Michael Helm

Herforder AutorInnen in Spenge

Ich freue mich, dass wir wieder zusammen auf der Bühne stehen werden. "Bitte warten ..." - Vielleicht haben Sie ja den ein oder anderen Auftritt von uns während der Pandemie herbeigesehnt und mussten lange darauf warten. Was das Warten ausmacht, wie unterschiedlich das Empfinden vergehender Zeit ist, das alles könnte Sie erwarten.
Die Herforder AutorInnen-Gruppe liest über Zeit, Eile und Langsamkeit. Ihr aktuelles Programm kombiniert Humorvolles, Kritisches, Herausforderndes und Emotionales. 

14.05.22 | 19.30 Uhr | Stadtbücherei Spenge | Infos

Lesung in der Bücherei in Spenge

Am Donnerstag ist es wieder soweit. Die nächste Lesung in der Bücherei in Spenge. Ich lese den amerikanischen Autor Stephen Crane. Von Hemingway und vielen anderen amerikanischen Autoren verehrt, gehört er in Deutschland immer noch zu den Geheimtips. Jetzt hat der Pendragon-Verlag in Bielefeld neue Übersetzungen Cranes veröffentlicht. Nicht nur dies ist ein Grund sich des außergewöhnlichen Schriftstellers und Reporters anzunehmen. 

Ich schätze den Autor bereits seit vielen Jahren. Einige seiner Erzählungen sind Weltliteratur. Im Fokus der Lesung Die tristen Tage von Coney Island wird vor allem eine seiner besten Erzählungen stehen: Das offene Boot. 

Vier Männer geraten in einem kleinen Boot in Seenot. Vor der Küste haben sie das rettende Ufer vor Augen. Doch Wetter und Strömung verurteilen ihre Rettungsversuche immer wieder zum Scheitern. Vier Menschen in einem Boot, an der Grenze des Lebens, in höchster Not. Das ist eine Situation, wie sie Crane selbst erlebt hat. Wie kein anderer kann er darüber schreiben.

28.04.22 | Stadtbücherei Spenge |  19.30 Uhr | Infos

Literatur beim Abtrocknen

Freitags auf dem Block

Am 10. September 2000 war sie, die erste Lesung in der Stadtbücherei Spenge. „Literatur zum Schmunzeln“. Fragen Sie mich nicht, wie wenig Leute damals zur Lesung gekommen sind. 

Die Lesungen „Zwischen den Zeilen“ in der Stadtbücherei Spenge gibt es 2020 seit zwanzig Jahren. Ein Grund zu Feiern und sich zu erinnern. In einer kleinen Serie möchte ich hier an ein paar besondere Augenblicke zurückdenken.

Ich erinnere mich aber an die alte Bücherei. Nicht einmal das Gebäude existiert heute noch. Die Regale mussten zur Seite geschoben werden, Stühle getragen und aufgestellt und alles musste vorbereitet sein, um auch Sekt, Saft & Co. zu reichen. Ich wollte ja nicht nur lesen, sondern auch nett mit den Gästen über Literatur plaudern. Die Gläser transportierten wir jedesmal vor der Lesung in die Bücherei und im Anschluss wurden sie in einer gemeinsamen Aktion in der kleinen Küche wieder abgespült. Es waren nette literarische Gespräche beim Abtrocknen, an die ich mich gerne erinnere. Der Nachklang zur Lesung in der Küche des Bürgerzentrums.

Jubiläumslesung | 20 Jahre „Zwischen den Zeilen“
Musikalische Lesung mit Stefan Kallmer (Klarinette, Saxophon, E-Piano, Gesang); Texte aus 20 Jahren mit Michael Helm
30.09.2020 | 19.30 Uhr | Stadtbücherei Spenge | Infos

Überhaupt ist es Frau Rickert – der damaligen Leiterin der Bücherei – zu verdanken, dass es die Lesungen immer wieder gab. Was in Düsseldorf allsonntäglich funktionierte, musste sich in Spenge ja erst einmal rumsprechen. Erst gab es drei Lesungen im Halbjahr, später wurden es vier im Jahr. Den Sonntag als Veranstaltungstag haben wir in Spenge schnell wieder aufgegeben. Zu groß die Konkurrenz des heimischen Gartens. 

Nach der ersten Lesung sagte Frau Rickert dann mitleidsvoll zu mir: „Es hat den Leuten gefallen …, wirklich.“
Ich stutzte. 
„Sie zeigen es ja nicht so, die Ostwestfalen, aber glauben Sie mir. Die fanden das richtig gut … Das ist nicht Düsseldorf.“
Dabei musste sie selbst lachen. 

Sie hatte das sicherlich nicht zum ersten Mal zu einem Künstler aus der Fremde gesagt. Und Düsseldorf kam mir damals schon wirklich ziemlich weit und fremd vor, obwohl ich noch immer wöchentlich mit Rolf Fuchs auf der Bolkerstraße im Heinrich Heine-Geburtshaus auftrat. So manche Lesung mit identischem Text hätte an den beiden Orten unterschiedlicher nicht aufgenommen werden können. An der Bolkerstraße Schenkelklopfen, in Spenge ein herzlich-heimliches Schmunzeln.

Es war das erste Mal, dass ich ahnte, wo ich hingezogen war: nach Ostwestfalen, an den Teutoburger Wald. Aber den hatte doch schließlich Heinrich Heine schon in seinem Wintermärchen besungen, wenn der auch nicht gerade gut weggekommen war. Aber das gilt ja auch für Köln, Göttingen, Hamburg, etc. Das muss noch nichts heißen, dachte ich mir. 

Frau Rickert hatte Geduld mit mir und recht dazu. Denn die Leute kamen wieder. Und es wurden mehr. Wir zogen im damaligen Bürgerzentrum in den kleinen Veranstaltungsraum um. Der Raum lag neben dem Saal und hatte den Charme eines Konferenzraums. Aber immer wieder bekamen wir zu hören, wie nett wir den hergerichtet hätten. Manche erkannten ihn gar nicht wieder. Selbst eine Schultafel hätte ich nutzen können, wenn ich gewollt hätte. (Beamer gab es da ja noch nicht!)

Ein Teil meines Herzens ist ostwestfälisch geblieben

Ich weiß gar nicht, was ich ohne die Ausdauer und Freundlichkeit des damaligen Teams gemacht hätte. In Ostwestfalen habe ich gelernt, was es bedeutet, beharrlich zu sein. Manch einer nickte mir erst verstohlen grüßend zu, als er mich zehn Jahre lang kannte und ich schon auf gepackten Koffern ins Ruhrgebiet saß. 
„Wie, Sie ziehen fort? Warum denn?“, fragte er dann. 
Ich tröstete: „Die Lesungen bleiben Ihnen doch weiterhin erhalten.“ 

Es kamen dann Leute, die ich vorher nie bei den Veranstaltungen gesehen hatte. Selbst Engeraner, Herforder und Bielefelder überschritten mittlerweile die Stadtgrenzen. Und ich reiste für jede Lesung aus Herdecke an. Die waren jetzt im schmucken Neubau der Bücherei. Und da hörte ich eines Tages den Satz: 

„Schön, dass Sie unsere Lesungen hier weitermachen. Sie sind schließlich auch ein Ostwestfale, ein Spengeraner.“

Ich konnte den Herzen der Ostwestfalen nicht mehr entkommen. Und sie haben ja recht. Ein Teil meines Herzens ist ostwestfälisch geblieben, bis heute. Da soll Heine nur mal kommen …

Michael Helm

Jubiläumslesung

Am 30.09.20 ist die große Geburtstagslesung in der Stadtbücherei Spenge. 20 Jahre „Zwischen den Zeilen“ müssen gefeiert werden. Nach allen Regeln in Corona-Zeiten, aber gefeiert. Mit an meiner Seite wird Stefan Kallmer (Klarinette, Saxophon, E-Piano, Gesang) sein. Und es wird eine Überraschungslesung mit Texten aus 20 Jahren Lesungen in Spenge.

20 Jahre „Zwischen den Zeilen“
Stadtbücherei Spenge | 30.09.20 | 19.30 Uhr
Karten gibt es unter 05225 6322 und nur im Vorverkauf!

Gestern in Spenge…

Es war wieder eine tolle Atmosphäre in Spenge, gestern Abend mit Goethes Divangedichten. Danke an ein tolles Publikum, das mich hier seit über 16 Jahren willkommen heißt.

OWL im Fotoshooting

Leineweber Bielefeld

Versperrte mir in Bielefeld den Weg

Die Premiere für die Hermannstour naht und mein Blick in die Fotogalerie ließ mich erschrocken am Schreibtisch zusammensinken. Hatte ich eine Regentour versprochen? Auf den Bildern sind Außerirdische, verpackt in regenabweisenden Müllsäcken zu sehen. Ich erkenne mich da selbst nicht wieder. Zugegeben, damals erinnerte unsere Ausrüstung noch eher an Folgen von Raumschiff Orion. Nach den wunderherrlichen Eifelbildern kann ich das den Ostwestfalen nicht antun, vor allem beim heutigen Blick in den strahlendblauen Himmel. Also los, Sachen gepackt und auf geht´s: Schönwetterbilder machen. OWL im Fotoshooting! (more…)

Kafka fasziniert in Spenge

Meinte jedenfalls Frau Bohnenkamp-Schmidt in der Neuen Westfälischen zum Kafkaabend. Das freut mich. Der Artikel der NW sei Ihnen hier noch zum Nachlesen dargereicht. NW-Artikel vom 01.10.15.

mh

Aus dem Block …

Anna In – Teil II

von Olga Tokarczuk

Anna In – Eine Reise zu den Katakomben der Welt habe ich beendet. 

… Ein faszinierender Roman … und mich faszinieren die mythischen Gänge in die Unterwelt schon sehr lange, sei es der Gang des Odysseus in den Hades oder die Geschichten um Orpheus, … sei es der Besuch des Gilgamesch bei Uta-napischti dem einzigen Überlebenden einer von den Göttern verursachten Sintflut im mesopotamischen Epos. Letztlich sucht ja auch im Gilgamesch-Epos der Held die Unsterblichkeit und macht sich auf in die Unterwelt … 

… Das Faszinosum dieser Erzählungen beschränkt sich dabei nicht allein auf die alten Mythen …

… Inanna hingegen ist eine Göttin. Sie besucht im sumerischen Mythos ihre Zwillingsschwester Ereškigal, die Herrin des Totenreichs. Sie stirbt. Aus dem Reich der Toten kehrt niemand zurück. Inanna wird jedoch wiedererweckt und kann zurückkehren in die Welt der Lebenden … Sie bricht die Regel …

… Im Roman von Olga Tokarczuk wird Nina Šubur (Begleiterin, Freundin, Bedienstete Inannas) ihre Fürsprecherin in der Oberwelt, während die Herrin im Totenreich gefangen ist. Nina Šubur ist auch die Haupterzählerin des Romans. Es kommen noch andere Erzählerinnen vor — im Falle des Torwächters Neti, ein Erzähler, ein Wesen der Unterwelt — immer einfache Figuren, die die Hauptfiguren begleiten, ihnen zur Seite stehen, sie beobachten. Allein diese Erzählstruktur fasziniert …

… als Nina Šubur um die Rückkehr ihrer Herrin aus dem Totenreich bittet und fleht, findet sie in der männlichen Götterwelt keinen Zuspruch. Die Geschichte, die Olga Tokarczuk schreibt, ist die einer starken weiblichen Heldin. Für mich ist Nina Šubur — oder im sumerischen Mythos Ninšubur — die eigentliche Heldin dieser Geschichte. Es ist, wie es ist, wenn die Mächtigen, die Göttinnen und Götter,  Schicksal spielen wollen — es aber die schicksalsbetroffenen Menschen sind, die es leben müssen … die für die göttlichen Entscheidungen geradestehen müssen …

… Im Roman muss eine Person gefunden werden, die an Inannas Stelle — an ihrer Statt in das Totenreich zurückkehrt. Der Regelbruch der Göttin muss seinen Preis haben. Die Unterweltherrscherin Ereškigal ist da unerbittlich. Auch dann wird eine einfache Frau den eigentlichen Heldenmut aufbringen …

… stilistisch ist Anna In – Eine Reise zu den Katakomben der Welt ein wunderbares Buch … und dies weniger in seinen Handlungsschilderungen, als vielmehr in den poetischen Bildern, die beim Erzählen entstehen. Die Kraft dieser Bilder setzt nahtlos an bei den mythischen Vorbildern der sumerischen Geschichten. 

Anna In
Eine Reise zu den Katakomben der Welt

von Olga Tokarczuk
Roman, aus dem Polnischen übersetzt von Lisa Palmes
Kampa Verlag, 2022

mh

Anna In

von Olga Tokarczuk

… Dafür sind gute Buchhandlungen da, nicht wahr? … Sie geben mir dort in die Hände, was passt, … zu dem passt, was ich just gelesen habe … das weiß mein Buchhändler selbstverständlich, oder? … Er weiß es wirklich … 

… er kennt meine Vorliebe für die alte mesopotamische Zivilisation … für Gilgamesch und Enkidu … also drückte er mit Anna In in die Hand. Ich kenne Olga Tokarczuk, die polnische Nobelpreisträgerin, obwohl ich bisher nichts von ihr gelesen habe. Anna In ist das Buch von ihr, das in aktueller Übersetzung ins Deutsche vorliegt … Ich bleibe stutzig! Bis er mich auf den Dreher im Titel aufmerksam macht. Anna In – Inanna. Da fällt der Groschen … Sie ist die sumerische Göttin der Liebe, der Fruchtbarkeit, des Mondes und auch des Krieges. Die Göttin steigt in die Unterwelt, um dort ihre Schwester Ereschkigal zu besuchen … 

… Die Unterweltmythen erzählen normalerweise davon, dass niemand zurückkehrt, der ins Reich der Toten gelangt ist. Das droht auch Anna In / Inanna … Der Klappentext bringt Klarheit. „Eine Reise zu den Katakomben der Welt“. Erschienen, wie alle Werke der polnischen Schriftstellerin, im Kampa-Verlag. Die Autorin nimmt sich eines weiteren bedeutenden Mythos´ Uruks neben Gilgamesch an, des Inanna-Mythos´.

… Mythen erzählen von den uralten Fragen der Menschheit, nach Sterblichkeit und Unsterblichkeit, nach dem Sinn unserer Existenz … das bewegte die Sumerer damals, das bewegt die Menschen noch heute … 

… Tokarczuk nimmt sich des uralten Stoffes an und erzählt den Mythos auf faszinierende Weise neu … ich habe erst die ersten Kapitel gelesen, aber das hat mich hineingezogen … auch Gilgamesch reiste in die Unterwelt zu Ereschkigal … aber hier bei Tokarczuks Inanna wird ein Mythos auf einzigartige Weise neu gestaltet. Wirkmächtige, poetische Bilder entstehen beim Lesen. Dunkle Gänge und modernde Hallen, vermoost und aus rostigem Metall … über der Erde lesen die Menschen Zeitung, sie haben Strom und fahren in futuristischen Fahrstühlen … die Gärten hängen wie Weltwunder vom Himmel … dennoch geht der Reiz des Alten nicht verloren … die Zeiten wirken wie verflochten ineinander … die Sprache schafft eine zeitlose Welt … das macht viel Lust auf mehr … ich bin sehr gespannt wie es weitergeht …

mh