Michael Helm

Nachschlag zur Lesung in Herford

Michael Helm / Jannik Roßmann

Zwei Leser, ein gutes Team! Nach der Lesung zu „Don Quijote“ in der Stadtbibliothek.

 

 

 

 

 

Ein Gedicht

Es scheint die Sonne, es ist angenehm warm.
Auch die Nächte sind nicht zu kalt.
Stille, man hört lediglich die Vögel, den Wind.
Ich bin für mich allein, schaue in die Ferne,
weit und breit nur Berge und Wälder.
Am Fuße des Hügels, auf dem ich in einem kleinen Häuschen lebe,
liegt ein großer See, auf den ein Steg hinaus führt.
Oft sitze ich dort, halte die Füße ins Wasser und denke nach.
Ein weiter Raum für Gedanken.
Hier kann ich ich selber sein, ohne Einschränkung denken.
Oft streife ich durch die Wälder, beobachte die Tiere,
nehme die Pflanzen, das Laub, die gute Luft wahr.
Oft sitze ich abends vor einem kleinen Feuer,
in eine Decke eingehüllt und beobachte die Flammen.
Wie sie tänzeln, Wärme und Licht spenden.
Die wahre Freiheit liegt in der Einsamkeit.

Doch bin ich in eurer Welt,
liege da, kann nur die Augen bewegen.
Ich bin gefangen in der realen Welt
gefangen im eigenen Körper.

jr (more…)

Rücklichter

Ein Gedicht von Jannik Roßmann

Nun, da sitzt er
in einem Restaurant.
Zusammen mit anderen Bekannten.
Es wird über alles Mögliche gequatscht – gelästert – gelacht.
Irgendwie wird er abgehängt.
Wie jemand, der dem abfahrenden Zug hinterher schaut.
Nicht an Bord ist – abgeschottet von den Reisenden. (more…)

U-Bahn Duft

Ein Gedicht von Jannik Roßmann

U-Bahn Duft
Warme, trockene Luft
Wind
Helles, grelles Licht
Tief unter der Flur, Beton-Röhre
„Bahn fährt ein, Vorsicht am Gleis!“ – hallt es
Wildes Getöse an- und abfahrender Züge (more…)

Das Gedicht

U-Bahn Duft
von Jannik Rossmann

U-Bahn Duft
Warme, trockene Luft
Wind
Helles, grelles Licht
Tief unter der Flur, Beton-Röhre
„Bahn fährt ein, Vorsicht am Gleis!“ – hallt es
Wildes Getöse an- und abfahrender Züge (more…)

Das Gedicht

Irgendwann
von Jannik Rossmann

Irgendwann werde ich gehen
an einen völlig fremden Ort
wo alles neu, wo alles anders ist
wo du niemanden kennst und du selbst nicht erkannt wirst
an einen Ort, der warm ist
wo man mit den Händlern noch feilschen kann
wo man immer ein freundliches Lächeln findet
wo ein ganzes Jahr Sommer ist
wo das Meer rauscht
wo eine leichte, wohltuende Brise über die Küste streicht
dort, wo die Sonne abends im Wasser versinkt
der Mond in den Bergen aufgeht
und du einfach nur abschalten kannst (more…)

Aus dem Block …

Samstag ist Lesung!

Juli Zeh – Corpus Delicti
22.01.2022 | Stadtbücherei Spenge | 19.30 Uhr | Infos

Kaspars Gedankengang XI

„Bei aller Schläue hatten sie das Geheimnis, was ein anderer dachte, noch nicht gelüftet. Vielleicht traf das weniger zu, wenn sie einen in der Hand hatten. Man wusste nicht, was im Liebesministerium geschah, aber vermuten konnte man es: Folter, Drogen, empfindliche Apparate, die die Nervenreaktionen registrierten, allmähliche Zermürbung durch Schlafentzug, Einsamkeit und unablässig Verhöre. Tatsachen jedenfalls ließen sich nicht verheimlichen. Die ließen sich durch Fragen erhalten und durch Folter herauspressen. Doch wenn es nicht das Ziel war, am Leben, sondern ein Mensch zu bleiben, was änderte das letztlich groß? Die Gefühle konnten sie nicht ändern, das konnte man ja nicht einmal selbst, auch wenn man es wollte.
Was man getan, gesagt oder gedacht hatte, das konnten sie alles bis ins Kleinste aufdecken, das Innerste aber, dessen Funktionsweise sogar einem selbst ein Rätsel war, das blieb unangreifbar.“

George Orwell, 1984, Insel, 2021,
übersetzt von Eike Schönfeld, S. 223

… ich hänge noch immer in der Lektüre von 1984 fest … kann man so sagen … immer wieder suche ich mir einzelne Szenen heraus, über die ich eine Nacht lang nachgrüble … hier eine aus der Übersetzung von Eike Schönfeld, die in der bisherigen Betrachtung vielleicht etwas kurz gekommen ist …

… Was mich an diesem Auszug so schockiert, ist die Trostlosigkeit der wiederholten Lektüre … warum das? … Ich mochte Orwell beim ersten Lesen damals am Ende der Passage so gerne recht geben, aber er zeigt am Ende seines Buches, dass auch das möglich ist: Nichts bleibt in 1984 unangreifbar, selbst die Liebe nicht, selbst das „Menschbleiben“ nicht. Menschen sind so verdammt beeinflussbar. Es muss nicht einmal durch Folter geschehen, möchte ich 2021 hinzufügen …

… in einer zweiten Szene schildert Orwell, wie während einer Propagandaveranstaltung, während einer Rede des Funktionärs, während eines einzigen Satzes sich die Tatsachen zu ändern scheinen, auf denen die Propaganda fußt: Ozeanien liegt plötzlich nicht mehr mit Eurasien im Krieg, sondern von einer Sekunde auf die andere wird der Krieg mit der anderen Partei, dem ehemaligen Verbündeten Ostasien propagiert. Mit Eurasien sei man doch schon ewig verbündet! … Alle Fakten werden in ihr Gegenteil verkehrt … die Maschinerie der Vergangenheitsfälschung wird wieder angeworfen … die Vergangenheit wieder einmal getilgt, ersetzt … die Lüge durch eine weitere Lüge ausgetauscht …

… Beeindruckend allerdings, wie schnell das geht … wie innerhalb eines Moments die Meinung der Menschen manipulierbar ist … Während der Rede des Funktionärs nehmen es die Menschenmassen hin. Der Redner beendet den Satz im Lichte der neuen Fakten, der neuen Wahrheiten … Wir liegen im Krieg mit Ostasien! … war nie anders … wer anderes behauptet, ist Staatsfeind! … wer anderes denkt … Gedankenverbrecher! … Fakten werden zu Lügen … Lügen zur Wahrheit … und obwohl alles noch vor einer Sekunde das Gegenteil zu sein schien … es wird von den Menschen, die dem Redner euphorisch zujubeln, geglaubt … alte Plakate werden von den Wänden gerissen … Fake News! … nieder mit der Feindpropaganda! … es lebe die Partei! … es lebe der große Bruder! … Wahrheit mit einer Halbwertszeit von Sekunden …

… kommt uns irgendwie bekannt vor?

Kaspar Hauser