Michael Helm

Kurze kreative Pause

Auf dem Block lege ich bis zum 25.10. eine kurze kreative Pause ein.

Wie es mit den Lesungen im November aussieht, werde ich aus aktuellem Anlass immer wieder gefragt. Ich würde gerne irgendetwas mitteilen, kann es aber nicht.

Die angekündigten Veranstaltungen finden Sie unter Lesungen. Informieren Sie sich hier auf der Seite oder bei den Veranstaltern kurz vorher über das Stattfinden. Prognosen zu geben ist unmöglich. Wir müssen von Tag zu Tag denken.

Bleiben Sie gesund und denken Sie an Ihre Mitmenschen.
Ihr Michael Helm

Große Plätze und stille römische Orte

Römische Plätze III

Rom wird weiträumig und scheint sich aus der Enge kleiner Gassen und Plätze zu befreien. Keine Ruinen und keine versunkenen Bauten. Vor mir öffnet sich das weite Oval der Piazza San Pietro. Wenn mir bis jetzt nicht klar geworden ist, wer diese Stadt im Stillen modelliert hat, dann wird es mir auf dem Weg hierher bewusst. Es sind die Künstler und vor allem die Bildhauer, die Rom von Jahrhundert zu Jahrhundert gestaltet, verziert und verändert haben.

Manch ein Römer verdammt den Mangel und die Unzuverlässigkeit öffentlicher Verkehrsmittel. Doch der einzige Weg, diese Stadt zu erkunden, ist der Spaziergang durch römische Gassen. Geht man also von der Piazza Navona in Richtung Tiber und überquert den Fluss über die Engelsbrücke, um dann der Straße zum Vatikan zu folgen, ist man – auf dem Petersplatz angelangt – bereits zum dritten Mal dem Barockbildhauer Bernini begegnet. Den Eindruck der Piazza Navona vollendete Bernini mit seinem Vierströmebrunnen. Für die Ponte Sant´ Angelo – die Brücke vor der Engelsburg – entwarf er die Engelsfiguren. Auch die Wirkung des Petersplatzes wäre ohne seine Gestaltung undenkbar. Hier schuf er die Kolonnaden, die das große Oval der Piazza umgeben, aber gleichzeitig öffnen. 

Vier Säulenreihen tragen ein von Heiligenstatuen verziertes Dach. Von gewissen Punkten der Piazza betrachtet, verschwinden die hinteren Säulen dezent hinter der Reihe der vorderen. Im Kreis angeordnet hätte die Anlage für den Platz eine fatal beengende Wirkung, doch die ovale Piazza, mit dem Obelisken im Zentrum, breitet sich vor unseren Augen geradezu aus und gibt den Raum zwischen den Kolonnaden frei. 

Auch beim Blick vom Kirchenvorplatz auf San Pietro in Vaticano beeindruckt die perspektivische Wirkung. Die Peterskirche erlangt eine optische Leichtigkeit, die bei der massiven Fassade erstaunlich ist. 

Man sollte sich jedoch von der Pracht einer Peterskirche oder der Gewaltigkeit einer Engelsburg nicht verlocken lassen. Besondere Seherlebnisse sind ganz anderer Art. In einem Winkel direkt am Eingang von San Pietro in Vaticano möchte ich stundenlang vor der Pietà des Michelangelo stehen. Gleiches gilt für das Deckenfresco der Sixtischen Kapelle. Könnte ich doch wie Goethe seine Zeit hier alleine verbringen, um die Ruhe für jede Nuance der gemalten Geschichten zu haben. Ich werde neidisch, lese ich bei Goethe die Zeilen: »Die Kapelle selbst kenne ich recht gut, ich habe vorigen Sommer drin zu Mittag gegessen und auf des Papstes Thron Mittagsruhe gehalten und kann die Gemälde fast auswendig.« Wahrhaft paradiesische Zustände!

»Wenn mich das monumentale Rom zu erschlagen droht, dann sind es diese stillen Orte, die mich wieder zurückfinden lassen.«

Völlige Abgeschiedenheit genieße ich hingegen in einer kleinen Kirche, genannt San Pietro in Vincoli, vor dem Moses des Michelangelo. »Ich habe von keinem Bildwerk je eine stärkere Wirkung erfahren«, sagte Sigmund Freud seinerzeit und fuhr beeindruckt fort: »Manchmal habe ich mich dann behutsam aus dem Halbdunkel des Innenraums geschlichen, als gehörte ich selbst zu dem Gesindel, auf das sein Auge gerichtet ist.« 

Wenn mich das monumentale Rom zu erschlagen droht, dann sind es diese stillen Orte, die mich wieder zurückfinden lassen: ein verlassener Fleck auf dem Palatin, an dem ich ostersonntags die vielen Glocken Roms hörte; San Pietro in Vincoli, einsam vor der uralten Gestalt in Marmor sitzend. Es sind die winzigen Details, die uns voller Gedanken in die Tiefe führen. Es sind die Skulpturen, die ihre Geschichte erzählen: die Aschenurne eines etruskischen Paares, der sterbende Gallier, die Gruppe des Laokoon, das Durchscheinen des marmornen Gewandes der Aphrodite, die mythologische Bildererzählung auf einer etruskischen Vase. Rom ist nicht nur eine Stadt, in der man zu verschiedenen Zeiten lebt, sondern auch eine Stadt, in der man paradoxerweise gleichzeitig an ganz verschiedenen Orten sein kann. 

Michael Helm

Platz an der Via Sacra

Römische Plätze II

Rom ist eng. Seine schmalen Gassen winden sich zwischen ungestrichenen, über den Balkons begrünten Fassaden. Es dringt kaum Licht hinunter. Eine Wohltat im Hochsommer: Die Gassen, Hinterhöfe und kleinen Plätze drücken sich in den Schatten. Roms Gassen sind eng, manchmal so eng, dass man auf das Echo rieselnder Putzbröckchen achten sollte, denn römische Gassen warten nur darauf verschüttet zu werden. 

In tausend Jahren werden Menschen wohl Stein um Stein rekonstruieren, um zu verstehen, wie wir im 21. Jahrhundert hier leben konnten. Sie werden Häuserruinen von Barockkirchen scheiden, ein Fragmentstück Roms der Renaissance ausgraben, antike Säulen und Bögen mehr schlecht als recht wieder errichten können; und auch wir werden dazwischen unseren Staub hinterlassen haben. In seiner geschichtlichen Enge ist Rom wie dafür geschaffen seine Epochen zu vertuschen. Mühsam legen wir es frei, denken uns hindurch wie durch geologische Geschichten, durch eine Stadt die Zeitalter für Zeitalter auf sich selbst gebaut ist. 

Also schlendere ich durch Rom auf der Suche nach einer sich weit öffnenden Ansicht. Der Petersplatz scheint den Blick freizugeben, aber das ist eine perspektivische Verspieltheit der Architekten. Die Spanische Treppe gewährt die freie Sicht eines Ameisenhügels. Etwas verblüfft stehe ich dann auf der Rostra am Forum Romanum, auf der Rednertribühne. Verblüffung, weil mein Blick über ein Ruinenfeld schweift: Fragmente von Säulen, Mauern und Fundamentreste; alles nur Teile von etwas … aber wovon? Von welchem Ganzen? Die Vegetation erobert sich das einstige Weltreich zurück, ungeniert.

An meiner Seite erhebt sich der Triumphbogen des Septimius Severus, führt der Reiseführer an und ich muss ihm wohl glauben. Vor mir öffnet sich der Platz an der Via Sacra. Die Phokas-Säule, umgeben von einem weiten Feld aus Trümmern, Steinen und Grün. Der Palatin, der von Pinien und Judasbäumen geziert wird. Und überall wispern hundert Geschichten. Der übermächtige Bogen an meiner Linken schwärmt vom Sieg des Septimius über die Parther: von der Parade der Sieger, vom großen Triumph, vom Prunk und Glanz erbeuteter Schätze. Der mächtige Siegesmarsch zieht langsam die Via Sacra herauf, die Besiegten dem jubelnden Volk zur Schau gestellt, zur Beute gedemütigt. 

Die Rostra erzählt, dass Cäsar sie selber an diesen wirkungsvollen Ort ins Forum verlegen ließ. Es ist ein Ort um Reden zu halten, um Wirkungen beim Volk zu erzielen. Allein ihr Name, Rostra, Schiffsschnabel, erzählt die Geschichte von Seekriegen. Die Schiffsschnäbel der besiegten Schiffe wurden an der Rostra befestigt, zur Schau gestellt. Von großen Rednern erzählt sie, jedoch auch die blutige Geschichte, dass hier die Hände und der Kopf Ciceros´ nach seiner Ermordung durch das Triumvirat Octavians, des Lepidus und des Antonius angeschlagen worden waren. Geschichte, Geschichten und Mythen steigen auf aus den Steinresten des Forums. Davon können die drei Bäume vor der Rostra nichts wissen. Sie sind noch zu jung und sollen dennoch erinnern an einen Olivenbaum, an einen Feigenbaum und einen Weinstock. Drei heilige Bäume, die in der Kaiserzeit den Ficus Ruminalis ersetzten. Unter dieser Feige sollen Romulus und Remus vom Hochwasser des Tibers angeschwemmt worden sein, wo sie von einer Wölfin gefunden und gesäugt wurden.

Geschichte, Geschichten und Mythen steigen auf aus den Steinresten des Forums

Man erzählt sich auch, der Platz um die Phokas-Säule zeige die Lage des Lacus Curtius an: eine sumpfig gebliebene Stelle, um die sich zahlreiche Mythen ranken. Eine fürchterliche Erdspalte habe sich hier aufgetan, die sich erst wieder schließen werde, wenn das Beste, das Rom zu bieten habe, hineingeworfen werde. Worauf der edle Marcus Curtius sich geopfert haben soll. Er stürzte sich auf seinem Pferd in die Spalte. Der Mut der Helden sei das Beste Roms, dachten die Römer und tatsächlich, die Spalte hat sich wohl wieder geschlossen. 

Wir wissen, dass sich das Römische Reich an sich selbst berauschte. Die Griechen bauten in die Natur hinein; die Römer imponierten sich mit ihren monumentalen Gebäuden selbst. So muss die Wirkung der aufsteigenden Säulen des Saturntempels, der Basilika Julia, des Dioskurentempels auf dem Forum von beeindruckender Mächtigkeit gewesen sein, die den Einzelnen klein werden ließ und die Mächtigen überhöhte. 

Heute muss uns die Fantasie hier leiten. Aber sie ist eine trügerische Gesellin, die zur Verzauberung neigt. Zwischen all den Steinen keine Wirklichkeit? Oder der Staub aus hundert Wirklichkeiten? Das Mittelalter prägte in Rom seine eigenen Geschichten. Die Christen bauten in manchem Tempel ihre Kirche; die Menschen brachen die Steine einfach heraus für ihre Wohnungen. Goethe besaß sein eigenes Bild der Antike und von der Ewigen Stadt alter Zeiten. Sein Bild prägte das unsere. Aber die Bilder wandeln sich. 

Über dem Forum verbreiten sich nunmehr das Grün der Zedern, die dunkelrosa-farbenen Blüten der Judasbäume und die Palmen hoch auf dem Palatin. Die Natur interessiert sich nicht für Mythen. Sie schweigt über den Ruinen, in ihren Farben und mediterranen Gerüchen. 

Michael Helm

Campo de´ Fiori

Römische Plätze

Er liegt verwinkelt inmitten der Stadt, als ziere er sich; wenn auch alle Römer ihn kennen. Das Blumenfeld genannt – ins Deutsche übertragen – als wolle man ihn, den Campo de´ Fiori, blumig bezeichnen. Obwohl er seinen Namen den Blumen fiori verdankt, die hier im Mittelalter wild wuchsen, ist er noch immer treffend so benannt. Denn folgt man morgens einer kleinen römischen Gasse – die verstellt ist mit gestauchten Automobilen und Rollern und deren Häuser halb verborgen liegen hinter Bougainvillen, hinter Geranien und Yuccas – dann öffnet sich der bescheidene Platz plötzlich in bunter Farbigkeit vor unseren Augen: Grüne, rote und gelbe Peperoni hängen bei weißen und rötlichen Zwiebeln, neben Knoblauch und über Orangen, Tomaten und Erdbeeren; alles kunterbunt durcheinander, wie auf einer Frühjahrswiese.

Campo de´ Fiori. Gerüche von Kräutern und Gewürzen. Geklapper von Kisten und Ständen. Die alte Zeigerwaage wiegt die Wünsche nach frischem Gemüse, nach Obst aller erdenklichen Sorten in wenigen Münzen auf. Am nächsten Stand wühlt man schon zwischen Sommerhüten und Seidentüchern. Italienisches Palaver schwillt an und ab zwischen den Ständen des morgendlichen Marktes. Und am Rande des Ganzen hockt ein kleiner Hund auf der Fußablage eines Motorrollers. Den Kopf streckt er genüsslich nach oben, als warte er dort, nur die Sonne genießend, auf Herrchen. Dabei betrachtet er das menschliche Treiben des Marktes von einer, für ihn doch exponierten Stelle mit Gleichgültigkeit. Morgens ist er der kleine Herr des Campo de´ Fiori auf seinem Roller. Als gäbe es da einen Zweifel!

Doch der Platz verändert sich im Licht. Obst- und Gemüsestände sind am Nachmittag auf einmal verschwunden und der Campo öffnet sich den Blicken. Dann ragt inmitten des Platzes ein Standbild auf, das im geschäftigen Treiben untergegangen schien. Die düstere Gestalt auf ihrem Sockel hatte den ganzen Morgen unbewegt über die Marktstände geschaut. Nun blickt sie nachdenklich auf den Campo. Das Gesicht des Mannes liegt verborgen unter der Kapuze seiner Mönchskutte. Gerade erst scheint er stehen geblieben. Seine Arme haben sich vor der Kutte verschränkt, seine Hände haben sich nicht zum erlösenden Spruch gefunden; sie schwören nicht ab! Stattdessen, so scheint es, hält er fest an der Gewissheit eines Buches, das er sich selbstbewusst an den Leib drückt. Das Geheimnis seines Gesichtes bleibt unter der Kapuze verborgen. 

Bricht der Abend herein wird der Platz dunkler und die Lampen erleuchten ihn spärlich. Verstohlen tastet das künstliche Licht der Laternen sich über den Campo. Ihn umgeben erleuchtete, kleine Geschäfte. Die Restaurants öffnen, die Tische rings um den Platz füllen sich; das abendliche Leben des Campo de´ Fiori beginnt.

Je finsterer es wird, desto mutiger scheint mir das Licht der Laternen. Gelblich-orange schimmert es zu Füßen des Mönches und klettert langsam empor am sandsteinernen Sockel. Er steht weiterhin ungerührt inmitten des römischen Platzes. Touristen umgeben ihn mit sorgloser Ausgelassenheit, lassen sich am Fuß des Postamentes nieder. Die Menschen genießen ihr Essen, den Wein, die besondere Atmosphäre eines Ortes, der durch sein nächtliches Lichtspiel verzaubert. Ringsum ist Leben, ist Ausgelassenheit und Leichtigkeit.

Das Geheimnis des Platzes liegt jedoch in einer kaum bemerkten Schwere

Sein verborgener Blick liegt auf dem Campo. Was, wenn der einsame Mönch dort oben nicht ausharrte? 1600 n. Chr. hatte man Giordano Bruno hier zum Scheiterhaufen geführt und lebendig verbrannt. Zuvor acht Jahre Haft und der Prozess der Inquisition. In der einsetzenden Dunkelheit schaut er von seinem Postament auf die Menschen in den Bars und Lokalen; inmitten des römischen Lebens, inmitten des sonderbaren Lichtes, das sich zu Giordano Brunos Füßen in der Dunkelheit ausbreitet, als schwele hier noch eine Glut. Hält uns die Dunkelheit einmal umschlungen, sieht man, wie der helle Sandstein des Postaments im kunstvollen Licht flimmert. Die dunkle Bronzegestalt in ihrem Umhang entzieht sich unserem Blick und verschwindet über uns allmählich in finsterer Nacht.

Michael Helm

Aufbegehren

Eine musikalische Biografie II

„And still this childhood romance will not die“
Justin Sullivan, Vagabonds

Thunder And Consolation. Eine Platte, eine Wirkung: Aufbegehren! New Model Army, Postpunkband, folk- und rockbeeinflusst, rebellisch, aufheizend, da bleibt nichts in mir ruhig. Heute nicht; damals erst recht nicht!

In „sozialen Medien“ bin ich auf die Idee gekommen. Dort posten Leute insgesamt zehn Musikalben, die in ihrem Leben bedeutend waren. Eigentlich finde ich die Idee gut, aber dort werden nur Plattencover gezeigt (die man kennt oder nicht) und meist steht nicht viel dazu geschrieben. Aber gerade das würde mich doch interessieren. Dass viele meiner „Follower“ Bob Dylan gehört haben, geschenkt. Warum? Zu welcher Zeit? In welcher Situation? Hier also jetzt ein weiterer Text (ohne Cover) …

Thunder and Consolation

Szene Eins:

Kleine Liebesgeschichte, eine kurze Disco-Romanze in den frühen 90ern. Raus aus der Uni, raus aus der übel riechenden Mottenkiste der PostThatcher-Kohl-Tage. Tanzfläche rappelvoll, Rock, Punk, lauter, lauter Haare, Arme und Hände fliegen im Lichtgeschwirr, verschwitzte Gesichter ringsum — allein in der Masse — dann setzt Vagabonds des Thunder And Consolation-Albums ein, mit Solo-Violine zu Beginn, Ed Alleyne-Johnson, das Ganze über fünf Minuten. Da setzt innerlich etwas aus — oder besser etwas ein, das sich bis heute erhalten hat. Ich will losrennen und etwas anders machen. Etwas wird sich ändern, weil ein Gesicht auf der Tanzfläche während des Songs nicht mehr aus meinen Augen ging — oder sie die meinen nicht losließ? Kurzer Augenblick Rufnummern auszutauschen alles so schnell fast hektisch schnell alles anders nächtelang geredet gelesen diskutiert wachgerüttelt … Aufbegehren an der Welt Aufbegehren an der Literatur Aufbegehren in Eingeweiden und Lunge verschwitzte erschöpfte Tage … schneller rasender Rausch. Dann das abrupte Ende.

Szene Zwei:

New Model Army-Konzert in Köln. Jahrzehnte später. Jahre, geschrieben in die Gesichter um uns herum und auf der Bühne. Nicht mehr die Ausdauer, das Tempo von einst mitzuhalten. Im Kopf Chaos, in den Eingeweiden unangenehmes Rumoren. Gedanken an Krankheit, Angst, Fortsein. An der Seite ein guter Freund, der mich durch den Abend bringt; die Musik, die mich durch den Abend, durch die Tage danach bringen wird. Aufbegehren: dranbleiben! Den Kopf nach oben. Auf die Bühne blicken. Lichter, Bässe, Drums … Dranbleiben. Nein, nach dem Konzert wieder rausgehen, etwas ganz anders machen … Und etwas wird anders, wird besser …

New Model Army
Thunder And Consolation (EMI, LP, 1989)
Justin Sullivan – Gesang, Gitarre, Keyboard
Robert Heaton – Schlagzeug, Background-Gesang, Gitarre, Bass
Jason Harris – Bass, Keyboard, Gitarre
Ed Alleyne-Johnson – Violine
Chris McLaughlin – Gitarre

New Model Army-Platten begleiten mich bis heute. Alles begann mit der Thunder And Consolation und Vagabonds. Das alles geschah etwas später, nachdem das Album (1989) herausgekommen war. Nach dem Abi, in diesen ersten Studienjahren, als ich die Welt noch aus den Angeln heben wollte. Ist das Gefühl fort? Keineswegs, denn noch immer lösen Wucht und Sound der Musik New Model Armys und die zeit- und gesellschaftskritischen Texte Justin Sullivans in mir die Hoffnung aus, etwas zu verändern. 

Bei dem Wunsch ist es nie geblieben, auch wenn ich heute eher bemüht scheine, den Sieg des Sisyphos über den Fels des Absurden zu zelebrieren. Die Parties damals standen im Zeichen der Aufbruchstimmung, des Aufbegehrens der eigenen Jugend, der Übermacht des eigenen Körpers. Heute ist die Rebellion gesetzter, aber es ist Rebellion geblieben. Eine kleine. Manchmal eine ganz kleine. Aber dann lege ich eine New Model Army-Platte auf, um mich zu erinnern, Geist und Körper. Beide spüren dann wieder diese Hitze des Aufbegehrens. Gut so!

Michael Helm

„Abermals sehe ich dich wieder …“

Eine fotografische Biografie

Aber niemand wird eine Stadt kennenlernen können,
wenn er sie nicht befragt, indem er sich selbst befragt.

José Cardoso Pires 
(1925-1998)

Lisboa. Die Stadt der Flüsterer. Es sind nicht die Wahrzeichen, wie in Rom, Paris, Berlin. Es sind nicht die unzähligen Touristenattraktionen. Es sind die Parks.

Wir schlendern zu zweit. Durch die Parks, durch die Straßen und Gassen der Altstadt. Die Tage im Grünen, auf einer Bank, der Mann hinter seiner Zeitung, die Nachmittage in den Cafés, nach dem Spaziergang, die Abende voller Jazz. Die europäische Metropole des Ausatmens. Lisboa.

Waren es nur zehn Tage? Tage, die meine Erinnerungen auszufüllen vermeinen. Tage, in denen ich Details rieche, das Alte, die Weite, das Wasser. Und den Café. Lisboa.

mh

Der Titel stammt aus einem Gedicht von Álvaro de Campos (Pseudonym Fernando Pessoas, 1926)

Corona

Eine Kolumne von Frank Müller zum Hören & Lesen

Neulich saß ich in unserem Garten und lauschte den Brunftschreien der Kohlmeisen, das Eichhorn schwang sich von Ast zu Ast, die Amsel brach durchs Unterholz, und der Rosmarin roch so verlockend nach Lammkeule – oder war es umgekehrt? Jedenfalls dachte ich: Irgendwas ist doch hier verkehrt. Ich sitze hier und freue mich meines Lebens, während die Welt da draußen verrückt spielt. Doch, halt: Nicht die ganze Welt! Wir befinden uns im Jahr 2020. Ganz Europa ist vom Coronavirus besetzt… Ganz Europa? Nein! Ein von unbeugsamen Teutonen besetztes Mitteleuropa hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten.

Corona, gelesen von Frank Müller
(Die Aufnahme entstand im Home Office. Kleinere Aufnahmemängel bitten wir daher allein dem Virus anzulasten.)

Hier gibt es Spargel, die Autoindustrie bekommt Subventionen, und es wird Fußball gespielt. Oder sagen wir: kind of. Es ist eher ein Produkt dieses Namens, das verkauft wird, um die Branche irgendwie am Laufen zu halten. Man verkauft also eine Sache, die man aller Eigenschaften beraubt hat, die sie genuin auszeichnen. Positiv formuliert: ohne jedes ablenkendes Beiwerk. Verstanden? Nein? Also, sagen wir: VW verkauft Autos ohne Motor und Räder, aber superbequem und mit super connectivity zu baugleichen Autos, die auf der Straße herumstehen wie die Stelen auf der Osterinsel. Blödes Beispiel – klar. Ist aber Kapitalismus. Entschuldigung – ich schweife ab. Fußball und Kapitalismus, der Vergleich kann ja nicht gutgehen. Wenn Sie jetzt sagen: Da ist ja jede Runde „FIFA2020“ auf der Konsole spannender!, muss ich diesen Einwurf (sic!) als höchst unsachlich zurückweisen. Gut: die Fans sollten vielleicht doch den Spielen beiwohnen dürfen, unter Auflagen, versteht sich: Fangesänge bitte nur in die Armbeuge, und husten nur in die Kniekehle. Und schön benehmen. Die Spieler natürlich auch: Begrüßung nicht per Handschlag, sondern per Fußtritt oder Ellenbogencheck, Fouls nur aus Einskommafünf Meter Abstand, und vor dem Elfer schön den Ball desinfizieren, damit der Torwart sich nicht ansteckt. Fußball ist das Vorbild für alle, ALLE WELT SCHAUT JÄTZT AUF DEN TEUTSCHEN FUSZBALL!!! Anders gesagt: Fußball ist jetzt systemrelevant. So scheint es. Obwohl:  Als systemrelevant bezeichnet man jetzt Menschen, die man früher schlecht bezahlt und wie Fußabtreter behandelt hat, denen man jetzt aber frenetisch applaudiert und sie hinterher immer noch schlecht bezahlt. Das Pokalfinale soll übrigens stattfinden, zwar nicht im Berliner Olympiastadion, sondern in der Augsburger Puppenkiste, als Geisterspiel, übertragen und kommentiert auf Sky. „Nosferatu, der der rechte Läufer der Transsylvanier, am Ball. Er hat den Ball – verloren diesmal  – Kopfball – abgewehrt – aus dem Hintergrund müsste Drosten impfen – Drosten impft! – Tooooor! Tooooor! Tooooor! – Die Bayern sind Meister!“

Frank Müller ist Patentanwalt aus Bielefeld, Jahrgang 1969, war bis 2007 Redakteur des Hörfunkmagazins »Literadium« und veröffentlichte dort u.a. Kolumnen und kurze Prosa. 2007 erhielt er den LfM-Bürgermedienpreis. Von 2008 bis 2015 las er seine Kolumnen im Rahmen der Sonntagsmatineen »Café…Lese…Lust« in der Stadtbibliothek Herford.

Ach, der öde Fußball, sagen Sie vielleicht, es gibt Wichtigeres. Friseurbesuche. Die plötzlich aufkeimende Sehnsucht nach einem Friseur kann ich wiederum  – was Sie vielleicht wiederum überrascht – gut verstehen. Ich erinnere mich gut an einen Urlaub in Irland, an dem mir mein Schopf lästig wurde, ich aber vor einem Besuch beim örtlichen barbershop in der nächsten Kleinstadt zurückschreckte. Mich quälte die fixe Idee, dass die vermeintlich allgegenwärtigen Schafscherer, die man tagsüber auf der Weide und abends im Pub antreffen konnte, sich außerhalb der Saison beim Barbier verdingten. Die Vorstellung, einer dieser vierschrötigen Kerle würde plötzlich aus dem toten Winkel des Frisierspiegels auftauchen, mich von hinten packen, aus dem Frisierstuhl heben, mich in Sekundenbruchteilen zu Boden zwingen und mit der Schafschere sein Werk an mir verrichten, ließ mich nicht los und ließ mich letztlich ungeschoren nach Hause fahren. Seither meide ich Friseursalons, die neben Gaststätten oder Grasflächen gelegen sind, unwillkürlich. Es versteht sich, dass solche Bedenken andernorts und in dieser Zeit unbegründet sind.

Nun mögen Sie einwenden, es gebe auch noch Wichtigeres als Friseurbesuche. Toilettenpapier zum Beispiel. Den Zusammenhang zwischen Hamsterkäufen und Toilettenpapier habe ich bis heute, nachdem das Phänomen an sich längst vorüber und auch hinlänglich erörtert worden ist, nicht verstanden. Hamster brauchen kein Toilettenpapier, es sei denn, sie bauen sich vielleicht Nester daraus, doch wer jetzt kein Nest hat, baut sich keines mehr, und mir persönlich scheint das auch unwahrscheinlich, ich bin aber kein Zoologe und auch kein Virologe. Wir selbst brauchten natürlich, unserem gewöhnliches Bedarf entsprechend, irgendwann trotzdem welches, in haushaltsüblicher Menge, wie man zu sagen pflegte, und es gelang uns, eine letzte Packung italienischer Provenienz zu ergattern. Dies erkannten wir leicht anhand der Aufschrift, die bei uns – im Hinblick auf den Inhalt vielleicht abwegig, in Anbetracht der Umstände aber sicher verständlich – Sehnsucht nach dem Süden weckte, aber auch daran, dass bei näherem Hinsehen die Blätter ein anderes Format aufwiesen als bei uns üblich. Daran wiederum erkannte ich sofort, wie deutsch ich eigentlich bin. Das Format eines Blättchens Toilettenpapier könnte mir ja wortwörtlich scheissegal sein, aber: ich bin mir hundertprozentig sicher, dass eine DIN-Norm existiert, die das Verhältnis von Länge zu Breite genau festlegt und auch die Stärke der Perforation. Und selbst wenn es nicht so sein sollte: Allein die Tatsache, dass ich mir dessen so sicher bin und dass ich mir überhaupt Gedanken darüber mache, zeichnet mich, nach meinem eigenen Verständnis des Deutschseins, jedenfalls als Deutschen aus. Das Gefühl, das alles seine Ordnung hat, gibt mir Sicherheit auch in der Krise, auch mit minderwertigem Toilettenpapier, Geistersport und schlimmer Frisur.

  © Frank Müller 2020

Ikarien

Freitags auf dem Block

Gedanken zum Roman von Uwe Timm

Michael Hansen kehrt 1945 als amerikanischer Offizier in das Land seiner Geburt zurück, nach Deutschland. Sein Auftrag für den amerikanischen Geheimdienst: die Bedeutung des deutschen Eugenikers Alfred Ploetz für die nationalsozialistische Ideologie zu untersuchen. Hansen kommt in den letzten Kriegstagen in ein völlig zerstörtes Land. Ploetz ist bereits tot, aber Michael Hansen trifft dessen Weggefährten seit Schultagen, den Antiquar und Publizisten Wagner, und beginnt den alten Mann über Ploetz zu befragen. 

Uwe Timm – Ikarien
Roman
Kiepenheuer & Witsch, 2017, 506 Seiten

In den mehrtägigen Interviews mit Wagner erzählt der Autor Uwe Timm die Geschichte der historischen Person Alfred Ploetz und bettet diese reale Figur ein in eine fiktive Romanhandlung. Das Aufeinandertreffen der Romanfigur Wagners mit der historischen des Alfred Ploetz bildet das literarische Gerüst des Romans. 

Wagner redet über den alten Freund, über gemeinsame Tage, Dispute, über Persönliches im Umgang miteinander. Und Wagner schildert rückblickend die Lebensgeschichte des Chefeugenikers der Nationalsozialisten. Er kann sie persönlich einordnen, bewerten, sich nähern, sich aber auch distanzieren — beurteilen und verurteilen. In Wagners Erinnerungen, die durch typische Abschweifungen, Selbstbetrachtungen und Schleifen gekennzeichnet sind, wird Wagner zu einer tragenden (Gegen-) Figur des Romans.

Hängen beide Protagonisten in ihren jungen Lebensjahren noch sozialistischen Utopien an, wird sie ihr Lebensweg in entgegengesetzte Richtungen führen. Wagner bleibt den frühen Ideen treu, Alfred Ploetz hingegen wird zum Rassenhygieniker.

Eindrucksvoll ist es, diese Entfremdung beider zu verfolgen, zumal sie sich aus einer völlig unterschiedlichen Bewertung derselben Ereignisse ergibt. Die Beobachtung gesellschaftlicher Begebnisse führt hier zu diametral entgegengesetzten Weltbildern.

In diesem Spannungsfeld bewegt sich die Figur des Interviewers, des Offiziers Michael Hansen. Gleichzeitig schaut er auf die Interviewerzählung aus der Sicht des unmittelbaren Nachkriegsbeobachters und Deutschamerikaners. Es ist der Blick auf die Entwicklung der Eugenik bis hin zur Rassenideologie der Nationalsozialisten vom Ende her betrachtet — nach der Befreiung und mit dem schonungslosen Blick auf die Folgen des Krieges und der Naziideologie. 

Uwe Timm versteht es, die verschiedenen Zeiten, Orte und Handlungsstränge, aber auch die verschiedenen Formen des Erzählens (Tagebuchpassagen, Interviewmitschnitte, personale Erzählsituationen) geschickt stilistisch zu verflechten. Gerade das erste und die letzten Kapitel besitzen eine besondere erzählerische Finesse, die mir gefallen hat. 

Manchem mögen die gesellschaftstheoretischen Betrachtungen zwischenzeitlich vielleicht etwas lang werden, aber das Konzept, einen Roman um die biografischen Begebenheiten der historischen Figur des Alfred Ploetz herum zu bauen, geht für mich auf. Eine reine Biografie hätte die unterschiedlichen romanhaften Perspektiven auf die Person Ploetz und die Geschichte der Eugenik nicht ermöglicht.

Der Roman ist ein gelungenes Zeitbild und ein geschicktes Spiel mit der Betrachtung historischer und gesellschaftlicher Ereignisse, die selbst zur Betrachtung wird.

mh

Berührung im Nebel

Freitags auf dem Block

Das alles geschah wie in einem Nebel. Die Musik drang hindurch, ein paar Lichtstrahlen, ein Jazzbesen strich seinen Takt … die Enge des Jazzkellers … Schleierfetzen wabernden Kohlenoxids: Wir hatten etwas zu viel Rotwein getrunken, uns amüsiert. Bernd sprach Worte, die niemand verstand, dann schwieg die Snare, die Unruhe begann. Ich klatschte. Da spürte ich einen Arm, Finger, die an meiner Hand vorbeistrichen. Das Weinglas, vor mir, verschwand einfach. Keine große Bewegung, kein Wort, kein Laut, nur die Geste im Nebel. Eine junge Frau erhob sich mit meinem Glas und weil ein Scheinwerfer sie vorübergehend anstrahlte, sah ich eine Nuance ihres Gesichts, sonst Schatten. Mit dem leicht geschwenkten Rotwein und einer Freundin war sie beinahe verschwunden. Jedoch …, bevor sie unter einem der Gewölbebögen abtauchte, sah ich, wie sie das Glas an den Mund führte, wie mein Wein ihre Lippen berührte … ein unsichtbarer Kuss lag auf ihnen. Ich lächelte still vor mich hin. 

Michael Helm

Unglaubliches in C-Zeiten

Aufgelesenes VII

Es gibt Tage, die sind zum Kotzen. (Schuldigung, aber so heißt dat nun mal bei uns im Pott.) Es gibt Tage, die sind so schnell vorbei, obwohl ich im gewerkschaftlichen Sinne nicht gearbeitet habe. Wenn ich mir jetzt aber anschaue, was ich im März und April so alles gelesen habe, dann muss ich mich schleunigst nach einer anderen Definition für Arbeit umsehen.

Ich führe ein kleines Lesetagebuch und dahinein verirrte sich jüngst mein überraschter Blick. Das sprengt im Augenblick alles Dagewesene. Plötzlich habe ich Zeit für Bücher, die längst im Regalhintergrund verschwunden waren. Jetzt räume ich andere vorwitzige Exemplare aus der ersten Reihe zur Seite und entdecke … Unglaubliches:

Max von der Grün – Stellenweise Glatteis, Flächenbrand, Die Lawine. Wolfgang Koeppen – Das Treibhaus, Tod in Rom. Klaus Böldl – Der Atem der Vögel, Der nächtliche Lehrer. Georg Büchner – mal wieder den Lenz. Hans-Ulrich Treichel, Juli Zeh, Mathijs Deen, Jon Fosse und und und …

Und endlich mal wieder Zeit, mich durch Sachbücher – wie die zur jungen Bundesrepublik – durchzuwälzen. Und niemand ruft an! Nicht einmal mein lieber Freund und Kollege Jürgen E., der dann immer in den Hörer schrie: „Aaaarbeit!“

Gibt’s nicht mehr, aus, finito.

Allerdings …, manchmal vermisse ich sie eben doch, die Schüler, die mich liebevoll nerven, das Publikum, das dann alles wirklich ganz genau wissen möchte, die Veranstalter die dieses und jenes wollen (wer will das nicht?) und die lieben Kollegen, die alles besser gestern erledigt wissen müssen. Ach, was hab´ ich euch alle lieb!

Tja, Arbeit, wie immer man sie definiert, sie kann so schön sein.

mh

PS. Bevor alle besorgt nachfragen: Nein, ich habe meinen Job nicht drangegeben. Aber ich brenne momentan eben nur innerlich. ;)

Aus dem Block …

Lesungen erwachen aus dem Dornröschenschlaf …

Die Webseite erwacht aus ihrem Dornröschenschlaf!
Der Schlaf war zu lang und ich hoffe, nicht wieder einzunicken. Aber es besteht immerhin die Hoffnung …

In Planung sind zwei Open-Air-Lesungen mit Musik in Herford und Spenge. Geplant sind die Herbstlesungen in der Stadtbücherei Spenge. Geplant sind die Matineen in der Stadtbibliothek in Herford. Auch in Herdecke wird gesprochen und geplant.

Hurra! Die Kultur wird wieder wachgeküsst!

mh

Campo de´ Fiori

Römische Plätze

Er liegt verwinkelt inmitten der Stadt, als ziere er sich; wenn auch alle Römer ihn kennen. Das Blumenfeld genannt – ins Deutsche übertragen – als wolle man ihn, den Campo de´ Fiori, blumig bezeichnen. Obwohl er seinen Namen den Blumen fiori verdankt, die hier im Mittelalter wild wuchsen, ist er noch immer treffend so benannt. Denn folgt man morgens einer kleinen römischen Gasse – die verstellt ist mit gestauchten Automobilen und Rollern und deren Häuser halb verborgen liegen hinter Bougainvillen, hinter Geranien und Yuccas – dann öffnet sich der bescheidene Platz plötzlich in bunter Farbigkeit vor unseren Augen: Grüne, rote und gelbe Peperoni hängen bei weißen und rötlichen Zwiebeln, neben Knoblauch und über Orangen, Tomaten und Erdbeeren; alles kunterbunt durcheinander, wie auf einer Frühjahrswiese.

Campo de´ Fiori. Gerüche von Kräutern und Gewürzen. Geklapper von Kisten und Ständen. Die alte Zeigerwaage wiegt die Wünsche nach frischem Gemüse, nach Obst aller erdenklichen Sorten in wenigen Münzen auf. Am nächsten Stand wühlt man schon zwischen Sommerhüten und Seidentüchern. Italienisches Palaver schwillt an und ab zwischen den Ständen des morgendlichen Marktes. Und am Rande des Ganzen hockt ein kleiner Hund auf der Fußablage eines Motorrollers. Den Kopf streckt er genüsslich nach oben, als warte er dort, nur die Sonne genießend, auf Herrchen. Dabei betrachtet er das menschliche Treiben des Marktes von einer, für ihn doch exponierten Stelle mit Gleichgültigkeit. Morgens ist er der kleine Herr des Campo de´ Fiori auf seinem Roller. Als gäbe es da einen Zweifel!

Doch der Platz verändert sich im Licht. Obst- und Gemüsestände sind am Nachmittag auf einmal verschwunden und der Campo öffnet sich den Blicken. Dann ragt inmitten des Platzes ein Standbild auf, das im geschäftigen Treiben untergegangen schien. Die düstere Gestalt auf ihrem Sockel hatte den ganzen Morgen unbewegt über die Marktstände geschaut. Nun blickt sie nachdenklich auf den Campo. Das Gesicht des Mannes liegt verborgen unter der Kapuze seiner Mönchskutte. Gerade erst scheint er stehen geblieben. Seine Arme haben sich vor der Kutte verschränkt, seine Hände haben sich nicht zum erlösenden Spruch gefunden; sie schwören nicht ab! Stattdessen, so scheint es, hält er fest an der Gewissheit eines Buches, das er sich selbstbewusst an den Leib drückt. Das Geheimnis seines Gesichtes bleibt unter der Kapuze verborgen. 

Bricht der Abend herein wird der Platz dunkler und die Lampen erleuchten ihn spärlich. Verstohlen tastet das künstliche Licht der Laternen sich über den Campo. Ihn umgeben erleuchtete, kleine Geschäfte. Die Restaurants öffnen, die Tische rings um den Platz füllen sich; das abendliche Leben des Campo de´ Fiori beginnt.

Je finsterer es wird, desto mutiger scheint mir das Licht der Laternen. Gelblich-orange schimmert es zu Füßen des Mönches und klettert langsam empor am sandsteinernen Sockel. Er steht weiterhin ungerührt inmitten des römischen Platzes. Touristen umgeben ihn mit sorgloser Ausgelassenheit, lassen sich am Fuß des Postamentes nieder. Die Menschen genießen ihr Essen, den Wein, die besondere Atmosphäre eines Ortes, der durch sein nächtliches Lichtspiel verzaubert. Ringsum ist Leben, ist Ausgelassenheit und Leichtigkeit.

Das Geheimnis des Platzes liegt jedoch in einer kaum bemerkten Schwere

Sein verborgener Blick liegt auf dem Campo. Was, wenn der einsame Mönch dort oben nicht ausharrte? 1600 n. Chr. hatte man Giordano Bruno hier zum Scheiterhaufen geführt und lebendig verbrannt. Zuvor acht Jahre Haft und der Prozess der Inquisition. In der einsetzenden Dunkelheit schaut er von seinem Postament auf die Menschen in den Bars und Lokalen; inmitten des römischen Lebens, inmitten des sonderbaren Lichtes, das sich zu Giordano Brunos Füßen in der Dunkelheit ausbreitet, als schwele hier noch eine Glut. Hält uns die Dunkelheit einmal umschlungen, sieht man, wie der helle Sandstein des Postaments im kunstvollen Licht flimmert. Die dunkle Bronzegestalt in ihrem Umhang entzieht sich unserem Blick und verschwindet über uns allmählich in finsterer Nacht.

Michael Helm