Michael Helm

24.08.1922 – Tucholsky vor einhundert Jahren

„Wir sind fünf Finger an einer Hand“, schreibt Kurt Tucholsky in einem Artikel der Weltbühne 1922. Die fünf aus dem Zitat, das sind Peter Panter, Ignaz Wrobel, Kaspar Hauser, Theobald Tiger und Kurt Tucholsky selbst. Tucholsky ist eigentlich kein Pseudonym, aber unter all diesen Namen veröffentlichte er in den verschiedenen Zeitungen. Und der Name Tucholsky trollte sich eben wie ein solches im Reigen der anderen Pseudonyme. Zusammen hatten sie die Schlagkraft, die der 1890 in Berlin geborenen Tucholsky aufbringen musste, um gegen die Missstände in der jungen Weimarer Republik anzuschreiben, für die Freiheit und für die Demokratie. „Wir alle Fünf lieben die Demokratie.“

Wir alle Fünf
von Kurt Tucholsky

Die rechtsstehende Presse amüsiert sich seit einiger Zeit damit, mich mit allen meinen Pseudonymen als »den vielnamigen Herrn« hinzustellen, »der je nach Bedarf unter diesem oder unter jenem Namen schreibt«. Also etwa: Schmock oder Flink und Fliederbusch oder so eine ähnliche Firma.

Aber wir stammen alle Fünf von einem Vater ab, und in dem, was wir schreiben, verleugnet sich der Familienzug nicht. Wir lieben vereint, wir hassen vereint – wir marschieren getrennt, aber wir schlagen alle auf denselben Sturmhelm.

Und wir hassen jenes Deutschland, das es wagt, sich als das allein echte Original-Deutschland auszugeben, und das doch nur die schlechte Karikatur eines überlebten Preußentums ist. Jenes Deutschland, wo die alten faulen Beamten gedeihen, die ihre Feigheit hinter ihrer Würde verbergen; wo die neuen Sportjünglinge wachsen, die im Kriege Offiziere waren und Offiziersaspiranten, und die mit aller Gewalt – und mit welchen Mitteln! – wieder ihre Untergebenen haben wollen. Und deren tiefster Ehrgeiz nicht darin besteht: etwas wert zu sein – sondern: mehr wert zu sein als die andern. Die sich immer erst fühlen, wenn sie einen gedemütigt haben. Jenes Deutschland, wo die holden Frauen daherblühen, die stolz auf ihre schnauzenden Männer sind und Gunst und Liebesgaben dem bereit halten, der durch bunte Uniform ihrer Eitelkeit schmeichelt. Und die in ihrem Empfinden kaltschnäuziger, roher und brutaler sind als der älteste Kavallerie-Wachtmeister. Wir alle Fünf hassen jenes Deutschland, wo der Beamtenapparat Selbstzweck geworden ist, Mittel und Möglichkeit, auf den gebeugten Rücken der Untertanen herumzutrampeln, eine Pensionsanstalt für geistig Minderbemittelte. Wir alle Fünf unterscheiden wohl zwischen jenem alten Preußen, wo – neben den fürchterlichsten Fehlern – wenigstens noch die Tugenden dieser Fehler vorhanden waren: unbeirrbare Tüchtigkeit, Unbestechlichkeit, catonische Strenge und puritanische Einfachheit. Aber es hat sich gerächt, dass man all das nur als Eigenschaften der Herrscherkaste züchtete und den ›gemeinen Mann‹ mit verlogenen Schullesebüchern und Zeichnungslisten für Kriegsanleihen abspeiste. So sieht kein Mensch einen Hund an wie die regierenden Preußen ihre eignen Landsleute, von deren Steuern und Abgaben sie sich nährten. Und wir hassen jenes Deutschland, das solche Bürger hervorgebracht hat: flaue Kaufleute, gegen die gehalten die alten Achtundvierziger Himmelsstürmer waren – satte Dickbäuche, denen das Geschäft über alles ging, und die hoch geschmeichelt waren, wenn sie an ihrem Laden das Hoflieferantenschild anheften durften. Sie grüßten noch die leere Hofkarosse und betrachteten ehrfurchtsvoll den Mist der kaiserlichen Pferde. Spalierbildner ihres obersten Kommis.

Wir alle Fünf lieben die Demokratie. Eine, wo der Mann zu sagen hat, der Freie und der Verantwortungsbewußte. Eine, wo die Menschen nicht ›gleich‹ sind wie die abgestempelten Nummern einer preußischen Kompanie, jener Inkarnation eines Zuchthausstaates – sondern eine, wo zwischen einem Bankpräsidenten und seinem Portier kein Kastenunterschied mehr besteht, sondern nur ein ökonomischer und einer in der äußern Beschäftigung. Ob sie miteinander Tee trinken, ist eine andre Sache. Daß es aber alles beides Menschen sind, steht für uns fest.

Jenes Deutschland wollen wir zerstören, bis kein Achselstück mehr davon übrig ist. Dieses wollen wir aufbauen, wir alle Fünf.

Und ob das Blatt für die Idioten der Reichshauptstadt und seine geistesverwandte Wulle- und Mudicke-Presse lügt, hetzt oder tadelt: – wir gehören zusammen, wir alle Fünf, und werden sie auf die hohlen Köpfe hauen, dass es schallt, und dass die braven Bürger denken, die kaiserliche Wache ziehe noch einmal auf und der Gardekürassier schlage noch einmal die alte Kesselpauke.

Wir sind fünf Finger an einer Hand. Und werden auch weiterhin zupacken, wenns not tut.

Kurt Tucholsky
Die Weltbühne vom 24.08.1922

Das Missverständnis

Von Albert Camus

Jan kehrt zurück. Vor sehr vielen Jahren hat er seine Mutter und die Schwester Martha verlassen und ist fortgegangen. Er hat sich am Meer ein besseres Leben aufgebaut, hat geheiratet, ist wohlhabend, aber nicht glücklich geworden. Er kehrt zurück. An seiner Seite Maria, seine Ehefrau. Jan sucht nach der alten Heimat, weiß nicht, ob er von den beiden wiedererkannt werden wird. Er möchte gesehen, erkannt und geliebt werden.

Also macht Jan die Probe und gibt sich als fremder Gast aus, der in der kleinen Pension der beiden Frauen ein Zimmer sucht. Was er nicht weiß: Seit Jahren überfallen die beiden in ihrer Not einsame, wohlhabende Gäste und lassen die Leichen im Fluss verschwinden. Was Martha und die Mutter nicht wissen: Dass ihrem nächsten Verbrechen der Bruder, der eigene Sohn, zum Opfer fallen wird. Ein Missverständnis. Eine Tragödie. Camus macht aus diesem Stoff sein zweites Theaterstück nach Caligula (1938). 

Es geht um die Wahrheit, die sich die Protagonisten gegenseitig vorenthalten. Jan verschweigt, wer er ist. Verschweigt seine Motive, spielt ein Spiel, das tragisch endet. Seine Frau Maria warnt ihn, mahnt zur schlichten, gerade heraus gesprochenen Ehrlichkeit. Jan schlägt den Rat aus und schickt Maria fort. 

In den Gesprächen der Mutter mit dem fremden Sohn und denen Marthas mit dem unerkannten Bruder schwingt immer die Doppeldeutigkeit ihrer Worte. Sie erkennen einander nicht, obwohl die Möglichkeit des Verstehens in jedem Satz mitschwingt. Das Spiel der Unehrlichkeit nimmt seinen tragischen Lauf. Am Ende bleibt der Mensch einsam und steht seinem nüchternen Leben gegenüber. Hilfe, gar Rettung gibt es nicht. Der alte Knecht, der während des ganzen Stückes auftritt und fast jede Szene in schweigender Kälte begleitet, wird zum Schluss ein einziges Mal sprechen. Ein einziges hoffnungsloses Wort. 

Das Theaterstück „Das Missverständnis“, das Camus 1943 geschrieben hat, wurde ein Jahr später von ihm uraufgeführt. Es erinnert stark an eine Szene im Roman „Der Fremde“. Der verhaftete Meursault liest in seiner Zelle immer wieder einen Zeitungsausschnitt in dem die Geschichte dieses „Missverständnisses“ berichtet wird. Beide Werke sind also nicht nur zeitlich eng miteinander verknüpft. Der Fremde ist 1942 erschienen und war Camus´ erster großer Erfolg. 

In beiden Werken finden sich die Figuren in ein absurdes Leben gestellt, aus dem sie in all ihrer Tragik nicht entrinnen können. Im „Missverständnis“ bliebe allein die Ehrlichkeit im Umgang miteinander. Da sich die Menschen im Stück — die sich eigentlich einander nahe fühlen müssten — nicht ehrlich begegnen, gibt es kein Miteinander, gibt es keinen Ausweg. Statt der Gemeinsamkeit bleibt nur die Einsamkeit und letztlich der Tod. 

Das menschliche Drama des Stückes ist es, sich gegenseitig zu verkennen, weil sich der Einzelne vor den anderen verstellt, sein Selbst verschleiert. Jan möchte von der Mutter und der Schwester gesehen, erkannt und geliebt werden. Doch der Sohn und Bruder wird nicht gesehen. Er wird verkannt und ermordet. 

„Das Missverständnis“ wurde von Hinrich Schmidt-Henkel neu übersetzt und ist 2013 bei Rowohlt in einer aktuellen Ausgabe sämtlicher Dramen erschienen.

mh

Albert Camus
Sämtliche Dramen
Rowohlt, 2013, Hardcover
ISBN 978 3 498 00942 7

Albert Camus

Licht und Schatten

Albert Camus schrieb seinen Essay „Licht und Schatten“ in den Jahren 1935/36. Zweiundzwanzig Jahre war er alt. „Der Fremde“ war noch nicht geschrieben. Die ersten Ideen dazu würde er aber bald in „Der glückliche Tod“ entwickeln, einem Roman, den Camus zu Lebzeiten nicht veröffentlichen würde. Die Arbeit an diesem unveröffentlichten Erstling wird aber in diese Zeit fallen.

„Eine Frau, die man allein läßt, um ins Kino zu gehen; ein alter Mann, dem man nicht mehr zuhört; ein Tod, der nichts gutmacht, und auf der anderen Seite alles Licht der Welt.“ 

Kleine Prosa, Licht und Schatten
Rowohlt, 1997, übersetzt von Guido G. Meister; S. 55

Camus beginnt sein Lebenswerk genau an jenem Punkt, an dem viele seiner Texte beginnen, mit dem Blick auf das Ende. Mit der Erfahrung des Todes beginnt Camus´ Denken. „Tod für alle, aber jedem sein eigener Tod“, mit diesen Worten endet der erste Abschnitt in „Licht und Schatten“. 

Dem gegenüber erscheint Camus das Licht, die Sonne, unter der er in Algerien aufgewachsen ist. „Schließlich wärmt die Sonne trotzdem unsere Knochen.“ – Licht und Schatten. 

Und überhaupt spielt Algerien, die Heimat, in diesem Essay eine zentrale Rolle. Camus war am 7. November 1913 in Mondovi als Sohn einer Spanierin und eines Elsässers in kärglichen Verhältnissen geboren worden. Von 1933 – 1936 hatte er in Algier Philosophie studiert. Literarische Bilder und Erinnerungen: An die herrische Großmutter. Die schweigende Mutter; sie war nahezu taub. Den Vater hat Camus früh verloren. Das einfache Leben in Armut. Allerdings auch an das Dasein unter einer überreichen algerischen Sonne und das Meer. Das sind Motive, die Camus in „Licht und Schatten“ früh anlegen wird, die für sein gesamtes Werk prägend sein werden. 

„Freilich betrachte ich ein letztes Mal die Bucht und ihre Lichter, freilich ist das, was nun zu mir heraufdringt, nicht die Hoffnung auf bessere Zeiten, sondern eine abgeklärte, ursprüngliche Gleichgültigkeit allem, auch mir selbst gegenüber. Doch es gilt, sich von dieser zu weichen, zu einlullenden Melodie zu befreien. Und ich brauche einen klaren Kopf. Ja, alles ist einfach. Die Menschen sind es, die die Verwicklungen schaffen.“

Kleine Prosa, Licht und Schatten
Rowohlt, 1997, übersetzt von Guido G. Meister; S. 64

Die Einfachheit seiner frühen algerischen Existenz wird zum prägenden Bild. Die Einfachheit unter der verschwenderischen Fülle der Natur: der Wüste, des Meeres, des grellen Lichts zwischen den antiken Ruinen. Die Mutter, die Großmutter, das Altern und Leben in einfachsten Verhältnissen. Das Mittelmeer prägt Camus´ Gedanken.

Vielleicht hat außer dem Mittelmeer kein anderes Land mich je mir selber gleichzeitig so fern und so nahe gerückt.“

Kleine Prosa, Licht und Schatten
Rowohlt, 1997, übersetzt von Guido G. Meister; S. 77

mh

Leseempfehlungen:

Licht und Schatten (Essay) in: Kleine Prosa
Rowohlt, 1997, übersetzt von Guido G. Meister

Der glückliche Tod
Roman. Rowohlt, 1997, übersetzt von Eva Rechel-Mertens

Hochzeit des Lichts — Heimkehr nach Tipasa
Impressionen am Rande der Wüste
Arche, 2000, übersetzt von Peter Gan & Monique Lang

Albert Camus

Die Ausgangslage II

Camus´ Gedanken teilt man oder eben nicht. Diesen Satz habe ich oft gehört. Das sei eben keine strenge Philosophie. Das kann sie gar nicht sein, war immer meine Erwiderung. Hatte nicht Camus selbst behauptet, die Philosophie gehöre zu den Sinnstiftungs-Überbauten denen sich der Mensch hingäbe, um dem Absurden zu entfliehen? Überhaupt, das Gefühl des Absurden. Vielleicht fingen die Differenzen mit meiner Philosophielehrerin schon hier an. Gefühle sind nicht Gegenstand der Philosophie. Der Schüler der zwölften Klasse kann sie schlecht ignorieren und es fällt ihm bis heute schwer. 

Das alles ist eine unzureichende Begründung dafür, dass ich mir wieder die Bände von und über Albert Camus hervorgeholt habe. Erst die Biografie von Olivier Todd, dann die von Iris Radisch. Parallel dazu „Der Fremde“ und „Licht und Schatten“. 

Olivier Todd beschreibt das Leben Camus´ so detail- und umfangreich, dass ich die Lektüre nach hundert Seiten abgebrochen habe. Mir fehlte die Ausdauer. Das Buch von Iris Radisch hat mich dann etwas geärgert. Ich bezweifle mittlerweile, dass man solche Wertungen und Beurteilungen über einen Menschen zu treffen in der Lage ist. Nicht falsch verstehen: Das Buch ist aus literaturwissenschaftlicher Perspektive vortrefflich recherchiert. Es ist fundiert und alles darin scheint sicher belegt. Zweifel darüber, das Leben eines längst verstorbenen Autors so zu beurteilen, bleiben mir dennoch. 

Zu vieles scheint mir in solchen Biografien durch die Brille der heutigen Zeit betrachtet, mit heutigen Beurteilungskriterien bemessen zu sein. Zeitlicher Abstand macht überlegen, überheblich. Camus als Dandy und Frauenheld, das ist alles benannt, aber nicht hinreichend erklärbar. Wie will man es auch erklären, ohne deutlich zu machen, dass es sich nur um eine Näherung an einen Menschen handeln kann. Ich ahne als Leser, dass biografisch, psychologisch einiges mehr dahinter stecken muss, als darstellbar wäre. 

Ist ein Mensch — der sich selbst nicht ohne Selbstzweifel erklären könnte — überhaupt erklärbar. Eine Näherung an ihn, vielleicht hilfreich, eine umfassende Darstellung seines Selbst in seiner Zeit, unmöglich. Denke ich heute.  

Mit diesem Zweifel gelesen, war die Biografie „Albert Camus – Das Ideal der Einfachheit“ dann doch noch ganz lesenswert für mich. Mein Fazit ist allerdings, dass ich Biografien zunehmend misstraue. Das hat vielleicht weniger mit dem Buch von Frau Radisch zu tun, als mit dem misstrauischen Gedanken selbst. Vielleicht ist der Ansatz eines Olivier Todd dann doch gewinnbringender und ich muss die nötige Geduld aufbringen, die vielen Details nebeneinander stehen zu sehen. Besser ist es allemal, die Werke, Tagebücher und Nachlassschriften selber zu lesen und einzuordnen. Ich bin gefordert.

mh

Olivier Todd
Albert Camus – Ein Leben

Übersetzt von Doris Heinemann
Rowohlt, 1999

Iris Radisch
Das Ideal der Einfachheit – Eine Biographie

Rowohlt, 2014

Das Archiv der Gefühle

Roman von Peter Stamm

Es passiert mir ja nicht oft, dass ich morgens ein Buch zur Hand nehme – mehr aus Verlegenheit – und dann bis zum Abend nicht mehr loslasse, bis es ausgelesen ist. „Das Archiv der Gefühle“ lag schon lange neben meiner Leselampe. Von Peter Stamm lese ich eigentlich alles sofort. Diesmal war mir manches dazwischengekommen. Aus Verlegenheit griff ich danach, weil ich mich über die Vorlektüre so geärgert, dass ich sie kurzer Hand weggeworfen hatte. Nichts anderes lag griffbereit, als „Das Archiv der Gefühle“. Das Titelbild gefällt mir nicht und mit dem Titel konnte ich eigentlich auch nichts anfangen. Vielleicht hatte es deswegen so lange auf dem Lesetisch gelegen. Aber es ist doch ein Peter Stamm …!

Ich las. Ich kam nicht mehr davon los. Bis ich es abends aus der Hand legte, weil es nichts mehr darin zu lesen gab. 

Der Protagonist scheint aus dem Leben geworfen. Seinen Job als Archivar hat er verloren, das Archiv in seinen privaten Keller überführt und nun setzt er fort, was lange sein Beruf im Pressehaus gewesen war. Er archiviert Zeitungsartikel. Kontakt zur Außenwelt, minimal. Selbst auf Spaziergängen trifft er kaum mehr Leute. Die Welt scheint verlassen. 

Lägen nicht die zwei vergangenen Jahre hinter uns, hätte ich erst an Thomas Glavinics „Die Arbeit der Nacht“ gedacht. In Glavinics Roman lebt der Erzähler plötzlich in einer alptraumhaften, menschenleeren Welt. Aber in Pandemie-Zeiten denken wir natürlich anders, obwohl Stamm weder das C-Wort erwähnt, noch irgendwelche Anspielungen auf die Pandemie macht. Es ist das Lebensgefühl des Auf-sich-sebst-geworfen-seins, das einem so bekannt vorkommt. Es wird hier zum eigentlichen Thema.

Wenn der Kopf nur noch mit sich selbst und seiner Vergangenheit konfrontiert ist, kommen die Erinnerungen. Im Roman ist es Franziska, eine alte Jugendliebe, die nie eine Erfüllung gefunden hat. Sie heißt längst nicht mehr Franziska, sondern Fabienne und ist erfolgreiche Sängerin geworden. Eine Person des öffentlichen Lebens, eine prominente Person des Archivs. Aber Franziska bestimmt fast jeden seiner Gedanken. Während sich der Erzähler anhand alten Archivmaterials erinnert, beginnt er mit Franziska zu reden, so, als stünde sie neben ihm. Sie erscheint ihm und verschwindet immer wieder. 

Auf diese Art stellt Peter Stamm die scheinbar objektive Welt der Pressefakten und der klaren Erinnerungsbilder des Erzählers neben die idealisierte Vorstellung von dieser Frau. Die Vorstellung gewinnt an Leben. Die Franziska seiner Gedanken und Wünsche ersteht vor ihm. Die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwimmt. Bis Franziska / Fabienne plötzlich wieder „real“ im Leben des Protagonisten auftaucht …

Ich kann die Faszination der Bücher Peter Stamms auf mich nicht erklären. Das geht so weit, dass ich Handlungen und Figuren seiner älteren Bücher zu vergessen scheine und so seine Romane erneut und erneut mit Genuss lese. Mein Erinnern bezieht sich in seinen Texten auf etwas anderes. Es ist ein Gefühl des Wiedererkennens im Leben. 

Vielleicht lag die Faszination des aktuellen Romans darin, dass mir bislang noch niemand so gut zu schildern vermochte, was geschieht, wenn wir nur noch auf uns selbst bezogen sind, auf diese innere Welt, auf unserer Vergangenheit, weil es scheinbar kein Außen, kein Umfeld, kein Miteinander mehr gibt. Wenn wir nur noch unser eigenes kleines Leben archivieren. Geht das überhaupt? Vielleicht ist es auch ganz anders …

mh

Peter Stamm
Das Archiv der Gefühle

Roman, Fischer-Verlag, 2021

Der sumerische Innana Mythos

Jetzt hat sie mich erwischt. Die sumerische Mythenwelt. Erst Gilgamesch, jetzt Inanna. Angeregt durch den aktuellen Roman von Olga Tokarczuk „Anna In“ habe ich in den Antiquariaten gestöbert und bin fündig geworden. „Erzählungen aus dem Land Sumer“ herausgegeben von Konrad Volk. Er ist Professor für Altorientalistik an der Uni Tübingen und Leiter des Instituts für die Kulturen des Alten Orients. In dem Buch sind unterschiedliche Übertragungen verschiedener Autoren zu unterschiedlichen sumerischen Erzählungen von alten Keilschrifttafeln zusammengestellt. Ich habe mich gleich auf Inannas Gang in die Unterwelt gestürzt, übertragen von Hartmut Waetzoldt. Er ist ebenfalls Altorientalist. Die Übertragungen werden gut eingeführt und kommentiert …

Obwohl die sumerische Literatur zur ältesten der Welt gehört, geht für mich von diesen Texten eine enorme Faszination aus, fast etwas meditatives … eine beeindruckende Erzählweise … eine beeindruckende Kultur …

Anna In – Teil II

von Olga Tokarczuk

Anna In – Eine Reise zu den Katakomben der Welt habe ich beendet. 

… Ein faszinierender Roman … und mich faszinieren die mythischen Gänge in die Unterwelt schon sehr lange, sei es der Gang des Odysseus in den Hades oder die Geschichten um Orpheus, … sei es der Besuch des Gilgamesch bei Uta-napischti dem einzigen Überlebenden einer von den Göttern verursachten Sintflut im mesopotamischen Epos. Letztlich sucht ja auch im Gilgamesch-Epos der Held die Unsterblichkeit und macht sich auf in die Unterwelt … 

… Das Faszinosum dieser Erzählungen beschränkt sich dabei nicht allein auf die alten Mythen …

… Inanna hingegen ist eine Göttin. Sie besucht im sumerischen Mythos ihre Zwillingsschwester Ereškigal, die Herrin des Totenreichs. Sie stirbt. Aus dem Reich der Toten kehrt niemand zurück. Inanna wird jedoch wiedererweckt und kann zurückkehren in die Welt der Lebenden … Sie bricht die Regel …

… Im Roman von Olga Tokarczuk wird Nina Šubur (Begleiterin, Freundin, Bedienstete Inannas) ihre Fürsprecherin in der Oberwelt, während die Herrin im Totenreich gefangen ist. Nina Šubur ist auch die Haupterzählerin des Romans. Es kommen noch andere Erzählerinnen vor — im Falle des Torwächters Neti, ein Erzähler, ein Wesen der Unterwelt — immer einfache Figuren, die die Hauptfiguren begleiten, ihnen zur Seite stehen, sie beobachten. Allein diese Erzählstruktur fasziniert …

… als Nina Šubur um die Rückkehr ihrer Herrin aus dem Totenreich bittet und fleht, findet sie in der männlichen Götterwelt keinen Zuspruch. Die Geschichte, die Olga Tokarczuk schreibt, ist die einer starken weiblichen Heldin. Für mich ist Nina Šubur — oder im sumerischen Mythos Ninšubur — die eigentliche Heldin dieser Geschichte. Es ist, wie es ist, wenn die Mächtigen, die Göttinnen und Götter,  Schicksal spielen wollen — es aber die schicksalsbetroffenen Menschen sind, die es leben müssen … die für die göttlichen Entscheidungen geradestehen müssen …

… Im Roman muss eine Person gefunden werden, die an Inannas Stelle — an ihrer Statt in das Totenreich zurückkehrt. Der Regelbruch der Göttin muss seinen Preis haben. Die Unterweltherrscherin Ereškigal ist da unerbittlich. Auch dann wird eine einfache Frau den eigentlichen Heldenmut aufbringen …

… stilistisch ist Anna In – Eine Reise zu den Katakomben der Welt ein wunderbares Buch … und dies weniger in seinen Handlungsschilderungen, als vielmehr in den poetischen Bildern, die beim Erzählen entstehen. Die Kraft dieser Bilder setzt nahtlos an bei den mythischen Vorbildern der sumerischen Geschichten. 

Anna In
Eine Reise zu den Katakomben der Welt

von Olga Tokarczuk
Roman, aus dem Polnischen übersetzt von Lisa Palmes
Kampa Verlag, 2022

mh

Anna In

von Olga Tokarczuk

… Dafür sind gute Buchhandlungen da, nicht wahr? … Sie geben mir dort in die Hände, was passt, … zu dem passt, was ich just gelesen habe … das weiß mein Buchhändler selbstverständlich, oder? … Er weiß es wirklich … 

… er kennt meine Vorliebe für die alte mesopotamische Zivilisation … für Gilgamesch und Enkidu … also drückte er mit Anna In in die Hand. Ich kenne Olga Tokarczuk, die polnische Nobelpreisträgerin, obwohl ich bisher nichts von ihr gelesen habe. Anna In ist das Buch von ihr, das in aktueller Übersetzung ins Deutsche vorliegt … Ich bleibe stutzig! Bis er mich auf den Dreher im Titel aufmerksam macht. Anna In – Inanna. Da fällt der Groschen … Sie ist die sumerische Göttin der Liebe, der Fruchtbarkeit, des Mondes und auch des Krieges. Die Göttin steigt in die Unterwelt, um dort ihre Schwester Ereschkigal zu besuchen … 

… Die Unterweltmythen erzählen normalerweise davon, dass niemand zurückkehrt, der ins Reich der Toten gelangt ist. Das droht auch Anna In / Inanna … Der Klappentext bringt Klarheit. „Eine Reise zu den Katakomben der Welt“. Erschienen, wie alle Werke der polnischen Schriftstellerin, im Kampa-Verlag. Die Autorin nimmt sich eines weiteren bedeutenden Mythos´ Uruks neben Gilgamesch an, des Inanna-Mythos´.

… Mythen erzählen von den uralten Fragen der Menschheit, nach Sterblichkeit und Unsterblichkeit, nach dem Sinn unserer Existenz … das bewegte die Sumerer damals, das bewegt die Menschen noch heute … 

… Tokarczuk nimmt sich des uralten Stoffes an und erzählt den Mythos auf faszinierende Weise neu … ich habe erst die ersten Kapitel gelesen, aber das hat mich hineingezogen … auch Gilgamesch reiste in die Unterwelt zu Ereschkigal … aber hier bei Tokarczuks Inanna wird ein Mythos auf einzigartige Weise neu gestaltet. Wirkmächtige, poetische Bilder entstehen beim Lesen. Dunkle Gänge und modernde Hallen, vermoost und aus rostigem Metall … über der Erde lesen die Menschen Zeitung, sie haben Strom und fahren in futuristischen Fahrstühlen … die Gärten hängen wie Weltwunder vom Himmel … dennoch geht der Reiz des Alten nicht verloren … die Zeiten wirken wie verflochten ineinander … die Sprache schafft eine zeitlose Welt … das macht viel Lust auf mehr … ich bin sehr gespannt wie es weitergeht …

mh

Kaspars Gedankengang …

… Nur selten zieht er sich Anzug und Krawatte an, doch ab und an tut er es. Dass ihm ausgerechnet in diesem Moment, da er in eine andere Person geschlüpft zu sein scheint, eine merkwürdige Begegnung widerfährt, ist vielleicht noch nicht ungewöhnlich. Dass ihn die Dame in der Bar mit jemandem verwechselt, gut. Dass sie ihn jedoch unangenehm mit jemandem konfrontiert, der er sein soll, aber keinesfalls sein kann (sein möchte), ist dann schon bedrückend. Könnte ich dieser Andere wirklich gewesen sein, fragt er sich doch …

… Wie so oft in seinen Werken spielt Haruki Murakami mit den Welten, von denen man oftmals nicht weiß, welche von ihnen die fiktive, traumhafte und welche die scheinbar wirkliche, reale Welt ist … Der Erzähler in der Titelgeschichte Erste Person Singular kann sich seiner Welt, seinem Ich nicht mehr sicher sein. Er tritt in eine veränderte Welt. Wie das in Murakamis Werken passiert, ist oft wunderbar … In dieser Geschichte machen Kleider sprichwörtlich Leute, also andere Menschen. Wie genau Murakami das beobachtet und erzählt, ist alles andere als allbekannt. Kleine erzählerische Finessen rücken das Alltägliche plötzlich aus ihrem gewohnten Zusammenhang. Das Gewohnte wird aus seiner gewöhnlichen Betrachtung gerissen und zum Geheimnis … Die Welt verändert sich vor unseren Augen … In dieser anderen Welt müssen die Figuren leben, ob sie traum- oder gar albtraumhaft sein mag … 

… Die Ungewissheit im Umgang mit dem Ich-Konstrukt steckt auch in den anderen Erzählungen des Erzählbandes des japanischen Bestsellerautors, der seit Jahren immer wieder für den Nobelpreis gehandelt wird. Treffend ist der Titel Erste Person Singular daher nicht allein für diese eine Erzählung. Er bildet den Rahmen für alle Geschichten des Bandes …

… In einer anderen sehr gelungenen Erzählung des Buches, Charlie Parker Plays Bossa Nova, macht die berühmte, aber früh verstorbene Jazzlegende eine Platte, die sie gar nicht mehr hätte machen können … Was aus einer so kleinen, netten Fiktion in der Geschichte erwächst, ist wunderbar unglaublich; eben ein echter Murakami … das Thema Erinnerung, Umgang mit erinnerten Geschichten, letztlich mit der Zeit, ist ein verbindendes Element dieser Erzählungen …

… Leider sind nicht alle Geschichten in diesem Band von gleicher Überzeugungskraft für mich. Manche hatte ich nach dem Lesen schon beinahe wieder vergessen. Aber da Erzählungen, wie die beiden erwähnten, kleine Kunstwerke für sich sind, ist Erste Person Singular eine reizvolle Lektüre, auch wenn das Buch nicht der Höhepunkt im Oeuvre des Autors sein wird.  

Kaspar Hauser

Haruki Murakami – Erste Person Singular
Ins Deutsche übersetzt von Ursula Gräfe
Dumont, 2021
ISBN 978-3-8321-8157-4

Kaspars Gedankengang …

… Rufus Scott, ein junger schwarzer Jazzmusiker aus Harlem, nimmt sich in New York das Leben … so beginnt der Roman Ein anderes Land von James Baldwin, der im Amerika der späten 50er spielt … ein verstörendes Buch, noch heute, obwohl 1962 erschienen und schon damals wohl ein Bestseller … ein Buch über das Scheitern der Liebe an den Grenzen der Ungleichheit zwischen Menschen … 

… Rufus verliebt sich in Leona, eine weiße Frau. Eine Liebe, die nicht sein darf? … Eric findet seine Liebe bei Yves, einem jungen Franzosen … Cass hadert mit der Rolle der Frau an der Seite ihres Mannes – der endlich als Schriftsteller erfolgreich wird – und ihrer beiden Kinder … Vivaldo verliebt sich in Ida, Rufus´ jüngere Schwester … 

… nach Rufus´ Selbstmord suchen die Schwester und die Freunde nach tiefergehenden Antworten, indem sie das eigene Leben in Frage stellen. Nichts ist selbstverständlich, die Freundschaften nicht, die Liebe nicht, das Leben nicht, auch die Gewissheiten der liberalen weißen Bohemiens bröckeln … 

… das Buch besticht, weil es Kategorien aufbricht … die Figuren sind sich ihrer selbst nicht mehr gewiss, wissen nicht wohin sie gehören, auch wenn sie in die üblichen Schubladen gesteckt werden … sie passen eben nicht hinein … die Schublade der Sexualität, die Schublade der Hautfarbe oder der Geschlechterrolle … zwischen all diesen Einordnungen lieben sie, lavieren sie und verzweifeln sie … es sind Menschen, die in gesellschaftlich festgefahrenen Strukturen zu leben haben, aus denen sie nicht ausbrechen können … der Roman wirft die Frage auf, ob der gute Wille der Einzelnen ausreichen kann, die strukturellen Gräben zu beseitigen … 

… es sind Fragen, die uns heute bewegen … 

… dtv veröffentlicht die Bücher James Baldwins in neuen Übersetzungen. Sie geben einem Autor wieder eine Stimme, der sich für ein Leben jenseits der Kategorien einsetzt, der sich für Gleichberechtigung ungeachtet der Hautfarbe, der sozialen Herkunft, des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung einsetzt. Eine wichtige Stimme.

James Baldwin – Ein anderes Land
Roman, übersetzt von Miriam Mandelkow
dtv, 2021, 575 S. 
ISBN 978-3-423-28268-0

Kaspar Hauser

Aus dem Block …

Der Fremde

gesprochen von Ulrich Matthes

Meursault eine Stimme geben? Wer könnte das besser als Ulrich Matthes. Nach meiner Camus-Lektüre in den vergangenen Wochen, habe ich mir „Der Fremde“, gesprochen von Ulrich Matthes, angehört. Bei Hörbüchern bin ich sehr zurückhaltend. Ich mag einige sehr bekannte deutsche Hörbuchsprecher überhaupt nicht. Zu einer Stimme, auf die ich mich stundenlang einlasse, habe ich eine besondere Beziehung. Das muss passen. Das ist nicht zu begründen. Das ist eine Bauchentscheidung. Matthes passt. 

Seiner Stimme kann ich zuhören, auf dem Sofa, auf einem Spaziergang, auf dem überfüllten Bahnsteig. Ich verliere nicht den Faden, wie es mir bei anderen häufig passiert. Er hält mich immer im Stück. 

Camus´ Werke zu sprechen, insbesondere den Fremden, Meursault, ist eine besondere Herausforderung. Ulrich Matthes hält sich zurück, gibt dem Text genau die lakonische Stimmung, die er braucht. Gleichzeitig wirkt die Stimme in den Detailbetonungen nie monoton. Es entstehen Bilder beim Hören, wie sie mir selbst beim Lesen nicht gekommen waren, obwohl ich bei der Lektüre viel mehr Zeit hatte. Rhythmus, Tempo, Pause, das alles wird wunderbar in eine Stimme gebracht, wie ich sie mir für Meursault vorstelle. Diese Stimme bleibt in meinem Kopf. Dank des Autors, dank des Sprechers.

mh

24.08.1922 – Tucholsky vor einhundert Jahren

„Wir sind fünf Finger an einer Hand“, schreibt Kurt Tucholsky in einem Artikel der Weltbühne 1922. Die fünf aus dem Zitat, das sind Peter Panter, Ignaz Wrobel, Kaspar Hauser, Theobald Tiger und Kurt Tucholsky selbst. Tucholsky ist eigentlich kein Pseudonym, aber unter all diesen Namen veröffentlichte er in den verschiedenen Zeitungen. Und der Name Tucholsky trollte sich eben wie ein solches im Reigen der anderen Pseudonyme. Zusammen hatten sie die Schlagkraft, die der 1890 in Berlin geborenen Tucholsky aufbringen musste, um gegen die Missstände in der jungen Weimarer Republik anzuschreiben, für die Freiheit und für die Demokratie. „Wir alle Fünf lieben die Demokratie.“

Wir alle Fünf
von Kurt Tucholsky

Die rechtsstehende Presse amüsiert sich seit einiger Zeit damit, mich mit allen meinen Pseudonymen als »den vielnamigen Herrn« hinzustellen, »der je nach Bedarf unter diesem oder unter jenem Namen schreibt«. Also etwa: Schmock oder Flink und Fliederbusch oder so eine ähnliche Firma.

Aber wir stammen alle Fünf von einem Vater ab, und in dem, was wir schreiben, verleugnet sich der Familienzug nicht. Wir lieben vereint, wir hassen vereint – wir marschieren getrennt, aber wir schlagen alle auf denselben Sturmhelm.

Und wir hassen jenes Deutschland, das es wagt, sich als das allein echte Original-Deutschland auszugeben, und das doch nur die schlechte Karikatur eines überlebten Preußentums ist. Jenes Deutschland, wo die alten faulen Beamten gedeihen, die ihre Feigheit hinter ihrer Würde verbergen; wo die neuen Sportjünglinge wachsen, die im Kriege Offiziere waren und Offiziersaspiranten, und die mit aller Gewalt – und mit welchen Mitteln! – wieder ihre Untergebenen haben wollen. Und deren tiefster Ehrgeiz nicht darin besteht: etwas wert zu sein – sondern: mehr wert zu sein als die andern. Die sich immer erst fühlen, wenn sie einen gedemütigt haben. Jenes Deutschland, wo die holden Frauen daherblühen, die stolz auf ihre schnauzenden Männer sind und Gunst und Liebesgaben dem bereit halten, der durch bunte Uniform ihrer Eitelkeit schmeichelt. Und die in ihrem Empfinden kaltschnäuziger, roher und brutaler sind als der älteste Kavallerie-Wachtmeister. Wir alle Fünf hassen jenes Deutschland, wo der Beamtenapparat Selbstzweck geworden ist, Mittel und Möglichkeit, auf den gebeugten Rücken der Untertanen herumzutrampeln, eine Pensionsanstalt für geistig Minderbemittelte. Wir alle Fünf unterscheiden wohl zwischen jenem alten Preußen, wo – neben den fürchterlichsten Fehlern – wenigstens noch die Tugenden dieser Fehler vorhanden waren: unbeirrbare Tüchtigkeit, Unbestechlichkeit, catonische Strenge und puritanische Einfachheit. Aber es hat sich gerächt, dass man all das nur als Eigenschaften der Herrscherkaste züchtete und den ›gemeinen Mann‹ mit verlogenen Schullesebüchern und Zeichnungslisten für Kriegsanleihen abspeiste. So sieht kein Mensch einen Hund an wie die regierenden Preußen ihre eignen Landsleute, von deren Steuern und Abgaben sie sich nährten. Und wir hassen jenes Deutschland, das solche Bürger hervorgebracht hat: flaue Kaufleute, gegen die gehalten die alten Achtundvierziger Himmelsstürmer waren – satte Dickbäuche, denen das Geschäft über alles ging, und die hoch geschmeichelt waren, wenn sie an ihrem Laden das Hoflieferantenschild anheften durften. Sie grüßten noch die leere Hofkarosse und betrachteten ehrfurchtsvoll den Mist der kaiserlichen Pferde. Spalierbildner ihres obersten Kommis.

Wir alle Fünf lieben die Demokratie. Eine, wo der Mann zu sagen hat, der Freie und der Verantwortungsbewußte. Eine, wo die Menschen nicht ›gleich‹ sind wie die abgestempelten Nummern einer preußischen Kompanie, jener Inkarnation eines Zuchthausstaates – sondern eine, wo zwischen einem Bankpräsidenten und seinem Portier kein Kastenunterschied mehr besteht, sondern nur ein ökonomischer und einer in der äußern Beschäftigung. Ob sie miteinander Tee trinken, ist eine andre Sache. Daß es aber alles beides Menschen sind, steht für uns fest.

Jenes Deutschland wollen wir zerstören, bis kein Achselstück mehr davon übrig ist. Dieses wollen wir aufbauen, wir alle Fünf.

Und ob das Blatt für die Idioten der Reichshauptstadt und seine geistesverwandte Wulle- und Mudicke-Presse lügt, hetzt oder tadelt: – wir gehören zusammen, wir alle Fünf, und werden sie auf die hohlen Köpfe hauen, dass es schallt, und dass die braven Bürger denken, die kaiserliche Wache ziehe noch einmal auf und der Gardekürassier schlage noch einmal die alte Kesselpauke.

Wir sind fünf Finger an einer Hand. Und werden auch weiterhin zupacken, wenns not tut.

Kurt Tucholsky
Die Weltbühne vom 24.08.1922