Michael Helm

Weimar – Ein Reiserückblick

Erneuter Besuch der Ausstellung zur Weimarer Republik. Kernthese: Die junge Republik ist nicht an ihren Kinderkrankheiten zugrunde gegangen, sie ist von der extremen Rechten zerstört worden. Dass da Gedanken an unsere Tage wach werden, verwundert nicht.
Die Ausstellung am Theaterplatz ist multimedial sehr gut aufbereitet. Ich besuche sie gerne, weil ich mir jedes Mal einen anderen Bereich der Geschichte der Republik herausgreife. Dieses Mal: Film, Kunst & Kultur in der Weimarer Zeit. Es gibt Filmszenen und Hörbeispiele, denen ich mich intensiv gewidmet habe.

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„Der Himmel verhüte, daß ich von irgend einem denkenden Wesen verlange, mit mir überein zu stimmen, wenn er von der Richtigkeit meiner Behauptungen oder Meynungen nicht überzeugt ist; oder daß ich jemahls fähig werde, jemandem meinen Beyfall deßwegen zu versagen, weil er nicht meiner Meynung ist!“

Christoph Martin Wieland 
Der Neue Teutsche Merkur, Mai 1794,
gelesen in der Ausstellung in Oßmannstedt

Wanderung nach Oßmannstedt. Letztes Jahr im Wielandjahr nicht geschafft, dieses Jahr nachgeholt. Die Wanderung an einem Sommertag, an den man sich wohl gewöhnen muss, viel zu heiß. Das Wielandgut ist dennoch mit reichlich Wasser im Tagesrucksack zu Fuß gut zu erreichen und dank Deutschlandticket konnten wir problemlos mit der Bahn zurückfahren. Im Wieland-Gut findet sich eine kleine Ausstellung zum Leben und Werk des Weimarer Klassikers. Darüber hinaus wurde ich im örtlichen Weimarer Buchhandel aufmerksam auf die vielen relativ jungen Veröffentlichungen zu Wieland, inklusive neuer Wielandbiografie von Jan Philipp Reemtsma: „Die Erfindung der modernen deutschen Literatur. Eine Biographie“. Sehr lesenswert, habe ich mir raten lassen. Reemtsma hat auch einige Wieland-Werke neu herausgegeben.
„Also“, sagt sich der Reisende freudig, „Wieland lesen!“
Das Gut liegt übrigens landschaftlich sehr schön und das Grab des Klassikers kann man dort auch besuchen, im Schatten und unter Bäumen.

Aus dem Block …

Jon Fosse – Melancholie

Ende des 19. Jahrhunderts: Der norwegische Maler Lars Hertervig studiert in Düsseldorf Landschaftsmalerei. Er hat sich ein kleines Zimmer gemietet und verliebt sich in Helene, die fünfzehnjährige Tochter seiner Vermieter. Dieses nicht einmal richtig entflammte Verhältnis findet die Ungnade der Familie. Lars soll die Wohnung verlassen. Das Scheitern der Beziehung scheint Lars Hertervig verrückt werden zu lassen.

Was auf der inhaltlichen Ebene einfach erscheinen mag, nimmt sich in Hertervigs Denken anders aus. Denn von Anfang an ist seine Sicht der Dinge „anders“. Gedanke um Gedanke kreist in seinem Kopf, wiederholt sich, ordnet sich scheinbar neu. Niemals kommt sein Denken zu einem Abschluss. Der Geisteszustand Hertervigs grenzt an Verwirrung und seine Gedanken verwirren sich mehr und mehr durch die ihn befremdenden Erlebnisse. Sind seine Gedanken wahnhaft, Verfolgungsfantasien oder der Ausdruck seiner Realität?

Dies lässt Jon Fosse in seinem Roman „Melancholie“ offen. Er betrachtet das Geschehen aus der Sicht Hertervigs. Er versteht es in einer ausgefeilten, dem Denken dieses Menschen entsprechenden, einfachen Sprache, die subjektive Welt Hertervigs darzustellen. Das ist faszinierend und schwer zu lesen zugleich, denn die unendlichen Gedankenketten Hertervigs wälzen sich über etliche Seiten dahin. Wie einprägsam Fosses Sprache ist, stellte ich fest, als ich das Buch fortlegte. Die ewigen Wiederholungen und Wortketten begannen, von meinem Denken Besitz zu ergreifen, wie musikalische Ohrwürmer. Fast suggestiv haben sie sich in den Kopf eingeschlichen und es brauchte Zeit und Ablenkung, um sich wieder aus dieser zirkulären Gedankenwelt Hertervigs zu befreien.

Jon Fosse hat für das Denken eine Sprache geschaffen, in der Existenzielles einen einfachen Ausdruck findet. In dem, was sich zwischen den Gedankenketten auftut, rührt er an der Grenze des Unbewussten.

Mit der Geschichte Lars Hertervigs ist der Roman nicht zu Ende. Zwei weitere Erzählungen setzen an die Hertervig-Geschichte an, die sich wie die folgenden Akte eines Theaterstücks ausmachen. Generationen später werden Personen betrachtet, die mit Hertervig in familiärer Beziehung standen. Auch in diesen Erzählungen ist es der faszinierende Stil Fosses, der einen in seinen Bann zieht.

Jon Fosse bekommt Literaturnobelpreis

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