Michael Helm

Anna In – Teil II

von Olga Tokarczuk

Anna In – Eine Reise zu den Katakomben der Welt habe ich beendet. 

… Ein faszinierender Roman … und mich faszinieren die mythischen Gänge in die Unterwelt schon sehr lange, sei es der Gang des Odysseus in den Hades oder die Geschichten um Orpheus, … sei es der Besuch des Gilgamesch bei Uta-napischti dem einzigen Überlebenden einer von den Göttern verursachten Sintflut im mesopotamischen Epos. Letztlich sucht ja auch im Gilgamesch-Epos der Held die Unsterblichkeit und macht sich auf in die Unterwelt … 

… Das Faszinosum dieser Erzählungen beschränkt sich dabei nicht allein auf die alten Mythen …

… Inanna hingegen ist eine Göttin. Sie besucht im sumerischen Mythos ihre Zwillingsschwester Ereškigal, die Herrin des Totenreichs. Sie stirbt. Aus dem Reich der Toten kehrt niemand zurück. Inanna wird jedoch wiedererweckt und kann zurückkehren in die Welt der Lebenden … Sie bricht die Regel …

… Im Roman von Olga Tokarczuk wird Nina Šubur (Begleiterin, Freundin, Bedienstete Inannas) ihre Fürsprecherin in der Oberwelt, während die Herrin im Totenreich gefangen ist. Nina Šubur ist auch die Haupterzählerin des Romans. Es kommen noch andere Erzählerinnen vor — im Falle des Torwächters Neti, ein Erzähler, ein Wesen der Unterwelt — immer einfache Figuren, die die Hauptfiguren begleiten, ihnen zur Seite stehen, sie beobachten. Allein diese Erzählstruktur fasziniert …

… als Nina Šubur um die Rückkehr ihrer Herrin aus dem Totenreich bittet und fleht, findet sie in der männlichen Götterwelt keinen Zuspruch. Die Geschichte, die Olga Tokarczuk schreibt, ist die einer starken weiblichen Heldin. Für mich ist Nina Šubur — oder im sumerischen Mythos Ninšubur — die eigentliche Heldin dieser Geschichte. Es ist, wie es ist, wenn die Mächtigen, die Göttinnen und Götter,  Schicksal spielen wollen — es aber die schicksalsbetroffenen Menschen sind, die es leben müssen … die für die göttlichen Entscheidungen geradestehen müssen …

… Im Roman muss eine Person gefunden werden, die an Inannas Stelle — an ihrer Statt in das Totenreich zurückkehrt. Der Regelbruch der Göttin muss seinen Preis haben. Die Unterweltherrscherin Ereškigal ist da unerbittlich. Auch dann wird eine einfache Frau den eigentlichen Heldenmut aufbringen …

… stilistisch ist Anna In – Eine Reise zu den Katakomben der Welt ein wunderbares Buch … und dies weniger in seinen Handlungsschilderungen, als vielmehr in den poetischen Bildern, die beim Erzählen entstehen. Die Kraft dieser Bilder setzt nahtlos an bei den mythischen Vorbildern der sumerischen Geschichten. 

Anna In
Eine Reise zu den Katakomben der Welt

von Olga Tokarczuk
Roman, aus dem Polnischen übersetzt von Lisa Palmes
Kampa Verlag, 2022

mh

Anna In

von Olga Tokarczuk

… Dafür sind gute Buchhandlungen da, nicht wahr? … Sie geben mir dort in die Hände, was passt, … zu dem passt, was ich just gelesen habe … das weiß mein Buchhändler selbstverständlich, oder? … Er weiß es wirklich … 

… er kennt meine Vorliebe für die alte mesopotamische Zivilisation … für Gilgamesch und Enkidu … also drückte er mit Anna In in die Hand. Ich kenne Olga Tokarczuk, die polnische Nobelpreisträgerin, obwohl ich bisher nichts von ihr gelesen habe. Anna In ist das Buch von ihr, das in aktueller Übersetzung ins Deutsche vorliegt … Ich bleibe stutzig! Bis er mich auf den Dreher im Titel aufmerksam macht. Anna In – Inanna. Da fällt der Groschen … Sie ist die sumerische Göttin der Liebe, der Fruchtbarkeit, des Mondes und auch des Krieges. Die Göttin steigt in die Unterwelt, um dort ihre Schwester Ereschkigal zu besuchen … 

… Die Unterweltmythen erzählen normalerweise davon, dass niemand zurückkehrt, der ins Reich der Toten gelangt ist. Das droht auch Anna In / Inanna … Der Klappentext bringt Klarheit. „Eine Reise zu den Katakomben der Welt“. Erschienen, wie alle Werke der polnischen Schriftstellerin, im Kampa-Verlag. Die Autorin nimmt sich eines weiteren bedeutenden Mythos´ Uruks neben Gilgamesch an, des Inanna-Mythos´.

… Mythen erzählen von den uralten Fragen der Menschheit, nach Sterblichkeit und Unsterblichkeit, nach dem Sinn unserer Existenz … das bewegte die Sumerer damals, das bewegt die Menschen noch heute … 

… Tokarczuk nimmt sich des uralten Stoffes an und erzählt den Mythos auf faszinierende Weise neu … ich habe erst die ersten Kapitel gelesen, aber das hat mich hineingezogen … auch Gilgamesch reiste in die Unterwelt zu Ereschkigal … aber hier bei Tokarczuks Inanna wird ein Mythos auf einzigartige Weise neu gestaltet. Wirkmächtige, poetische Bilder entstehen beim Lesen. Dunkle Gänge und modernde Hallen, vermoost und aus rostigem Metall … über der Erde lesen die Menschen Zeitung, sie haben Strom und fahren in futuristischen Fahrstühlen … die Gärten hängen wie Weltwunder vom Himmel … dennoch geht der Reiz des Alten nicht verloren … die Zeiten wirken wie verflochten ineinander … die Sprache schafft eine zeitlose Welt … das macht viel Lust auf mehr … ich bin sehr gespannt wie es weitergeht …

mh

Kaspars Gedankengang …

… Nur selten zieht er sich Anzug und Krawatte an, doch ab und an tut er es. Dass ihm ausgerechnet in diesem Moment, da er in eine andere Person geschlüpft zu sein scheint, eine merkwürdige Begegnung widerfährt, ist vielleicht noch nicht ungewöhnlich. Dass ihn die Dame in der Bar mit jemandem verwechselt, gut. Dass sie ihn jedoch unangenehm mit jemandem konfrontiert, der er sein soll, aber keinesfalls sein kann (sein möchte), ist dann schon bedrückend. Könnte ich dieser Andere wirklich gewesen sein, fragt er sich doch …

… Wie so oft in seinen Werken spielt Haruki Murakami mit den Welten, von denen man oftmals nicht weiß, welche von ihnen die fiktive, traumhafte und welche die scheinbar wirkliche, reale Welt ist … Der Erzähler in der Titelgeschichte Erste Person Singular kann sich seiner Welt, seinem Ich nicht mehr sicher sein. Er tritt in eine veränderte Welt. Wie das in Murakamis Werken passiert, ist oft wunderbar … In dieser Geschichte machen Kleider sprichwörtlich Leute, also andere Menschen. Wie genau Murakami das beobachtet und erzählt, ist alles andere als allbekannt. Kleine erzählerische Finessen rücken das Alltägliche plötzlich aus ihrem gewohnten Zusammenhang. Das Gewohnte wird aus seiner gewöhnlichen Betrachtung gerissen und zum Geheimnis … Die Welt verändert sich vor unseren Augen … In dieser anderen Welt müssen die Figuren leben, ob sie traum- oder gar albtraumhaft sein mag … 

… Die Ungewissheit im Umgang mit dem Ich-Konstrukt steckt auch in den anderen Erzählungen des Erzählbandes des japanischen Bestsellerautors, der seit Jahren immer wieder für den Nobelpreis gehandelt wird. Treffend ist der Titel Erste Person Singular daher nicht allein für diese eine Erzählung. Er bildet den Rahmen für alle Geschichten des Bandes …

… In einer anderen sehr gelungenen Erzählung des Buches, Charlie Parker Plays Bossa Nova, macht die berühmte, aber früh verstorbene Jazzlegende eine Platte, die sie gar nicht mehr hätte machen können … Was aus einer so kleinen, netten Fiktion in der Geschichte erwächst, ist wunderbar unglaublich; eben ein echter Murakami … das Thema Erinnerung, Umgang mit erinnerten Geschichten, letztlich mit der Zeit, ist ein verbindendes Element dieser Erzählungen …

… Leider sind nicht alle Geschichten in diesem Band von gleicher Überzeugungskraft für mich. Manche hatte ich nach dem Lesen schon beinahe wieder vergessen. Aber da Erzählungen, wie die beiden erwähnten, kleine Kunstwerke für sich sind, ist Erste Person Singular eine reizvolle Lektüre, auch wenn das Buch nicht der Höhepunkt im Oeuvre des Autors sein wird.  

Kaspar Hauser

Haruki Murakami – Erste Person Singular
Ins Deutsche übersetzt von Ursula Gräfe
Dumont, 2021
ISBN 978-3-8321-8157-4

Kaspars Gedankengang …

… Rufus Scott, ein junger schwarzer Jazzmusiker aus Harlem, nimmt sich in New York das Leben … so beginnt der Roman Ein anderes Land von James Baldwin, der im Amerika der späten 50er spielt … ein verstörendes Buch, noch heute, obwohl 1962 erschienen und schon damals wohl ein Bestseller … ein Buch über das Scheitern der Liebe an den Grenzen der Ungleichheit zwischen Menschen … 

… Rufus verliebt sich in Leona, eine weiße Frau. Eine Liebe, die nicht sein darf? … Eric findet seine Liebe bei Yves, einem jungen Franzosen … Cass hadert mit der Rolle der Frau an der Seite ihres Mannes – der endlich als Schriftsteller erfolgreich wird – und ihrer beiden Kinder … Vivaldo verliebt sich in Ida, Rufus´ jüngere Schwester … 

… nach Rufus´ Selbstmord suchen die Schwester und die Freunde nach tiefergehenden Antworten, indem sie das eigene Leben in Frage stellen. Nichts ist selbstverständlich, die Freundschaften nicht, die Liebe nicht, das Leben nicht, auch die Gewissheiten der liberalen weißen Bohemiens bröckeln … 

… das Buch besticht, weil es Kategorien aufbricht … die Figuren sind sich ihrer selbst nicht mehr gewiss, wissen nicht wohin sie gehören, auch wenn sie in die üblichen Schubladen gesteckt werden … sie passen eben nicht hinein … die Schublade der Sexualität, die Schublade der Hautfarbe oder der Geschlechterrolle … zwischen all diesen Einordnungen lieben sie, lavieren sie und verzweifeln sie … es sind Menschen, die in gesellschaftlich festgefahrenen Strukturen zu leben haben, aus denen sie nicht ausbrechen können … der Roman wirft die Frage auf, ob der gute Wille der Einzelnen ausreichen kann, die strukturellen Gräben zu beseitigen … 

… es sind Fragen, die uns heute bewegen … 

… dtv veröffentlicht die Bücher James Baldwins in neuen Übersetzungen. Sie geben einem Autor wieder eine Stimme, der sich für ein Leben jenseits der Kategorien einsetzt, der sich für Gleichberechtigung ungeachtet der Hautfarbe, der sozialen Herkunft, des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung einsetzt. Eine wichtige Stimme.

James Baldwin – Ein anderes Land
Roman, übersetzt von Miriam Mandelkow
dtv, 2021, 575 S. 
ISBN 978-3-423-28268-0

Kaspar Hauser

Kaspars Gedankengang…

… endlich mal wieder in der Abteilung skurrile Lyrik und abseitiger Humor unterwegs: Die Galgenlieder von Christian Morgenstern gelesen. Wieder gelesen. Laut gelesen. Wunderbar. Stilistisch brillanter Irrsinn, wie ich ihn mag. Von Galgenbruders Lied an Sophie die Henkermaid über den Versuch einer Einleitung des Dr. phil. lic. Jeremias Müller über Nein!, Das Gebet bis hin zu Das große Lalula macht mir das wirklich irrsinnigen Spaß … die Verse erspielen … den großen C-Unsinn einmal beiseite lassen … einfach Freude daran haben, Sprache auf den Kopf zu stellen … herrlich!

Und zum Schluss vor dem Einschlafen: Fisches Nachtgesang

Ein duschgeknallt, vergnügter
Kaspar Hauser

Kaspars Gedankengang VIII

… bevor ich mir einige Gedanken über die Übersetzung des Buchs 1984 mache, erst einmal Folgendes … 

… Winston Smith lebt in London im Jahr 1984 … Das liegt in der Zukunft, jedenfalls vom Jahr der Entstehung des Romans aus betrachtet, der 1949 das erste Mal erschienen ist … Die Welt ist in drei Großmächte aufgeteilt, die permanent miteinander im Krieg liegen. Im EngSoz (Englischer Sozialismus) herrscht eine einzige Partei über das Land und die Großmacht Ozeanien. Ihr Führer ist der Große Bruder. Sein Konterfei findet sich auf Plakaten, die überall hängen, selbst in den Häusern. In allen Wohnungen gibt es Telemonitore, die Propaganda zeigen und Bild und Ton aus den Wohnungen empfangen. Die Menschen werden rund um die Uhr überwacht. Man kann die Telemonitore nicht ausschalten. In jedem Kollegen und jeder Kollegin muss Winston einen potentiellen Spitzel der Partei vermuten. Gesprochen wird neben Altsprech, dem vorher gängigen Englisch, Neusprech … reduziertes Vokabular … eingeschränkte Wortbedeutungen … bis zur Unkenntlichkeit simplifizierte Grammatik … Einschränkung des Denkens auf sprachlicher Ebene … Verfolgung droht Winston schon bei einem falschen Gedanken … das wird von der Gedankenpolizei (Denkpol) überwacht … 

… Die Vergangenheit ist manipulierbar. Winston fälscht alte Times-Auflagen, indem er Nachrichten anpasst, Meldungen korrigiert, Daten verändert, Menschen verschwinden lässt, die das Regime hat verschwinden lassen, neue Biografien, neue Personen erfindet. Einmal korrigiert, hat es nie eine andere Vergangenheit gegeben, nie eine andere Wahrheit, als die augenblickliche. Beweise werden in einem übermächtigen Bürokratieapparat vernichtet. Seine persönlichen Erinnerungen an eine abweichende Vergangenheit sind „falsch“. Wollte er auf ihnen bestehen, machte er sich eines Gedankenverbrechens schuldig. Es hat nie eine andere Vergangenheit gegeben! Winston verändert die historischen Fakten und weiß, dass sie nie anders waren, als jetzt. Doppeldenk heißt diese Art des gewünschten Denkens … 

… Die Partei und der Große Bruder sind der Garant für Wohlstand, Fortschritt und Frieden. Das London der Zeit ist verarmt und heruntergekommen. Wissenschaft und Kultur, freies Denken und Handeln sind unerwünscht. Es herrscht ununterbrochen Krieg mit einer anderen Macht … Doppeldenk … 

… Andersdenkende sind Feinde … werden Sündenböcke … werden verfolgt, inhaftiert, umerzogen oder vernichtet …

… in einer kleinen Nische seiner Wohnung – durch Zufall vom Telemonitor unbeobachtet – beginnt Winston ein Tagebuch zu schreiben. Ein Verbrechen. Er verliebt sich in Julia und wird sich heimlich mit ihr verabreden. Ein Verbrechen. Sie umgehen den Überwachungsstaat und suchen Rückzug in ihrer Liebe. Ein Verbrechen. Die Liebe der beiden fliegt auf. Was Winston nun droht, wird im letzten Teil des Buches durchexerziert. Die Ausübung jeglicher Gewalt des Regimes über den Einzelnen, um ihn zu brechen …

„Syme ist verschwunden. Eines Morgens fehlt er bei der Arbeit: Ein paar gedankenlose Leute machen Bemerkungen. Am nächsten Tag nicht mehr. Am dritten Tag geht Winston in den Vorraum der Abteilung Archiv, zum Schwarzen Brett. Einer der Aushänge ist die ausgedruckte Mitgliederliste des Schachkomitees, zu dem Syme gehört. Sie sieht fast genauso aus wie zuvor – nichts Durchgestrichenes -, aber sie ist um einen Namen kürzer. Das reicht. Syme existiert nicht mehr: er hat nie existiert.“

George Orwell – 1984
übersetzt von Frank Heibert
(Fischer, 2021, S. 198)

… Keine schöne neue Welt, die George Orwell in 1984 geschrieben hat, eine Dystopie. Eine Warnung vor jeder Form des Totalitarismus. Seine Kritik am kommunistischen System ist unüberlesbar, aber so allgemeingültig dargestellt, dass sie bis in unsere heutigen Tage trifft. Egal welche Ideologien dahinter stecken mögen, das Prinzip, die Mechanismen, Menschen totalitär zu beherrschen, bleiben gültig …

Kaspar Hauser

Kaspars Gedankengang VII

… ein paar nächtliche Gedanken … sprach mit einem jungen Mann über 1984, er hätte das Buch in der Schule gelesen … immerhin, er fand es nicht so schlecht, wie den Quark, den er sonst hätte lesen müssen … aber begeistert hatte es ihn nicht … Wir redeten lange. Er erzählte von dieser und jener Szene. Ich fragte mich, warum er so viel über eine Lektüre zu erzählen wusste, die ihn nicht begeisterte … Ich dachte über eigene Schullektüren nach … während er weiter erzählte … wir kamen über 1984 vom Hölzchen auf´s Stöckchen unserer Tage … und er erzählte … was er denn sonst so lese? … eigentlich gar nichts … und er erzählte wieder über das Buch … ich war irritiert und fragte endlich nach … ach weißt du, es war eben in der Schulzeit, konnte ich es da gut finden? … ich schwieg und schmunzelte …

Kaspar Hauser

Kaspars Gedankengang III

… zurück zu dem Gedanken an Klara und die Sonne. Zurück zu Dave. Beide Bücher spielen mit Vorstellungen des Zukünftigen. Doch schreibt Ishiguro in Klara und die Sonne keinen Science Fiction. Das hatte er auch in Alles, was wir geben mussten schon nicht getan, selbst wenn er utopistische Sujets verwendet … 

… Klara ist eine Roboterin – überhaupt sind die Figuren fast ausschließlich weiblich. Da ist die Mangagerin, die Klara verkaufen will. Klara steht mit den anderen Robotermodellen im Geschäft, wenn alles gut läuft, wird sie gar im Schaufenster feilgeboten. Klara freut sich, die Sonne erreicht sie dort mit ihrer „lebensspenden“ Kraft besonders. Klaras Energiehaushalt wird über Solarzellen gespeist. Was hier banal klingt, entfaltet Ishiguro zu einer ungeahnten Idee im Buch … Ein Highlight des Romans …

… Klara freut sich, im Schaufenster zu stehen? Ja, sie freut sich. Sie beobachtet die Menschen auf der Straße, ist enttäuscht, … vielleicht sogar ein bisschen verärgert über die Maschine auf der Straße, die den Blick zur Sonne mit ihren Abgasen trübt … Eine Roboterin, die fühlt? … Klara soll wie alle anderen Modelle eine Begleiterin für Jungendliche sein, besonders ein emotionaler Halt auf dem Weg ins Erwachsenenleben. Dafür ist sie geschaffen worden … Ishiguro schafft keine intellektuell übermenschlich begabten Roboter, er schafft empfindungsfähige Kreaturen. Eine davon, Klara, erzählt uns ihre Geschichte. Und sie ist eine einzigartige Erzählerin in der Weltliteratur … Sie ist noch unerfahren, beobachtet den Menschen … und sie ist eine scharfe Beobachterin … macht sich ihre Gedanken … ihre Erfahrungen … lernt … ist mitfühlend … Ishiguro findet für sie einen Ton, der die gesamte Geschichte prägt … Klaras Sicht der Dinge … Ishiguro beschreibt einen zutiefst menschlichen Charakter, den wir uns nicht mehr als Maschine vorstellen können …

… ich assoziiere sofort den Weltklassiker von Mary Wollstonecraft Shelley, in dem die Verantwortung des menschlichen Schöpfers für sein „Geschöpf“ in den Blick genommen wird … Untertitel: Der moderne Prometheus.

… Ishiguro redet nicht von der Technik, den technischen Möglichkeiten. Solche Details sind ihm unwichtig. Er denkt sich und uns in eine Welt, die sich (technisch) verändert hat, in der seine Figuren, Menschen und menschliche Maschinen existieren müssen … und wie sie es tun … er fragt nach der Individualität und den „menschlichen“ Beziehungen untereinander …

… Wie anders ist Dave. Raphaela Edelbauer schreibt einen hochwertigen Science Fiction … Es wird eine andere Zeit erdacht, bis hinein in die computertechnischen Details und Herausforderungen, wie sie uns drohen könnte … gut recherchiert, sofern ich das beurteilen kann, ich bin kein it-Spezialist …

… Dave soll die erste Künstliche Intelligenz sein, die mit Höchstleistung an Rechnerkapazität ausgestattet, ein menschliches Bewusstsein bekommen soll … Wie bei Klara, soll die Maschine mit menschlichen Eigenschaften ausgestattet werden, um den Menschen letztlich zu übertreffen. Nicht nur Syz, den Erzähler und Protagonisten, überkommen da im Laufe der Geschichte Zweifel … den haben die Leser*innen gleich auf den ersten Seiten, auf denen es zum Totalausfall des genialen Rechners zu kommen droht … 

Spannend geschrieben, gespannt harre ich auf Weiteres …

Kaspar Hauser

Kaspars Gedankengang II

… Gedanken kommen mir in die Quere. Gestern in einer literarischen Mußestunde Jon Fosse gelesen. Kleinere Szenen fürs Theater und Prosastücke aus dem Buch, das mein Buchhändler für mich aufgestöbert hatte …

Jon Fosse – Kindheitsszenen
mit Holzschnitten von Olav Christopher Jenssen
übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel
Kurzprosa, Kleinheinrich, 2019, S. 182
isbn/ean: 9783945237267

… seit Jahren lese ich alles von Fosse, was Hinrich Schmidt-Henkel ins Deutsche überträgt. Fosse ist einer der Autoren, die mich nachhaltig beeinflusst haben. Eine ruhige und klare Sprache, wie er sie selbst nennt. In den Theaterstücken ist die Pause und die Sprachlosigkeit tragendes Element, in der Prosa sind Pausen ungleich schwieriger einzusetzen. Gedanken kreisen, wiederholen sich, sind aber dennoch nie gleich, weil sie sich im Vergehen der Zeit – und sei die Spanne noch so kurz – verändern … Fosses Sprache wird für mich zu einem Sog, getragen von der Musikalität, die er mit den wenigsten, einfachsten Worten zu erzeugen versteht … wie sich Menschen versuchen näher zu kommen, stumm werden, trotz der Worte, die sie füreinander haben … 

… die Kindheitsszenen sind wunderbar, ich lese hier eine, dort eine, schaue die Holzschnitte von Jenssen an … Pause … schlage das Buch wieder auf, lese weiter … Asle hat noch nie ein Buch gelesen und entdeckt die Sprache für sich; Jon Fosse benötigt dafür sieben Zeilen … Großmutter liegt in einem Bett, sie kann nicht mehr reden, der Erzähler versucht, ihr nahe zu sein, er fragt sie … und sie versucht, zu antworten, versucht, ihre Lippen eine Antwort formen zu lassen … dann muss ich das Buch für einen kleinen Moment schließen … es wirken lassen … pausieren … ein alter Mann hört den jungen Asle bei der Bandprobe im Jugendfreizeitheim spielen, sie finden nur beiläufig Worte für die Musik und verstehen sich am Ende doch … hier gelingt Kommunikation über die Musik, tatsächliche oder in der Sprache angelegte …

… ein Leseerlebnis, dank meines Buchhändlers. Das hätte ich nie online aufgestöbert. Eine Verbeugung vor dem kleinen Buchladen mit Sachverstand, Kundenkenntnis und Beratung … schön, dass es euch gibt …

Kaspar Hauser

Große Plätze und stille römische Orte

Römische Plätze III

Rom wird weiträumig und scheint sich aus der Enge kleiner Gassen und Plätze zu befreien. Keine Ruinen und keine versunkenen Bauten. Vor mir öffnet sich das weite Oval der Piazza San Pietro. Wenn mir bis jetzt nicht klar geworden ist, wer diese Stadt im Stillen modelliert hat, dann wird es mir auf dem Weg hierher bewusst. Es sind die Künstler und vor allem die Bildhauer, die Rom von Jahrhundert zu Jahrhundert gestaltet, verziert und verändert haben.

Manch ein Römer verdammt den Mangel und die Unzuverlässigkeit öffentlicher Verkehrsmittel. Doch der einzige Weg, diese Stadt zu erkunden, ist der Spaziergang durch römische Gassen. Geht man also von der Piazza Navona in Richtung Tiber und überquert den Fluss über die Engelsbrücke, um dann der Straße zum Vatikan zu folgen, ist man – auf dem Petersplatz angelangt – bereits zum dritten Mal dem Barockbildhauer Bernini begegnet. Den Eindruck der Piazza Navona vollendete Bernini mit seinem Vierströmebrunnen. Für die Ponte Sant´ Angelo – die Brücke vor der Engelsburg – entwarf er die Engelsfiguren. Auch die Wirkung des Petersplatzes wäre ohne seine Gestaltung undenkbar. Hier schuf er die Kolonnaden, die das große Oval der Piazza umgeben, aber gleichzeitig öffnen. 

Vier Säulenreihen tragen ein von Heiligenstatuen verziertes Dach. Von gewissen Punkten der Piazza betrachtet, verschwinden die hinteren Säulen dezent hinter der Reihe der vorderen. Im Kreis angeordnet hätte die Anlage für den Platz eine fatal beengende Wirkung, doch die ovale Piazza, mit dem Obelisken im Zentrum, breitet sich vor unseren Augen geradezu aus und gibt den Raum zwischen den Kolonnaden frei. 

Auch beim Blick vom Kirchenvorplatz auf San Pietro in Vaticano beeindruckt die perspektivische Wirkung. Die Peterskirche erlangt eine optische Leichtigkeit, die bei der massiven Fassade erstaunlich ist. 

Man sollte sich jedoch von der Pracht einer Peterskirche oder der Gewaltigkeit einer Engelsburg nicht verlocken lassen. Besondere Seherlebnisse sind ganz anderer Art. In einem Winkel direkt am Eingang von San Pietro in Vaticano möchte ich stundenlang vor der Pietà des Michelangelo stehen. Gleiches gilt für das Deckenfresco der Sixtischen Kapelle. Könnte ich doch wie Goethe seine Zeit hier alleine verbringen, um die Ruhe für jede Nuance der gemalten Geschichten zu haben. Ich werde neidisch, lese ich bei Goethe die Zeilen: »Die Kapelle selbst kenne ich recht gut, ich habe vorigen Sommer drin zu Mittag gegessen und auf des Papstes Thron Mittagsruhe gehalten und kann die Gemälde fast auswendig.« Wahrhaft paradiesische Zustände!

»Wenn mich das monumentale Rom zu erschlagen droht, dann sind es diese stillen Orte, die mich wieder zurückfinden lassen.«

Völlige Abgeschiedenheit genieße ich hingegen in einer kleinen Kirche, genannt San Pietro in Vincoli, vor dem Moses des Michelangelo. »Ich habe von keinem Bildwerk je eine stärkere Wirkung erfahren«, sagte Sigmund Freud seinerzeit und fuhr beeindruckt fort: »Manchmal habe ich mich dann behutsam aus dem Halbdunkel des Innenraums geschlichen, als gehörte ich selbst zu dem Gesindel, auf das sein Auge gerichtet ist.« 

Wenn mich das monumentale Rom zu erschlagen droht, dann sind es diese stillen Orte, die mich wieder zurückfinden lassen: ein verlassener Fleck auf dem Palatin, an dem ich ostersonntags die vielen Glocken Roms hörte; San Pietro in Vincoli, einsam vor der uralten Gestalt in Marmor sitzend. Es sind die winzigen Details, die uns voller Gedanken in die Tiefe führen. Es sind die Skulpturen, die ihre Geschichte erzählen: die Aschenurne eines etruskischen Paares, der sterbende Gallier, die Gruppe des Laokoon, das Durchscheinen des marmornen Gewandes der Aphrodite, die mythologische Bildererzählung auf einer etruskischen Vase. Rom ist nicht nur eine Stadt, in der man zu verschiedenen Zeiten lebt, sondern auch eine Stadt, in der man paradoxerweise gleichzeitig an ganz verschiedenen Orten sein kann. 

Michael Helm

Aus dem Block …

Anna In – Teil II

von Olga Tokarczuk

Anna In – Eine Reise zu den Katakomben der Welt habe ich beendet. 

… Ein faszinierender Roman … und mich faszinieren die mythischen Gänge in die Unterwelt schon sehr lange, sei es der Gang des Odysseus in den Hades oder die Geschichten um Orpheus, … sei es der Besuch des Gilgamesch bei Uta-napischti dem einzigen Überlebenden einer von den Göttern verursachten Sintflut im mesopotamischen Epos. Letztlich sucht ja auch im Gilgamesch-Epos der Held die Unsterblichkeit und macht sich auf in die Unterwelt … 

… Das Faszinosum dieser Erzählungen beschränkt sich dabei nicht allein auf die alten Mythen …

… Inanna hingegen ist eine Göttin. Sie besucht im sumerischen Mythos ihre Zwillingsschwester Ereškigal, die Herrin des Totenreichs. Sie stirbt. Aus dem Reich der Toten kehrt niemand zurück. Inanna wird jedoch wiedererweckt und kann zurückkehren in die Welt der Lebenden … Sie bricht die Regel …

… Im Roman von Olga Tokarczuk wird Nina Šubur (Begleiterin, Freundin, Bedienstete Inannas) ihre Fürsprecherin in der Oberwelt, während die Herrin im Totenreich gefangen ist. Nina Šubur ist auch die Haupterzählerin des Romans. Es kommen noch andere Erzählerinnen vor — im Falle des Torwächters Neti, ein Erzähler, ein Wesen der Unterwelt — immer einfache Figuren, die die Hauptfiguren begleiten, ihnen zur Seite stehen, sie beobachten. Allein diese Erzählstruktur fasziniert …

… als Nina Šubur um die Rückkehr ihrer Herrin aus dem Totenreich bittet und fleht, findet sie in der männlichen Götterwelt keinen Zuspruch. Die Geschichte, die Olga Tokarczuk schreibt, ist die einer starken weiblichen Heldin. Für mich ist Nina Šubur — oder im sumerischen Mythos Ninšubur — die eigentliche Heldin dieser Geschichte. Es ist, wie es ist, wenn die Mächtigen, die Göttinnen und Götter,  Schicksal spielen wollen — es aber die schicksalsbetroffenen Menschen sind, die es leben müssen … die für die göttlichen Entscheidungen geradestehen müssen …

… Im Roman muss eine Person gefunden werden, die an Inannas Stelle — an ihrer Statt in das Totenreich zurückkehrt. Der Regelbruch der Göttin muss seinen Preis haben. Die Unterweltherrscherin Ereškigal ist da unerbittlich. Auch dann wird eine einfache Frau den eigentlichen Heldenmut aufbringen …

… stilistisch ist Anna In – Eine Reise zu den Katakomben der Welt ein wunderbares Buch … und dies weniger in seinen Handlungsschilderungen, als vielmehr in den poetischen Bildern, die beim Erzählen entstehen. Die Kraft dieser Bilder setzt nahtlos an bei den mythischen Vorbildern der sumerischen Geschichten. 

Anna In
Eine Reise zu den Katakomben der Welt

von Olga Tokarczuk
Roman, aus dem Polnischen übersetzt von Lisa Palmes
Kampa Verlag, 2022

mh

Anna In

von Olga Tokarczuk

… Dafür sind gute Buchhandlungen da, nicht wahr? … Sie geben mir dort in die Hände, was passt, … zu dem passt, was ich just gelesen habe … das weiß mein Buchhändler selbstverständlich, oder? … Er weiß es wirklich … 

… er kennt meine Vorliebe für die alte mesopotamische Zivilisation … für Gilgamesch und Enkidu … also drückte er mit Anna In in die Hand. Ich kenne Olga Tokarczuk, die polnische Nobelpreisträgerin, obwohl ich bisher nichts von ihr gelesen habe. Anna In ist das Buch von ihr, das in aktueller Übersetzung ins Deutsche vorliegt … Ich bleibe stutzig! Bis er mich auf den Dreher im Titel aufmerksam macht. Anna In – Inanna. Da fällt der Groschen … Sie ist die sumerische Göttin der Liebe, der Fruchtbarkeit, des Mondes und auch des Krieges. Die Göttin steigt in die Unterwelt, um dort ihre Schwester Ereschkigal zu besuchen … 

… Die Unterweltmythen erzählen normalerweise davon, dass niemand zurückkehrt, der ins Reich der Toten gelangt ist. Das droht auch Anna In / Inanna … Der Klappentext bringt Klarheit. „Eine Reise zu den Katakomben der Welt“. Erschienen, wie alle Werke der polnischen Schriftstellerin, im Kampa-Verlag. Die Autorin nimmt sich eines weiteren bedeutenden Mythos´ Uruks neben Gilgamesch an, des Inanna-Mythos´.

… Mythen erzählen von den uralten Fragen der Menschheit, nach Sterblichkeit und Unsterblichkeit, nach dem Sinn unserer Existenz … das bewegte die Sumerer damals, das bewegt die Menschen noch heute … 

… Tokarczuk nimmt sich des uralten Stoffes an und erzählt den Mythos auf faszinierende Weise neu … ich habe erst die ersten Kapitel gelesen, aber das hat mich hineingezogen … auch Gilgamesch reiste in die Unterwelt zu Ereschkigal … aber hier bei Tokarczuks Inanna wird ein Mythos auf einzigartige Weise neu gestaltet. Wirkmächtige, poetische Bilder entstehen beim Lesen. Dunkle Gänge und modernde Hallen, vermoost und aus rostigem Metall … über der Erde lesen die Menschen Zeitung, sie haben Strom und fahren in futuristischen Fahrstühlen … die Gärten hängen wie Weltwunder vom Himmel … dennoch geht der Reiz des Alten nicht verloren … die Zeiten wirken wie verflochten ineinander … die Sprache schafft eine zeitlose Welt … das macht viel Lust auf mehr … ich bin sehr gespannt wie es weitergeht …

mh