Michael Helm

Gespräch mit einer Gans

Aufgelesenes III

Ich machte heute Morgen meine kleine Runde am See. Außer mir war niemand unterwegs. Selbst in Corona-Zeiten und in der frühen Morgenstunde eine ungewöhnliche Stille. Es ist eine kleine Ewigkeit her, dass ich gelernt hatte, Vogelstimmen zu erkennen, doch plötzlich — hier in der Ruhe — hörte ich sie wieder und kramte in meinen verklungen geglaubten Hör-Erinnerungen.

Da kam ich an einigen Gänsen vorbei und sprach anstatt eines fröhlichen Guten Morgens:  „Na, ihr Lieben, habt ihr die Welt einmal nur für euch allein?“

Eine Gänsedame drehte den Kopf und erwiderte: „Hältst du das hier für eine Welt?“ 

Ich hatte nicht geahnt, dass meine Kenntnisse der Vogelstimmen so weit reichten und blieb stumm.

„Wir sind erst kürzlich aus Afrika zurückgekehrt. — Es ist hier bei euch ein schönes, aber doch bescheidenes Fleckchen Erde,“ sagte sie und ich ahnte bereits, worum es ihr ging. „Doch gemessen an der Welt, die wir auf unserer Reise hierher überflogen haben?“ 

Ich konnte diesem philosophischen Gedanken nur beipflichten. Doch da mischte sich ein Erpel in unser Gespräch und rief etwas beleidigt: „Und wer gibt uns nun unser tägliches Brot?“

Die Gans hob nur ihren langen Hals und sagte: „Darum müsst ihr euch jetzt wohl selbst wieder kümmern.“ Sie wandte sich ab und ließ uns stehen.

Mit dem aufdringlichen Erpel wollte ich nicht länger reden und setzte meinen Spaziergang fort. Ob es nicht von Vorteil wäre, dachte ich, solch philosophischen Disput des Öfteren zu führen?

mh

Aus dem Block …

Samstag ist Lesung!

Juli Zeh – Corpus Delicti
22.01.2022 | Stadtbücherei Spenge | 19.30 Uhr | Infos

Kaspars Gedankengang XI

„Bei aller Schläue hatten sie das Geheimnis, was ein anderer dachte, noch nicht gelüftet. Vielleicht traf das weniger zu, wenn sie einen in der Hand hatten. Man wusste nicht, was im Liebesministerium geschah, aber vermuten konnte man es: Folter, Drogen, empfindliche Apparate, die die Nervenreaktionen registrierten, allmähliche Zermürbung durch Schlafentzug, Einsamkeit und unablässig Verhöre. Tatsachen jedenfalls ließen sich nicht verheimlichen. Die ließen sich durch Fragen erhalten und durch Folter herauspressen. Doch wenn es nicht das Ziel war, am Leben, sondern ein Mensch zu bleiben, was änderte das letztlich groß? Die Gefühle konnten sie nicht ändern, das konnte man ja nicht einmal selbst, auch wenn man es wollte.
Was man getan, gesagt oder gedacht hatte, das konnten sie alles bis ins Kleinste aufdecken, das Innerste aber, dessen Funktionsweise sogar einem selbst ein Rätsel war, das blieb unangreifbar.“

George Orwell, 1984, Insel, 2021,
übersetzt von Eike Schönfeld, S. 223

… ich hänge noch immer in der Lektüre von 1984 fest … kann man so sagen … immer wieder suche ich mir einzelne Szenen heraus, über die ich eine Nacht lang nachgrüble … hier eine aus der Übersetzung von Eike Schönfeld, die in der bisherigen Betrachtung vielleicht etwas kurz gekommen ist …

… Was mich an diesem Auszug so schockiert, ist die Trostlosigkeit der wiederholten Lektüre … warum das? … Ich mochte Orwell beim ersten Lesen damals am Ende der Passage so gerne recht geben, aber er zeigt am Ende seines Buches, dass auch das möglich ist: Nichts bleibt in 1984 unangreifbar, selbst die Liebe nicht, selbst das „Menschbleiben“ nicht. Menschen sind so verdammt beeinflussbar. Es muss nicht einmal durch Folter geschehen, möchte ich 2021 hinzufügen …

… in einer zweiten Szene schildert Orwell, wie während einer Propagandaveranstaltung, während einer Rede des Funktionärs, während eines einzigen Satzes sich die Tatsachen zu ändern scheinen, auf denen die Propaganda fußt: Ozeanien liegt plötzlich nicht mehr mit Eurasien im Krieg, sondern von einer Sekunde auf die andere wird der Krieg mit der anderen Partei, dem ehemaligen Verbündeten Ostasien propagiert. Mit Eurasien sei man doch schon ewig verbündet! … Alle Fakten werden in ihr Gegenteil verkehrt … die Maschinerie der Vergangenheitsfälschung wird wieder angeworfen … die Vergangenheit wieder einmal getilgt, ersetzt … die Lüge durch eine weitere Lüge ausgetauscht …

… Beeindruckend allerdings, wie schnell das geht … wie innerhalb eines Moments die Meinung der Menschen manipulierbar ist … Während der Rede des Funktionärs nehmen es die Menschenmassen hin. Der Redner beendet den Satz im Lichte der neuen Fakten, der neuen Wahrheiten … Wir liegen im Krieg mit Ostasien! … war nie anders … wer anderes behauptet, ist Staatsfeind! … wer anderes denkt … Gedankenverbrecher! … Fakten werden zu Lügen … Lügen zur Wahrheit … und obwohl alles noch vor einer Sekunde das Gegenteil zu sein schien … es wird von den Menschen, die dem Redner euphorisch zujubeln, geglaubt … alte Plakate werden von den Wänden gerissen … Fake News! … nieder mit der Feindpropaganda! … es lebe die Partei! … es lebe der große Bruder! … Wahrheit mit einer Halbwertszeit von Sekunden …

… kommt uns irgendwie bekannt vor?

Kaspar Hauser