Michael Helm

Blick in ferne Zukunft

In der letzten Woche gab es an dieser Stelle ein Gedicht von Kurt Tucholsky: „Augen in der Großstadt“. Heute ein Prosastück des Weimarer Journalisten, Schriftstellers und Kritikers. „Blick in ferne Zukunft“ erschien in „Die Weltbühne“ am 28.10.1930 unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel. Der Text hat bis heute nicht an Brisanz verloren. Er endet mit den drei wichtigsten Pünktchen der Literatur.

Ignaz Wrobel (Kurt Tucholsky) | Ein Blick in ferne Zukunft | gelesen von Michael Helm

Den Text können Sie hier nachlesen Link.

Ein Gedicht …

Kurt Tucholsky veröffentlichte das folgende Gedicht 1930 unter dem Pseudonym Theobald Tiger in der „Arbeiter Illustrierte Zeitung“. Tucholsky wurde 1890 in Berlin geboren und starb 1935 in Göteborg im Exil. Er war die warnende Stimme der Weimarer Republik; ein hellsichtiger Geist, der in seinen Veröffentlichungen benannte, was auf Deutschland in den Dreißigern zukam. 

Augen in der Großstadt
von Theobald Tiger

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
da zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? vielleicht dein Lebensglück …
vorbei, verweht, nie wieder.

Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang,
die dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hasts gefunden,
nur für Sekunden …
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider;
Was war das? kein Mensch dreht die Zeit zurück …
Vorbei, verweht, nie wieder.

Du mußt auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Es sieht hinüber
und zieht vorüber …
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider.
Was war das?
Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.

Tucholskys Schnipsel

„Neben manchem andern sondern die Menschen auch Gesprochnes ab. Man muß das nicht gar so wichtig nehmen.“

Peter Panter in Die Weltbühne, 22.12.1931, Nr. 51

Die klugen Worte verfasste Kurt Tucholsky unter seinem Pseudonym Peter Panter in der Wochenzeitschrift Die Weltbühne. Gegründet hatte diese Siegfried Jacobsohn. Tucholsky war einer ihrer wichtigsten Autoren. Schnipsel nannte er kleine Sätze und Aphorismen, die ihren Gegenstand spitzzüngig auf den Punkt brachten.

Kurt Tucholsky wurde am 9. Januar 1890 in Berlin geboren.

mh

Am Sonntag geht´s los…

Erste Lesung im Jahr 2017: Kurt Tucholskys Schloß Gripsholm. Es sind nur noch sehr wenige Karten in der Stadtbibliothek zu bekommen. Das Jahr fängt in Herford also richtig gut an. Jetzt muss ich nur noch meines Premierenlampenfiebers Herr werden.

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Schloß Gripsholm
Eine Sommergeschichte von Kurt Tucholsky
15.01.2017 | 10 Uhr | Stadtbibliothek Herford | Linnenbauerplatz 6 | 32052 Herford | Eintritt: 18,- € (incl. Frühstück) | Infos»

mh

Matineen in Herford im Frühjahr 2017

Michael Helm, Matineen in Herford im Frühjahr 2017Der Vorverkauf für die ersten beiden Matineen 2017 in der Stadtbibliothek Herford beginnt morgen, am 13.12.2016. Ihr könnt die beiden Lesungen um die Liebe, die jedoch unterschiedlicher nicht sein könnten, noch zu Weihnachten verschenken. Karten gibt es in der Stadtbibliothek (Tel. 05221 189-8040). Los geht es mit einer Premiere, auch wenn ich Kurt Tucholsky schon lange im Programm habe:

Schloß Gripsholm
Eine Sommergeschichte von Kurt Tucholsky
15.01.2017 | 10 Uhr | Stadtbibliothek Herford | Infos (more…)

Blick in ferne Zukunft

… Und wenn alles vorüber ist –; wenn sich das alles totgelaufen hat: der Hordenwahnsinn, die Wonne, in Massen aufzutreten, in Massen zu brüllen und in Gruppen Fahnen zu schwenken, wenn diese Zeitkrankheit vergangen ist, die die niedrigen Eigenschaften des Menschen zu guten umlügt; wenn die Leute zwar nicht klüger, aber müde geworden sind; wenn alle Kämpfe um den Faschismus ausgekämpft und wenn die letzten freiheitlichen Emigranten dahingeschieden sind –:

dann wird es eines Tages wieder sehr modern werden, liberal zu sein. (more…)

Kurt Tucholsky

Ein Leben zwischen 5 Pseudonymen
Ein nachdenklich-vergnüglicher Tucholskyabend mit Michael Helm
24.11.2016 | 19:00 | Stadtbibliothek Witten | Husemannstr. 12 | Eintritt: 8,- €

Das wird die Lesungspremiere in der Stadtbibliothek in Witten. Bin gespannt und freu´ mich drauf. Und viele Gäste können der Fortetzung solcher Lesungen dort nicht schaden. ;)

mh

Letzte Lesung vor der Sommerpause

„Nachmittags lagen sie im Boot. Der Himmel war klar, noch einmal gab der Sommer seine Wärme. (…) Eine Reihe leuchtender Tage – das kommt nie wieder! Heiter Glück verbreiten! – Wir wollen uns Erinnerungen machen, die Funken sprühen!“

 Rheinsberg, Kurt Tucholsky

Am kommenden Donnerstag (18.06.) geht es in das Finale vor der Sommerpause. In Löhne lese ich die beschwingte und luftige Sommergeschichte „Rheinsberg“ von Kurt Tucholsky. (more…)

Aus dem Block …

Samstag ist Lesung!

Juli Zeh – Corpus Delicti
22.01.2022 | Stadtbücherei Spenge | 19.30 Uhr | Infos

Kaspars Gedankengang XI

„Bei aller Schläue hatten sie das Geheimnis, was ein anderer dachte, noch nicht gelüftet. Vielleicht traf das weniger zu, wenn sie einen in der Hand hatten. Man wusste nicht, was im Liebesministerium geschah, aber vermuten konnte man es: Folter, Drogen, empfindliche Apparate, die die Nervenreaktionen registrierten, allmähliche Zermürbung durch Schlafentzug, Einsamkeit und unablässig Verhöre. Tatsachen jedenfalls ließen sich nicht verheimlichen. Die ließen sich durch Fragen erhalten und durch Folter herauspressen. Doch wenn es nicht das Ziel war, am Leben, sondern ein Mensch zu bleiben, was änderte das letztlich groß? Die Gefühle konnten sie nicht ändern, das konnte man ja nicht einmal selbst, auch wenn man es wollte.
Was man getan, gesagt oder gedacht hatte, das konnten sie alles bis ins Kleinste aufdecken, das Innerste aber, dessen Funktionsweise sogar einem selbst ein Rätsel war, das blieb unangreifbar.“

George Orwell, 1984, Insel, 2021,
übersetzt von Eike Schönfeld, S. 223

… ich hänge noch immer in der Lektüre von 1984 fest … kann man so sagen … immer wieder suche ich mir einzelne Szenen heraus, über die ich eine Nacht lang nachgrüble … hier eine aus der Übersetzung von Eike Schönfeld, die in der bisherigen Betrachtung vielleicht etwas kurz gekommen ist …

… Was mich an diesem Auszug so schockiert, ist die Trostlosigkeit der wiederholten Lektüre … warum das? … Ich mochte Orwell beim ersten Lesen damals am Ende der Passage so gerne recht geben, aber er zeigt am Ende seines Buches, dass auch das möglich ist: Nichts bleibt in 1984 unangreifbar, selbst die Liebe nicht, selbst das „Menschbleiben“ nicht. Menschen sind so verdammt beeinflussbar. Es muss nicht einmal durch Folter geschehen, möchte ich 2021 hinzufügen …

… in einer zweiten Szene schildert Orwell, wie während einer Propagandaveranstaltung, während einer Rede des Funktionärs, während eines einzigen Satzes sich die Tatsachen zu ändern scheinen, auf denen die Propaganda fußt: Ozeanien liegt plötzlich nicht mehr mit Eurasien im Krieg, sondern von einer Sekunde auf die andere wird der Krieg mit der anderen Partei, dem ehemaligen Verbündeten Ostasien propagiert. Mit Eurasien sei man doch schon ewig verbündet! … Alle Fakten werden in ihr Gegenteil verkehrt … die Maschinerie der Vergangenheitsfälschung wird wieder angeworfen … die Vergangenheit wieder einmal getilgt, ersetzt … die Lüge durch eine weitere Lüge ausgetauscht …

… Beeindruckend allerdings, wie schnell das geht … wie innerhalb eines Moments die Meinung der Menschen manipulierbar ist … Während der Rede des Funktionärs nehmen es die Menschenmassen hin. Der Redner beendet den Satz im Lichte der neuen Fakten, der neuen Wahrheiten … Wir liegen im Krieg mit Ostasien! … war nie anders … wer anderes behauptet, ist Staatsfeind! … wer anderes denkt … Gedankenverbrecher! … Fakten werden zu Lügen … Lügen zur Wahrheit … und obwohl alles noch vor einer Sekunde das Gegenteil zu sein schien … es wird von den Menschen, die dem Redner euphorisch zujubeln, geglaubt … alte Plakate werden von den Wänden gerissen … Fake News! … nieder mit der Feindpropaganda! … es lebe die Partei! … es lebe der große Bruder! … Wahrheit mit einer Halbwertszeit von Sekunden …

… kommt uns irgendwie bekannt vor?

Kaspar Hauser