Michael Helm

Lesung im Frühherrenhaus

Neue Texte der Herforder AutorInnen-Gruppe gibt es morgen Abend im Rahmen der Herforder Kulturnacht im Frühherrenhaus.

24.09.2022 | 19.30 Uhr | Frühherrenhaus Herford | Infos

Weimar-Lesung in Spenge

Die nächste Lesung in Spenge am kommenden Wochenende: 

Weimar - klein, klassisch, vielstimmig
Eine deutsche Collage.

Es wird eine andere Lesung als gewohnt. Texte - Fotos - Toncollagen. Und es wird einen Überraschungsgast geben. Dieses sei verraten: Goethe ist es nicht!

Stadtbücherei Spenge | 17.09.2022 | 19.30 Uhr | Infos

Literatur rund um den Brocken

Die nächste Matinee in Herford:
Einen Sonnenuntergang auf dem Brocken erleben? Durch den Harz wandern, ohne Blasen an den Füßen? Kommen Sie einfach am Sonntag in Herford zur Lesung. Garantiert schmerzfrei, anregend, literarisch ...

Die Harzreise
04.09.22 | Stadtbibliothek Herford | 11 Uhr (Einlass 10.30 Uhr) | Infos

Mit Texten von Heinrich Heine, Johann Wolfgang von Goethe, Joseph von Eichendorff, Hans Christian Andersen und Texten & Fotos von Michael Helm.

Der Fremde

gesprochen von Ulrich Matthes

Meursault eine Stimme geben? Wer könnte das besser als Ulrich Matthes. Nach meiner Camus-Lektüre in den vergangenen Wochen, habe ich mir „Der Fremde“, gesprochen von Ulrich Matthes, angehört. Bei Hörbüchern bin ich sehr zurückhaltend. Ich mag einige sehr bekannte deutsche Hörbuchsprecher überhaupt nicht. Zu einer Stimme, auf die ich mich stundenlang einlasse, habe ich eine besondere Beziehung. Das muss passen. Das ist nicht zu begründen. Das ist eine Bauchentscheidung. Matthes passt. 

Seiner Stimme kann ich zuhören, auf dem Sofa, auf einem Spaziergang, auf dem überfüllten Bahnsteig. Ich verliere nicht den Faden, wie es mir bei anderen häufig passiert. Er hält mich immer im Stück. 

Camus´ Werke zu sprechen, insbesondere den Fremden, Meursault, ist eine besondere Herausforderung. Ulrich Matthes hält sich zurück, gibt dem Text genau die lakonische Stimmung, die er braucht. Gleichzeitig wirkt die Stimme in den Detailbetonungen nie monoton. Es entstehen Bilder beim Hören, wie sie mir selbst beim Lesen nicht gekommen waren, obwohl ich bei der Lektüre viel mehr Zeit hatte. Rhythmus, Tempo, Pause, das alles wird wunderbar in eine Stimme gebracht, wie ich sie mir für Meursault vorstelle. Diese Stimme bleibt in meinem Kopf. Dank des Autors, dank des Sprechers.

mh

Matinee in Herford

Die nächste Lesung ist am Sonntag (04.09.2022) in der Stadtbibliothek in Herford. 
Besteigen Sie mit Heinrich Heine den Brocken. Klettern sie mit Andersen in Goslar in ein Bergwerk, feiern Sie mit Goethe die Walpurgisnacht und bewundern Sie mit Eichendorff ein romantisches deutsches Mittelgebirge. Und sehen Sie mit Helm, wie er den Harz heute betrachtet, auf Schusters Rappen, wie seine literarischen Vorläufer ...

Infos zur Lesung gibt es hier›

Projektstart der Lesescouts in Hiddenhausen

Die 9er und 10er haben ihre Lesescout-Projekte an der Olof-Palme-Gesamtschule in Hiddenhausen bereits begonnen. Die 9er haben sich mit mir in Mark Twain vertieft, die 10er in Kurt Tucholsky. 

Die ersten Grundschullesungen der Lesescouts vor den Leseanfänger*innen werden für dieses Jahr auch bereits in Kooperation mit der Gemeindebücherei geplant und außerdem soll es noch eine Hobbit-Lesung für die Siegerklasse des Sommerleseclubs in Hiddenhausen geben. 

Es ist schon einiges los. Hier bald darüber mehr ...

24.08.1922 – Tucholsky vor einhundert Jahren

„Wir sind fünf Finger an einer Hand“, schreibt Kurt Tucholsky in einem Artikel der Weltbühne 1922. Die fünf aus dem Zitat, das sind Peter Panter, Ignaz Wrobel, Kaspar Hauser, Theobald Tiger und Kurt Tucholsky selbst. Tucholsky ist eigentlich kein Pseudonym, aber unter all diesen Namen veröffentlichte er in den verschiedenen Zeitungen. Und der Name Tucholsky trollte sich eben wie ein solches im Reigen der anderen Pseudonyme. Zusammen hatten sie die Schlagkraft, die der 1890 in Berlin geborenen Tucholsky aufbringen musste, um gegen die Missstände in der jungen Weimarer Republik anzuschreiben, für die Freiheit und für die Demokratie. „Wir alle Fünf lieben die Demokratie.“

Wir alle Fünf
von Kurt Tucholsky

Die rechtsstehende Presse amüsiert sich seit einiger Zeit damit, mich mit allen meinen Pseudonymen als »den vielnamigen Herrn« hinzustellen, »der je nach Bedarf unter diesem oder unter jenem Namen schreibt«. Also etwa: Schmock oder Flink und Fliederbusch oder so eine ähnliche Firma.

Aber wir stammen alle Fünf von einem Vater ab, und in dem, was wir schreiben, verleugnet sich der Familienzug nicht. Wir lieben vereint, wir hassen vereint – wir marschieren getrennt, aber wir schlagen alle auf denselben Sturmhelm.

Und wir hassen jenes Deutschland, das es wagt, sich als das allein echte Original-Deutschland auszugeben, und das doch nur die schlechte Karikatur eines überlebten Preußentums ist. Jenes Deutschland, wo die alten faulen Beamten gedeihen, die ihre Feigheit hinter ihrer Würde verbergen; wo die neuen Sportjünglinge wachsen, die im Kriege Offiziere waren und Offiziersaspiranten, und die mit aller Gewalt – und mit welchen Mitteln! – wieder ihre Untergebenen haben wollen. Und deren tiefster Ehrgeiz nicht darin besteht: etwas wert zu sein – sondern: mehr wert zu sein als die andern. Die sich immer erst fühlen, wenn sie einen gedemütigt haben. Jenes Deutschland, wo die holden Frauen daherblühen, die stolz auf ihre schnauzenden Männer sind und Gunst und Liebesgaben dem bereit halten, der durch bunte Uniform ihrer Eitelkeit schmeichelt. Und die in ihrem Empfinden kaltschnäuziger, roher und brutaler sind als der älteste Kavallerie-Wachtmeister. Wir alle Fünf hassen jenes Deutschland, wo der Beamtenapparat Selbstzweck geworden ist, Mittel und Möglichkeit, auf den gebeugten Rücken der Untertanen herumzutrampeln, eine Pensionsanstalt für geistig Minderbemittelte. Wir alle Fünf unterscheiden wohl zwischen jenem alten Preußen, wo – neben den fürchterlichsten Fehlern – wenigstens noch die Tugenden dieser Fehler vorhanden waren: unbeirrbare Tüchtigkeit, Unbestechlichkeit, catonische Strenge und puritanische Einfachheit. Aber es hat sich gerächt, dass man all das nur als Eigenschaften der Herrscherkaste züchtete und den ›gemeinen Mann‹ mit verlogenen Schullesebüchern und Zeichnungslisten für Kriegsanleihen abspeiste. So sieht kein Mensch einen Hund an wie die regierenden Preußen ihre eignen Landsleute, von deren Steuern und Abgaben sie sich nährten. Und wir hassen jenes Deutschland, das solche Bürger hervorgebracht hat: flaue Kaufleute, gegen die gehalten die alten Achtundvierziger Himmelsstürmer waren – satte Dickbäuche, denen das Geschäft über alles ging, und die hoch geschmeichelt waren, wenn sie an ihrem Laden das Hoflieferantenschild anheften durften. Sie grüßten noch die leere Hofkarosse und betrachteten ehrfurchtsvoll den Mist der kaiserlichen Pferde. Spalierbildner ihres obersten Kommis.

Wir alle Fünf lieben die Demokratie. Eine, wo der Mann zu sagen hat, der Freie und der Verantwortungsbewußte. Eine, wo die Menschen nicht ›gleich‹ sind wie die abgestempelten Nummern einer preußischen Kompanie, jener Inkarnation eines Zuchthausstaates – sondern eine, wo zwischen einem Bankpräsidenten und seinem Portier kein Kastenunterschied mehr besteht, sondern nur ein ökonomischer und einer in der äußern Beschäftigung. Ob sie miteinander Tee trinken, ist eine andre Sache. Daß es aber alles beides Menschen sind, steht für uns fest.

Jenes Deutschland wollen wir zerstören, bis kein Achselstück mehr davon übrig ist. Dieses wollen wir aufbauen, wir alle Fünf.

Und ob das Blatt für die Idioten der Reichshauptstadt und seine geistesverwandte Wulle- und Mudicke-Presse lügt, hetzt oder tadelt: – wir gehören zusammen, wir alle Fünf, und werden sie auf die hohlen Köpfe hauen, dass es schallt, und dass die braven Bürger denken, die kaiserliche Wache ziehe noch einmal auf und der Gardekürassier schlage noch einmal die alte Kesselpauke.

Wir sind fünf Finger an einer Hand. Und werden auch weiterhin zupacken, wenns not tut.

Kurt Tucholsky
Die Weltbühne vom 24.08.1922

Leseprojekt jetzt auch am KMG Herford

Morgen geht es am Königin-Mathilde-Gymnasium in Herford los. Auch dort gibt es im kommenden Halbjahr ein Vorleseprojekt für Jungen, das ich anbieten werde. Bin schon gespannt auf die neue Truppe der 8er. Und sie erst ... 
Mal schauen, was für Trolle und Orks, Bilbos und Gollums auf mich zukommen. 
Ich freue mich drauf.

Impressionen einer Lesung

Gestern Abend in Herford. Open Air. Live.
© 2022 Christine Helm
Stefan Kallmer und ich waren zu Gast in der Stadtbibliothek Herford. Eine wunderbare Atmosphäre, die der Förderverein der Bibliothek Buch.Bar für uns und das Publikum geschaffen hatte ... 
© 2022 Christine Helm
Der Hinterhof der Herforder Stadtbibliothek war voll besetzt. Wir hatten Spaß aufzutreten. "Heitere, skurrile & sterbens komische" Texte & Klänge.
Wir danken den Veranstalterinnen, dem wunderbaren Publikum, allen, die uns diesen gemeinsamen Abend möglich gemacht haben.  

Das Missverständnis

Von Albert Camus

Jan kehrt zurück. Vor sehr vielen Jahren hat er seine Mutter und die Schwester Martha verlassen und ist fortgegangen. Er hat sich am Meer ein besseres Leben aufgebaut, hat geheiratet, ist wohlhabend, aber nicht glücklich geworden. Er kehrt zurück. An seiner Seite Maria, seine Ehefrau. Jan sucht nach der alten Heimat, weiß nicht, ob er von den beiden wiedererkannt werden wird. Er möchte gesehen, erkannt und geliebt werden.

Also macht Jan die Probe und gibt sich als fremder Gast aus, der in der kleinen Pension der beiden Frauen ein Zimmer sucht. Was er nicht weiß: Seit Jahren überfallen die beiden in ihrer Not einsame, wohlhabende Gäste und lassen die Leichen im Fluss verschwinden. Was Martha und die Mutter nicht wissen: Dass ihrem nächsten Verbrechen der Bruder, der eigene Sohn, zum Opfer fallen wird. Ein Missverständnis. Eine Tragödie. Camus macht aus diesem Stoff sein zweites Theaterstück nach Caligula (1938). 

Es geht um die Wahrheit, die sich die Protagonisten gegenseitig vorenthalten. Jan verschweigt, wer er ist. Verschweigt seine Motive, spielt ein Spiel, das tragisch endet. Seine Frau Maria warnt ihn, mahnt zur schlichten, gerade heraus gesprochenen Ehrlichkeit. Jan schlägt den Rat aus und schickt Maria fort. 

In den Gesprächen der Mutter mit dem fremden Sohn und denen Marthas mit dem unerkannten Bruder schwingt immer die Doppeldeutigkeit ihrer Worte. Sie erkennen einander nicht, obwohl die Möglichkeit des Verstehens in jedem Satz mitschwingt. Das Spiel der Unehrlichkeit nimmt seinen tragischen Lauf. Am Ende bleibt der Mensch einsam und steht seinem nüchternen Leben gegenüber. Hilfe, gar Rettung gibt es nicht. Der alte Knecht, der während des ganzen Stückes auftritt und fast jede Szene in schweigender Kälte begleitet, wird zum Schluss ein einziges Mal sprechen. Ein einziges hoffnungsloses Wort. 

Das Theaterstück „Das Missverständnis“, das Camus 1943 geschrieben hat, wurde ein Jahr später von ihm uraufgeführt. Es erinnert stark an eine Szene im Roman „Der Fremde“. Der verhaftete Meursault liest in seiner Zelle immer wieder einen Zeitungsausschnitt in dem die Geschichte dieses „Missverständnisses“ berichtet wird. Beide Werke sind also nicht nur zeitlich eng miteinander verknüpft. Der Fremde ist 1942 erschienen und war Camus´ erster großer Erfolg. 

In beiden Werken finden sich die Figuren in ein absurdes Leben gestellt, aus dem sie in all ihrer Tragik nicht entrinnen können. Im „Missverständnis“ bliebe allein die Ehrlichkeit im Umgang miteinander. Da sich die Menschen im Stück — die sich eigentlich einander nahe fühlen müssten — nicht ehrlich begegnen, gibt es kein Miteinander, gibt es keinen Ausweg. Statt der Gemeinsamkeit bleibt nur die Einsamkeit und letztlich der Tod. 

Das menschliche Drama des Stückes ist es, sich gegenseitig zu verkennen, weil sich der Einzelne vor den anderen verstellt, sein Selbst verschleiert. Jan möchte von der Mutter und der Schwester gesehen, erkannt und geliebt werden. Doch der Sohn und Bruder wird nicht gesehen. Er wird verkannt und ermordet. 

„Das Missverständnis“ wurde von Hinrich Schmidt-Henkel neu übersetzt und ist 2013 bei Rowohlt in einer aktuellen Ausgabe sämtlicher Dramen erschienen.

mh

Albert Camus
Sämtliche Dramen
Rowohlt, 2013, Hardcover
ISBN 978 3 498 00942 7

Aus dem Block …

Der Fremde

gesprochen von Ulrich Matthes

Meursault eine Stimme geben? Wer könnte das besser als Ulrich Matthes. Nach meiner Camus-Lektüre in den vergangenen Wochen, habe ich mir „Der Fremde“, gesprochen von Ulrich Matthes, angehört. Bei Hörbüchern bin ich sehr zurückhaltend. Ich mag einige sehr bekannte deutsche Hörbuchsprecher überhaupt nicht. Zu einer Stimme, auf die ich mich stundenlang einlasse, habe ich eine besondere Beziehung. Das muss passen. Das ist nicht zu begründen. Das ist eine Bauchentscheidung. Matthes passt. 

Seiner Stimme kann ich zuhören, auf dem Sofa, auf einem Spaziergang, auf dem überfüllten Bahnsteig. Ich verliere nicht den Faden, wie es mir bei anderen häufig passiert. Er hält mich immer im Stück. 

Camus´ Werke zu sprechen, insbesondere den Fremden, Meursault, ist eine besondere Herausforderung. Ulrich Matthes hält sich zurück, gibt dem Text genau die lakonische Stimmung, die er braucht. Gleichzeitig wirkt die Stimme in den Detailbetonungen nie monoton. Es entstehen Bilder beim Hören, wie sie mir selbst beim Lesen nicht gekommen waren, obwohl ich bei der Lektüre viel mehr Zeit hatte. Rhythmus, Tempo, Pause, das alles wird wunderbar in eine Stimme gebracht, wie ich sie mir für Meursault vorstelle. Diese Stimme bleibt in meinem Kopf. Dank des Autors, dank des Sprechers.

mh

24.08.1922 – Tucholsky vor einhundert Jahren

„Wir sind fünf Finger an einer Hand“, schreibt Kurt Tucholsky in einem Artikel der Weltbühne 1922. Die fünf aus dem Zitat, das sind Peter Panter, Ignaz Wrobel, Kaspar Hauser, Theobald Tiger und Kurt Tucholsky selbst. Tucholsky ist eigentlich kein Pseudonym, aber unter all diesen Namen veröffentlichte er in den verschiedenen Zeitungen. Und der Name Tucholsky trollte sich eben wie ein solches im Reigen der anderen Pseudonyme. Zusammen hatten sie die Schlagkraft, die der 1890 in Berlin geborenen Tucholsky aufbringen musste, um gegen die Missstände in der jungen Weimarer Republik anzuschreiben, für die Freiheit und für die Demokratie. „Wir alle Fünf lieben die Demokratie.“

Wir alle Fünf
von Kurt Tucholsky

Die rechtsstehende Presse amüsiert sich seit einiger Zeit damit, mich mit allen meinen Pseudonymen als »den vielnamigen Herrn« hinzustellen, »der je nach Bedarf unter diesem oder unter jenem Namen schreibt«. Also etwa: Schmock oder Flink und Fliederbusch oder so eine ähnliche Firma.

Aber wir stammen alle Fünf von einem Vater ab, und in dem, was wir schreiben, verleugnet sich der Familienzug nicht. Wir lieben vereint, wir hassen vereint – wir marschieren getrennt, aber wir schlagen alle auf denselben Sturmhelm.

Und wir hassen jenes Deutschland, das es wagt, sich als das allein echte Original-Deutschland auszugeben, und das doch nur die schlechte Karikatur eines überlebten Preußentums ist. Jenes Deutschland, wo die alten faulen Beamten gedeihen, die ihre Feigheit hinter ihrer Würde verbergen; wo die neuen Sportjünglinge wachsen, die im Kriege Offiziere waren und Offiziersaspiranten, und die mit aller Gewalt – und mit welchen Mitteln! – wieder ihre Untergebenen haben wollen. Und deren tiefster Ehrgeiz nicht darin besteht: etwas wert zu sein – sondern: mehr wert zu sein als die andern. Die sich immer erst fühlen, wenn sie einen gedemütigt haben. Jenes Deutschland, wo die holden Frauen daherblühen, die stolz auf ihre schnauzenden Männer sind und Gunst und Liebesgaben dem bereit halten, der durch bunte Uniform ihrer Eitelkeit schmeichelt. Und die in ihrem Empfinden kaltschnäuziger, roher und brutaler sind als der älteste Kavallerie-Wachtmeister. Wir alle Fünf hassen jenes Deutschland, wo der Beamtenapparat Selbstzweck geworden ist, Mittel und Möglichkeit, auf den gebeugten Rücken der Untertanen herumzutrampeln, eine Pensionsanstalt für geistig Minderbemittelte. Wir alle Fünf unterscheiden wohl zwischen jenem alten Preußen, wo – neben den fürchterlichsten Fehlern – wenigstens noch die Tugenden dieser Fehler vorhanden waren: unbeirrbare Tüchtigkeit, Unbestechlichkeit, catonische Strenge und puritanische Einfachheit. Aber es hat sich gerächt, dass man all das nur als Eigenschaften der Herrscherkaste züchtete und den ›gemeinen Mann‹ mit verlogenen Schullesebüchern und Zeichnungslisten für Kriegsanleihen abspeiste. So sieht kein Mensch einen Hund an wie die regierenden Preußen ihre eignen Landsleute, von deren Steuern und Abgaben sie sich nährten. Und wir hassen jenes Deutschland, das solche Bürger hervorgebracht hat: flaue Kaufleute, gegen die gehalten die alten Achtundvierziger Himmelsstürmer waren – satte Dickbäuche, denen das Geschäft über alles ging, und die hoch geschmeichelt waren, wenn sie an ihrem Laden das Hoflieferantenschild anheften durften. Sie grüßten noch die leere Hofkarosse und betrachteten ehrfurchtsvoll den Mist der kaiserlichen Pferde. Spalierbildner ihres obersten Kommis.

Wir alle Fünf lieben die Demokratie. Eine, wo der Mann zu sagen hat, der Freie und der Verantwortungsbewußte. Eine, wo die Menschen nicht ›gleich‹ sind wie die abgestempelten Nummern einer preußischen Kompanie, jener Inkarnation eines Zuchthausstaates – sondern eine, wo zwischen einem Bankpräsidenten und seinem Portier kein Kastenunterschied mehr besteht, sondern nur ein ökonomischer und einer in der äußern Beschäftigung. Ob sie miteinander Tee trinken, ist eine andre Sache. Daß es aber alles beides Menschen sind, steht für uns fest.

Jenes Deutschland wollen wir zerstören, bis kein Achselstück mehr davon übrig ist. Dieses wollen wir aufbauen, wir alle Fünf.

Und ob das Blatt für die Idioten der Reichshauptstadt und seine geistesverwandte Wulle- und Mudicke-Presse lügt, hetzt oder tadelt: – wir gehören zusammen, wir alle Fünf, und werden sie auf die hohlen Köpfe hauen, dass es schallt, und dass die braven Bürger denken, die kaiserliche Wache ziehe noch einmal auf und der Gardekürassier schlage noch einmal die alte Kesselpauke.

Wir sind fünf Finger an einer Hand. Und werden auch weiterhin zupacken, wenns not tut.

Kurt Tucholsky
Die Weltbühne vom 24.08.1922