst zu imponieren verstand. Das touristische Treiben auf der Piazza Navona, lässt einen auf die Idee kommen, dass sich daran bis heute nichts geändert hat. Um die drei Brunnen scharen sich die Menschen, und die Gaukler versuchen im Lichte des Abends zu tun, was sie am besten können: den Menschen etwas vormachen! Ist es doch angenehm, sich in Rom ein wenig entführen zu lassen. An der Fontana dei Fiumi ist der Andrang des Publikums am größten. Bernini verstand es, die Blicke auf seinen Brunnen zu ziehen. Und während die vier großen Flüsse der Fontana – der Nil, die Donau, der Rio de la Plata und der Ganges – eindrucksvoll in alle Himmelsrichtungen strömen, versuchen die Clowns, die Tänzer, Akrobaten und Musiker, die Aufmerksamkeit der vorbeiströmenden Massen wiederzugewinnen und um ihre eigene kleine Welt im Kreise der Zuschauer zu scharen. 

Ein Eulenspiegel drängt sich aus der Gauklersippschaft besonders hervor. Der Mann treibt seine Späße auf Kosten der Leute, in dem er sie hereinlegt. Den aufgeputzten Frauen schaut er unter den Rock, anderen Damen beißt er wie ein Straßenköter in die Waden und es gibt keine lächerliche Pose, die er den Passanten nicht abschaut und pantomimisch ins Groteske zu steigern vermag. Dennoch will die Menge seiner potenziellen Opfer nicht kleiner werden. Nur sind die Leute stets bedacht, nicht in der vordersten Reihe zu stehen und dem Schelm in die Fänge zu gehen, was das Publikum fortwährend in auffällig hektische Bewegung versetzt. Der Kreis um den Narren lichtet sich nicht: Die Faszination, über den Tollpatsch gegenüber zu lachen, wirkt stärker, als die Gefahr selbst gefoppt zu werden. Dies haben die Eulenspiegel dieser Welt schon immer zu nutzen gewusst.

Im Spiel der Straßenkünstler, beim Rauschen des Vierströmebrunnens des Bernini und im kunstvollen Glanz der Laternen rund um die Piazza fällt kaum mehr ein einzelner Mann auf. Der Menschenstrom hat seinen Ufersaum, an dem die Leute in die Restaurants schwappen, bildet um die Kleinkünstler herum Strudel oder am Rande kleine abwegige Flüsschen, die vom großen Strom unbemerkt in die Seitengassen verschwinden. 

Auch ich lasse mich an der Fontana dei Fiumi verzaubern, als mir doch noch ein einzelner Mann auffällt. Er steht zwischen den Malern, die ihre romantischen Stadtansichten präsentieren, die sich in aller Welt gleichen. Weichgezeichnete Foren, Trajanssäulen und Petersplätze, die in unendlicher Zahl auf den Staffeleien ausgestellt und von skurrilen Figuren angepriesen werden. Gern stilisieren sie das Gesicht einer Touristin hinauf in den Glanz eine Hollywooddiva. 

Absurd, aber der Mann in der Menge fällt mir auf, weil er in dem skurrilen Haufen der Maler eher unauffällig erscheint. Ein grauer Anzug, eine passende einfarbige Krawatte, darüber ein offener Trench und braune Lederschuhe. Ein Beckettgesicht. Aufrecht steht er neben seiner Staffelei und einem Karton mit kleinen Romansichten im Postkartenformat. Seine Blicke, seine Mimik, seine Bewegungen erinnern mich eher an die eines Bankangestellten. Ein Handy scheint ihm in die Hand gewachsen, doch auf seine wiederholten Anrufe will niemand sich melden. Der Mann spricht auch nicht. Beiläufig sortiert er die Kartenansichten in seinem Karton, während er unaufhörlich zu telefonieren scheint. Vielleicht hört er aktuelle Börsenzahlen ab oder lange Nachrichten seiner Mailbox? Er schlägt den Kragen hoch, der das nicht mitmacht, und wenn er über die Piazza schaut, spielt er unbeholfen mit den Fingern an seinem Mantelsaum. Er blickt über die Piazza und erscheint wörtlich genommen deplatziert. Anzug und Schuhe sind aufgetragen, die Krawatte hat einen dezenten Fleck. Alles an ihm ist nicht mehr neu, doch der Mann scheint sehr bemüht, alles in einem solchen Zustand zu halten, als könne er die alltägliche Abnutzung verhindern. 

Um ihn herum die Maler, ihre italienischen Gebärden und Worte. Er aber spricht nicht. Potenzielle Kunden gehen an ihm vorüber, schauen lieber die Bilder eines Baskenmützenträgers oder des Mannes mit langen zusammengebundenen Haaren und Lederweste an. Doch auch am Bankschalter würden sich die Kunden vermutlich nicht in die Schlange einordnen, für die der Herr im Anzug zuständig wäre. Da lenken mich schon die Gitarrenklänge eines alten Songs der Beatles ab, ein Japaner, der seine Frau im Gewühl um den Berninibrunnen fotografiert, ein einzelner Violinespieler. Zwei geschulte Tänzer bauen pantomimisch den Ulk ein, den unsere Zeit zum Merkmal angeblicher Leichtigkeit bestimmt hat. Die Piazza Navona ist Unterhaltung, ist Ablenkung. Nur der Herr im Anzug versucht weiterhin seine Bilder feilzubieten, während er unermüdlich telefoniert. 

Michael Helm

Große Plätze und stille römische Orte

vom 10. Juli 2020

Römische Plätze III

Rom wird weiträumig und scheint sich aus der Enge kleiner Gassen und Plätze zu befreien. Keine Ruinen und keine versunkenen Bauten. Vor mir öffnet sich das weite Oval der Piazza San Pietro. Wenn mir bis jetzt nicht klar geworden ist, wer diese Stadt im Stillen modelliert hat, dann wird es mir auf dem Weg hierher bewusst. Es sind die Künstler und vor allem die Bildhauer, die Rom von Jahrhundert zu Jahrhundert gestaltet, verziert und verändert haben.

Manch ein Römer verdammt den Mangel und die Unzuverlässigkeit öffentlicher Verkehrsmittel. Doch der einzige Weg, diese Stadt zu erkunden, ist der Spaziergang durch römische Gassen. Geht man also von der Piazza Navona in Richtung Tiber und überquert den Fluss über die Engelsbrücke, um dann der Straße zum Vatikan zu folgen, ist man – auf dem Petersplatz angelangt – bereits zum dritten Mal dem Barockbildhauer Bernini begegnet. Den Eindruck der Piazza Navona vollendete Bernini mit seinem Vierströmebrunnen. Für die Ponte Sant´ Angelo – die Brücke vor der Engelsburg – entwarf er die Engelsfiguren. Auch die Wirkung des Petersplatzes wäre ohne seine Gestaltung undenkbar. Hier schuf er die Kolonnaden, die das große Oval der Piazza umgeben, aber gleichzeitig öffnen. 

Vier Säulenreihen tragen ein von Heiligenstatuen verziertes Dach. Von gewissen Punkten der Piazza betrachtet, verschwinden die hinteren Säulen dezent hinter der Reihe der vorderen. Im Kreis angeordnet hätte die Anlage für den Platz eine fatal beengende Wirkung, doch die ovale Piazza, mit dem Obelisken im Zentrum, breitet sich vor unseren Augen geradezu aus und gibt den Raum zwischen den Kolonnaden frei. 

Auch beim Blick vom Kirchenvorplatz auf San Pietro in Vaticano beeindruckt die perspektivische Wirkung. Die Peterskirche erlangt eine optische Leichtigkeit, die bei der massiven Fassade erstaunlich ist. 

Man sollte sich jedoch von der Pracht einer Peterskirche oder der Gewaltigkeit einer Engelsburg nicht verlocken lassen. Besondere Seherlebnisse sind ganz anderer Art. In einem Winkel direkt am Eingang von San Pietro in Vaticano möchte ich stundenlang vor der Pietà des Michelangelo stehen. Gleiches gilt für das Deckenfresco der Sixtischen Kapelle. Könnte ich doch wie Goethe seine Zeit hier alleine verbringen, um die Ruhe für jede Nuance der gemalten Geschichten zu haben. Ich werde neidisch, lese ich bei Goethe die Zeilen: »Die Kapelle selbst kenne ich recht gut, ich habe vorigen Sommer drin zu Mittag gegessen und auf des Papstes Thron Mittagsruhe gehalten und kann die Gemälde fast auswendig.« Wahrhaft paradiesische Zustände!

»Wenn mich das monumentale Rom zu erschlagen droht, dann sind es diese stillen Orte, die mich wieder zurückfinden lassen.«

Völlige Abgeschiedenheit genieße ich hingegen in einer kleinen Kirche, genannt San Pietro in Vincoli, vor dem Moses des Michelangelo. »Ich habe von keinem Bildwerk je eine stärkere Wirkung erfahren«, sagte Sigmund Freud seinerzeit und fuhr beeindruckt fort: »Manchmal habe ich mich dann behutsam aus dem Halbdunkel des Innenraums geschlichen, als gehörte ich selbst zu dem Gesindel, auf das sein Auge gerichtet ist.« 

Wenn mich das monumentale Rom zu erschlagen droht, dann sind es diese stillen Orte, die mich wieder zurückfinden lassen: ein verlassener Fleck auf dem Palatin, an dem ich ostersonntags die vielen Glocken Roms hörte; San Pietro in Vincoli, einsam vor der uralten Gestalt in Marmor sitzend. Es sind die winzigen Details, die uns voller Gedanken in die Tiefe führen. Es sind die Skulpturen, die ihre Geschichte erzählen: die Aschenurne eines etruskischen Paares, der sterbende Gallier, die Gruppe des Laokoon, das Durchscheinen des marmornen Gewandes der Aphrodite, die mythologische Bildererzählung auf einer etruskischen Vase. Rom ist nicht nur eine Stadt, in der man zu verschiedenen Zeiten lebt, sondern auch eine Stadt, in der man paradoxerweise gleichzeitig an ganz verschiedenen Orten sein kann. 

Michael Helm

Platz an der Via Sacra

vom 03. Juli 2020

Römische Plätze II

Rom ist eng. Seine schmalen Gassen winden sich zwischen ungestrichenen, über den Balkons begrünten Fassaden. Es dringt kaum Licht hinunter. Eine Wohltat im Hochsommer: Die Gassen, Hinterhöfe und kleinen Plätze drücken sich in den Schatten. Roms Gassen sind eng, manchmal so eng, dass man auf das Echo rieselnder Putzbröckchen achten sollte, denn römische Gassen warten nur darauf verschüttet zu werden. 

In tausend Jahren werden Menschen wohl Stein um Stein rekonstruieren, um zu verstehen, wie wir im 21. Jahrhundert hier leben konnten. Sie werden Häuserruinen von Barockkirchen scheiden, ein Fragmentstück Roms der Renaissance ausgraben, antike Säulen und Bögen mehr schlecht als recht wieder errichten können; und auch wir werden dazwischen unseren Staub hinterlassen haben. In seiner geschichtlichen Enge ist Rom wie dafür geschaffen seine Epochen zu vertuschen. Mühsam legen wir es frei, denken uns hindurch wie durch geologische Geschichten, durch eine Stadt die Zeitalter für Zeitalter auf sich selbst gebaut ist. 

Also schlendere ich durch Rom auf der Suche nach einer sich weit öffnenden Ansicht. Der Petersplatz scheint den Blick freizugeben, aber das ist eine perspektivische Verspieltheit der Architekten. Die Spanische Treppe gewährt die freie Sicht eines Ameisenhügels. Etwas verblüfft stehe ich dann auf der Rostra am Forum Romanum, auf der Rednertribühne. Verblüffung, weil mein Blick über ein Ruinenfeld schweift: Fragmente von Säulen, Mauern und Fundamentreste; alles nur Teile von etwas … aber wovon? Von welchem Ganzen? Die Vegetation erobert sich das einstige Weltreich zurück, ungeniert.

An meiner Seite erhebt sich der Triumphbogen des Septimius Severus, führt der Reiseführer an und ich muss ihm wohl glauben. Vor mir öffnet sich der Platz an der Via Sacra. Die Phokas-Säule, umgeben von einem weiten Feld aus Trümmern, Steinen und Grün. Der Palatin, der von Pinien und Judasbäumen geziert wird. Und überall wispern hundert Geschichten. Der übermächtige Bogen an meiner Linken schwärmt vom Sieg des Septimius über die Parther: von der Parade der Sieger, vom großen Triumph, vom Prunk und Glanz erbeuteter Schätze. Der mächtige Siegesmarsch zieht langsam die Via Sacra herauf, die Besiegten dem jubelnden Volk zur Schau gestellt, zur Beute gedemütigt. 

Die Rostra erzählt, dass Cäsar sie selber an diesen wirkungsvollen Ort ins Forum verlegen ließ. Es ist ein Ort um Reden zu halten, um Wirkungen beim Volk zu erzielen. Allein ihr Name, Rostra, Schiffsschnabel, erzählt die Geschichte von Seekriegen. Die Schiffsschnäbel der besiegten Schiffe wurden an der Rostra befestigt, zur Schau gestellt. Von großen Rednern erzählt sie, jedoch auch die blutige Geschichte, dass hier die Hände und der Kopf Ciceros´ nach seiner Ermordung durch das Triumvirat Octavians, des Lepidus und des Antonius angeschlagen worden waren. Geschichte, Geschichten und Mythen steigen auf aus den Steinresten des Forums. Davon können die drei Bäume vor der Rostra nichts wissen. Sie sind noch zu jung und sollen dennoch erinnern an einen Olivenbaum, an einen Feigenbaum und einen Weinstock. Drei heilige Bäume, die in der Kaiserzeit den Ficus Ruminalis ersetzten. Unter dieser Feige sollen Romulus und Remus vom Hochwasser des Tibers angeschwemmt worden sein, wo sie von einer Wölfin gefunden und gesäugt wurden.

Geschichte, Geschichten und Mythen steigen auf aus den Steinresten des Forums

Man erzählt sich auch, der Platz um die Phokas-Säule zeige die Lage des Lacus Curtius an: eine sumpfig gebliebene Stelle, um die sich zahlreiche Mythen ranken. Eine fürchterliche Erdspalte habe sich hier aufgetan, die sich erst wieder schließen werde, wenn das Beste, das Rom zu bieten habe, hineingeworfen werde. Worauf der edle Marcus Curtius sich geopfert haben soll. Er stürzte sich auf seinem Pferd in die Spalte. Der Mut der Helden sei das Beste Roms, dachten die Römer und tatsächlich, die Spalte hat sich wohl wieder geschlossen. 

Wir wissen, dass sich das Römische Reich an sich selbst berauschte. Die Griechen bauten in die Natur hinein; die Römer imponierten sich mit ihren monumentalen Gebäuden selbst. So muss die Wirkung der aufsteigenden Säulen des Saturntempels, der Basilika Julia, des Dioskurentempels auf dem Forum von beeindruckender Mächtigkeit gewesen sein, die den Einzelnen klein werden ließ und die Mächtigen überhöhte. 

Heute muss uns die Fantasie hier leiten. Aber sie ist eine trügerische Gesellin, die zur Verzauberung neigt. Zwischen all den Steinen keine Wirklichkeit? Oder der Staub aus hundert Wirklichkeiten? Das Mittelalter prägte in Rom seine eigenen Geschichten. Die Christen bauten in manchem Tempel ihre Kirche; die Menschen brachen die Steine einfach heraus für ihre Wohnungen. Goethe besaß sein eigenes Bild der Antike und von der Ewigen Stadt alter Zeiten. Sein Bild prägte das unsere. Aber die Bilder wandeln sich. 

Über dem Forum verbreiten sich nunmehr das Grün der Zedern, die dunkelrosa-farbenen Blüten der Judasbäume und die Palmen hoch auf dem Palatin. Die Natur interessiert sich nicht für Mythen. Sie schweigt über den Ruinen, in ihren Farben und mediterranen Gerüchen. 

Michael Helm

Campo de´ Fiori

vom 26. Juni 2020

Römische Plätze

Er liegt verwinkelt inmitten der Stadt, als ziere er sich; wenn auch alle Römer ihn kennen. Das Blumenfeld genannt – ins Deutsche übertragen – als wolle man ihn, den Campo de´ Fiori, blumig bezeichnen. Obwohl er seinen Namen den Blumen fiori verdankt, die hier im Mittelalter wild wuchsen, ist er noch immer treffend so benannt. Denn folgt man morgens einer kleinen römischen Gasse – die verstellt ist mit gestauchten Automobilen und Rollern und deren Häuser halb verborgen liegen hinter Bougainvillen, hinter Geranien und Yuccas – dann öffnet sich der bescheidene Platz plötzlich in bunter Farbigkeit vor unseren Augen: Grüne, rote und gelbe Peperoni hängen bei weißen und rötlichen Zwiebeln, neben Knoblauch und über Orangen, Tomaten und Erdbeeren; alles kunterbunt durcheinander, wie auf einer Frühjahrswiese.

Campo de´ Fiori. Gerüche von Kräutern und Gewürzen. Geklapper von Kisten und Ständen. Die alte Zeigerwaage wiegt die Wünsche nach frischem Gemüse, nach Obst aller erdenklichen Sorten in wenigen Münzen auf. Am nächsten Stand wühlt man schon zwischen Sommerhüten und Seidentüchern. Italienisches Palaver schwillt an und ab zwischen den Ständen des morgendlichen Marktes. Und am Rande des Ganzen hockt ein kleiner Hund auf der Fußablage eines Motorrollers. Den Kopf streckt er genüsslich nach oben, als warte er dort, nur die Sonne genießend, auf Herrchen. Dabei betrachtet er das menschliche Treiben des Marktes von einer, für ihn doch exponierten Stelle mit Gleichgültigkeit. Morgens ist er der kleine Herr des Campo de´ Fiori auf seinem Roller. Als gäbe es da einen Zweifel!

Doch der Platz verändert sich im Licht. Obst- und Gemüsestände sind am Nachmittag auf einmal verschwunden und der Campo öffnet sich den Blicken. Dann ragt inmitten des Platzes ein Standbild auf, das im geschäftigen Treiben untergegangen schien. Die düstere Gestalt auf ihrem Sockel hatte den ganzen Morgen unbewegt über die Marktstände geschaut. Nun blickt sie nachdenklich auf den Campo. Das Gesicht des Mannes liegt verborgen unter der Kapuze seiner Mönchskutte. Gerade erst scheint er stehen geblieben. Seine Arme haben sich vor der Kutte verschränkt, seine Hände haben sich nicht zum erlösenden Spruch gefunden; sie schwören nicht ab! Stattdessen, so scheint es, hält er fest an der Gewissheit eines Buches, das er sich selbstbewusst an den Leib drückt. Das Geheimnis seines Gesichtes bleibt unter der Kapuze verborgen. 

Bricht der Abend herein wird der Platz dunkler und die Lampen erleuchten ihn spärlich. Verstohlen tastet das künstliche Licht der Laternen sich über den Campo. Ihn umgeben erleuchtete, kleine Geschäfte. Die Restaurants öffnen, die Tische rings um den Platz füllen sich; das abendliche Leben des Campo de´ Fiori beginnt.

Je finsterer es wird, desto mutiger scheint mir das Licht der Laternen. Gelblich-orange schimmert es zu Füßen des Mönches und klettert langsam empor am sandsteinernen Sockel. Er steht weiterhin ungerührt inmitten des römischen Platzes. Touristen umgeben ihn mit sorgloser Ausgelassenheit, lassen sich am Fuß des Postamentes nieder. Die Menschen genießen ihr Essen, den Wein, die besondere Atmosphäre eines Ortes, der durch sein nächtliches Lichtspiel verzaubert. Ringsum ist Leben, ist Ausgelassenheit und Leichtigkeit.

Das Geheimnis des Platzes liegt jedoch in einer kaum bemerkten Schwere

Sein verborgener Blick liegt auf dem Campo. Was, wenn der einsame Mönch dort oben nicht ausharrte? 1600 n. Chr. hatte man Giordano Bruno hier zum Scheiterhaufen geführt und lebendig verbrannt. Zuvor acht Jahre Haft und der Prozess der Inquisition. In der einsetzenden Dunkelheit schaut er von seinem Postament auf die Menschen in den Bars und Lokalen; inmitten des römischen Lebens, inmitten des sonderbaren Lichtes, das sich zu Giordano Brunos Füßen in der Dunkelheit ausbreitet, als schwele hier noch eine Glut. Hält uns die Dunkelheit einmal umschlungen, sieht man, wie der helle Sandstein des Postaments im kunstvollen Licht flimmert. Die dunkle Bronzegestalt in ihrem Umhang entzieht sich unserem Blick und verschwindet über uns allmählich in finsterer Nacht.

Michael Helm

Lyrikgesellschaft in Leipzig empfiehlt Tentakel

vom 23. Juni 2020

Jule Weinrot bespricht in ihrer Empfehlung des Monats (Juni 2020) das aktuelle Literaturmagazin Tentakel

Die Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V. wurde 1992 in Tübingen gegründet und zog vier Jahre später nach Leipzig um. Dort bereichert sie das Kulturangebot der Stadt mit vielen Veranstaltungen (Lesungen, Tagungen, Ausstellungen) literarisch. Darüber hinaus findet sie auch in vielen anderen Städten Aufmerksamkeit und Resonanz.

Auf der Webseite der lyrikgesellschaft.de wurde gerade die aktuelle Tentakel „Spuren und Wege“ von Jule Weinrot empfohlen. In ihrer ausführlichen Besprechung findet sie auch einige Worte zu meiner Erzählung „Die Prozedur“. Merci.

Wer die Empfehlung des Monats der Lyrikgesellschaft von Jule Weinrot nachlesen möchte, der folge hier einfach dem Link.

mh

Aufbegehren

vom 19. Juni 2020

Eine musikalische Biografie II

„And still this childhood romance will not die“
Justin Sullivan, Vagabonds

Thunder And Consolation. Eine Platte, eine Wirkung: Aufbegehren! New Model Army, Postpunkband, folk- und rockbeeinflusst, rebellisch, aufheizend, da bleibt nichts in mir ruhig. Heute nicht; damals erst recht nicht!

In „sozialen Medien“ bin ich auf die Idee gekommen. Dort posten Leute insgesamt zehn Musikalben, die in ihrem Leben bedeutend waren. Eigentlich finde ich die Idee gut, aber dort werden nur Plattencover gezeigt (die man kennt oder nicht) und meist steht nicht viel dazu geschrieben. Aber gerade das würde mich doch interessieren. Dass viele meiner „Follower“ Bob Dylan gehört haben, geschenkt. Warum? Zu welcher Zeit? In welcher Situation? Hier also jetzt ein weiterer Text (ohne Cover) …

Thunder and Consolation

Szene Eins:

Kleine Liebesgeschichte, eine kurze Disco-Romanze in den frühen 90ern. Raus aus der Uni, raus aus der übel riechenden Mottenkiste der PostThatcher-Kohl-Tage. Tanzfläche rappelvoll, Rock, Punk, lauter, lauter Haare, Arme und Hände fliegen im Lichtgeschwirr, verschwitzte Gesichter ringsum — allein in der Masse — dann setzt Vagabonds des Thunder And Consolation-Albums ein, mit Solo-Violine zu Beginn, Ed Alleyne-Johnson, das Ganze über fünf Minuten. Da setzt innerlich etwas aus — oder besser etwas ein, das sich bis heute erhalten hat. Ich will losrennen und etwas anders machen. Etwas wird sich ändern, weil ein Gesicht auf der Tanzfläche während des Songs nicht mehr aus meinen Augen ging — oder sie die meinen nicht losließ? Kurzer Augenblick Rufnummern auszutauschen alles so schnell fast hektisch schnell alles anders nächtelang geredet gelesen diskutiert wachgerüttelt … Aufbegehren an der Welt Aufbegehren an der Literatur Aufbegehren in Eingeweiden und Lunge verschwitzte erschöpfte Tage … schneller rasender Rausch. Dann das abrupte Ende.

Szene Zwei:

New Model Army-Konzert in Köln. Jahrzehnte später. Jahre, geschrieben in die Gesichter um uns herum und auf der Bühne. Nicht mehr die Ausdauer, das Tempo von einst mitzuhalten. Im Kopf Chaos, in den Eingeweiden unangenehmes Rumoren. Gedanken an Krankheit, Angst, Fortsein. An der Seite ein guter Freund, der mich durch den Abend bringt; die Musik, die mich durch den Abend, durch die Tage danach bringen wird. Aufbegehren: dranbleiben! Den Kopf nach oben. Auf die Bühne blicken. Lichter, Bässe, Drums … Dranbleiben. Nein, nach dem Konzert wieder rausgehen, etwas ganz anders machen … Und etwas wird anders, wird besser …

New Model Army
Thunder And Consolation (EMI, LP, 1989)
Justin Sullivan – Gesang, Gitarre, Keyboard
Robert Heaton – Schlagzeug, Background-Gesang, Gitarre, Bass
Jason Harris – Bass, Keyboard, Gitarre
Ed Alleyne-Johnson – Violine
Chris McLaughlin – Gitarre

New Model Army-Platten begleiten mich bis heute. Alles begann mit der Thunder And Consolation und Vagabonds. Das alles geschah etwas später, nachdem das Album (1989) herausgekommen war. Nach dem Abi, in diesen ersten Studienjahren, als ich die Welt noch aus den Angeln heben wollte. Ist das Gefühl fort? Keineswegs, denn noch immer lösen Wucht und Sound der Musik New Model Armys und die zeit- und gesellschaftskritischen Texte Justin Sullivans in mir die Hoffnung aus, etwas zu verändern. 

Bei dem Wunsch ist es nie geblieben, auch wenn ich heute eher bemüht scheine, den Sieg des Sisyphos über den Fels des Absurden zu zelebrieren. Die Parties damals standen im Zeichen der Aufbruchstimmung, des Aufbegehrens der eigenen Jugend, der Übermacht des eigenen Körpers. Heute ist die Rebellion gesetzter, aber es ist Rebellion geblieben. Eine kleine. Manchmal eine ganz kleine. Aber dann lege ich eine New Model Army-Platte auf, um mich zu erinnern, Geist und Körper. Beide spüren dann wieder diese Hitze des Aufbegehrens. Gut so!

Michael Helm

Shakespeare & Comp. und die Erstveröffentlichung des Ulysses

vom 16. Juni 2020

Ein Beitrag zum heutigen Bloomsday

„Ich stand auf dem Bahnsteig, mein Herz ratterte wie die Lokomotive, als der Zug aus Dijon langsam anhielt und ich sah, wie der Schaffner mit einem Paket in der Hand ausstieg und sich nach jemandem umsah – nach mir. Ein paar Minuten später läutete ich an der Tür der Joyces und übergab ihnen Exemplar Nr. 1 des Ulysses, genau am 2. Februar 1922.“ (1) (Sylvia Beach)

So beschreibt Silvia Beach selbst die Situation, wie sie James Joyce, dem Autoren des Ulysses, das erste Exemplar seines Buches, frisch aus dem Druck gekommen, an seinem eigenen Geburtstag überreichen kann. Die erste Auflage des Ulysses war in Dijon von Darantière gedruckt worden. Um Joyce am 2. Februar zu überraschen waren in vielen hektischen Nachtschichten die ersten beiden Exemplare eiligst entstanden und nach Paris ausgeliefert worden, wo sie Sylvia Beach, die erste Ulysses-Verlegerin am Bahnhof abholte. Joyce antwortete Beach in einem Brief: 

„Ich kann den heutigen Tag nicht vorbeigehen lassen, ohne Ihnen für alle Plage zu danken und für all die Mühe, die Sie im letzten Jahr auf mein Buch verwendet haben.“ (2) (James Joyce)

Seine Dankesworte deuten an, dass es bis zur Veröffentlichung dieses epochalen Werkes, wie es uns heute in der modernen Literatur entgegenkommt, ein sehr langer Weg war. Was rückblickend für uns einem heutigen Weltautoren wie James Joyce doch ganz leicht gewesen sein müsste – nämlich den Ulysses zu veröffentlichen – stellt sich als das ganze Gegenteil dar. Diesen „empörenden Bericht über eine ekelhafte Phase zivilisierten Lebens,“ (3) wie Bernard Shaw darüber urteilte, zu veröffentlichen, kam selbst einer Odyssee gleich. 

James Joyce hatte seine finanziellen Rücklagen damit aufgebraucht, mit seiner Familie nach Paris überzusiedeln und eine angemessene Wohnung zu finden. So steht bereits die Entstehung des Buches unter einem finanziell schlechten Stern. John Quinn ein irisch-amerikanischer Rechtsanwalt in New York kaufte das Manuskript stückweise und half den Joyces jeweils mit einer kleinen Summe, die sie ein wenig weiterbrachte. Wenn Joyce ein Kapitel seines entstehenden Ulysses beendet hatte, schickte er die Reinschrift an Quinn in die Staaten und erhielt dafür die verabredete Summe. Doch ein Verleger fand sich weder in den Vereinigten Staaten, noch in Großbritannien oder anderswo. Verbote, die teils in diesen Ländern ausgesprochen wurden, machten eine reguläre Veröffentlichung nahezu unmöglich oder ließen bereits begonnene Projekte im Sande verlaufen, nachdem einige Vorveröffentlichungen durchaus vielversprechend gewesen waren. Der Hauptvorwurf: Teile des Werkes wären obszön und vulgär. 

Zu Hilfe kam eine kleine außergewöhnliche Buchhandlung, die sich gerade in Paris gegründet hatte: Shakespeare & Company. Die Gründerin war jene Sylvia Beach, die in ihrem Buchladen amerikanische und englischsprachige Literatur anbot. Besonderheiten in dem kleinen Pariser Laden, an der Rue Dupuytren, der später in die Rue de l´Odéon umzog, gab es viele: Über dem Eingang das Schild mit dem Konterfei des Namensgebers William Shakespeare, und in dem mit Büchern durchstandenen Laden Fotos von Walt Whitman und Edgar Allan Poe, Blakezeichnungen sowie Fotographien von Oscar Wilde.

Neben dem Buchverkauf bot Sylvia Beach auch Leihbücher an, was besonders finanzschwache Literaten wie Joyce in jener Zeit ausgiebig nutzten. Shakespeare & Company war also Buchhandel, Leihbücherei und Treffpunkt englischsprachiger, später gleichwohl französischer Literaten in einem. Hier verkehrten neben Joyce auch Gertrud Stein, Ezra Pound, André Gide, Hemingway und viele andere. Trotz der Tatsache, dass der Laden von Sylvia Beach zwar klein war und sich noch in der Gründungsphase befand, war es offensichtlich der ideale Startpunkt für ein Werk, das später erst zu Weltruhm gelangen würde. 

James Joyce
Ulysses
(Roman)
Übersetzt von Hans Wollschläger
Deutsche Ausgabe im Suhrkamp Verlag

Sylvia Beach und James Joyce arbeiteten eng zusammen, um die Überarbeitung und Veröffentlichung des Ulysses ohne eigentliche Verlagsstrukturen auf den Weg zu bringen. Sylvia Beach organisierte immer wieder Hilfen, wenn es darum ging, die fast unleserlichen Manuskriptseiten abzutippen, warb Subskribenten, organisierte von Paris aus den Druck in Dijon und versuchte ständig die nötigen finanziellen Mittel aufzutreiben. Nebenbei verkaufte sie Bücher, führte die Leihbücherei und stellte die nötigen Kontakte her, die Joyce vielleicht weiterhelfen konnten, organisierte Lesungen u.u.u.

Um die Subskribenten in den Staaten und Irland zu erreichen, mussten die späteren Exemplare regelrecht eingeschmuggelt werden, die gesamte Korrespondenz nicht allein von Joyce lief über Shakespeare & Company und wurde von dort weitergeleitet. Ein Marathon, bedenkt man die Rahmenbedingungen, unter denen diese Erstveröffentlichung stattfand. 

1922 war es dann letztlich soweit und das Buch erschien, für das heute und an jedem 16. Juni der Bloomsday in aller Welt begangen wird. Es ist der eine Tag an dem die Hauptfigur Leopold Bloom seine Odyssee durch Dublin begeht.

Wer weiß, was geschehen wäre, hätte es nicht die Ulyssesbegeisterung einer Sylvia Beach gegeben, das Durchhaltevermögen und den Willen, das damals so umstrittene literarische Werk herauszubringen. Vielleicht ein Beispiel, an dem sich unser Verlagssystem an so mancher Stelle mutiger orientieren könnte. 

mh


1 aus Sylvia Beach – Shakespeare and Company – Ein Buchladen in Paris / Suhrkamp 1982 / S. 97
2 aus Sylvia Beach – Shakespeare and Company – Ein Buchladen in Paris / Suhrkamp 1982 / S. 98
3 aus Sylvia Beach – Shakespeare and Company – Ein Buchladen in Paris / Suhrkamp 1982 / S. 62