Michael Helm

Engel der Autobahn

„Ich drehe schon seit Stunden
Hier so meine Runden (…)
Ich finde keinen Parkplatz
Ich komm‘ zu spät zu dir, mein Schatz“

Das schrieb schon Herbert Grönemeyer in seinem Lied „Mambo“. Ich weiß nicht, ob Grönemeyer in den 80ern danach Drohbriefe von Autojunkies bekam oder zur Anhörung vor den Automobilgerichtshof bestellt wurde, aber ich ahnte damals schon nichts Gutes. Die Parkplatzsuche gestaltete sich in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts in Bochum schon nicht einfach und hat sich seither verschlechtert.

„Es trommeln die Motoren. 
Es dröhnt in meinen Ohren“

Stimmt immer noch, auch wenn die Motoren eigentlich leiser geworden sind. Vielleicht sind es einfach mehr oder meine Ohren sind empfindlicher geworden. 

Neulich, stand ich auf der A2. Die Motoren waren verstummt. Nur das Rauschen der Gegenfahrbahn war zu hören. Vollsperrung. In meinem Fahrzeug war es so ruhig geworden, dass ich aus Langeweile das Radio einschaltete. Da gab es eine Gesprächsrunde über die richtigen Methoden des Grasschnitts im heimischen Garten und etliche Zuhörer*innen, die anriefen, weil sie dazu etwas zu sagen hatten. Ein anderer Sender versprach die nächste welterschütternde Krise. Nichts sagte mir die Musik auf allen Sendern, die ich durchzappte. Also Radio aus. Mein Fahrzeug ist alt und daher hat es keine Möglichkeit, mir Musik auf andere Weise wiederzugeben. Ich kam mir jetzt genauso alt vor wie das Radiogerät. Alt und weiß.

Es war eng. Es war warm. Die Beine wussten nicht wohin und meine Waden fingen an, im eigenen Rhythmus rastlos zu zittern. Ich zählte die Fahrzeuge vor und hinter mir, die ich gerade noch erkennen konnte, immer und immer wieder. Zählen beruhigt mich. Es müssen ja nicht gleich Schafe sein. 

Wäre ich bloß mit meinem ICE gefahren, dachte ich. Ich hätte mir die Beine vertreten und mit meinen Sitznachbarn über die aberwitzigen Bahndurchsagen diskutieren können. Hält der Zug nun in Bielfeld, fährt er mit einstündiger Verspätung weiter nach Köln, dreht er um und fährt zurück nach Berlin oder entfällt der Halt in Bielefeld ganz. Wenn der Zug ausfällt, fällt er dann auf Gleis 2 oder Gleis 4 aus? Muss man doch wissen. Wir hätten uns jedenfalls lachend gegenseitig am Galgen des Humors aufgeknüpft. Immer noch besser, als vereinsamt in meiner Blechkabine auf der Autobahn an Langeweile einzugehen.

Wie ich nach Hause gekommen bin? Ich habe den Wagen auf der A2 stehengelassen, habe die Kennzeichen entfernt und entsorgt und bin zum nächsten Bahnhof gelaufen. Der Zug fuhr, aber zurück nach Berlin. Eine Bahnhofsbank gewährte mir die nötige Nachtruhe in der Hauptstadt. Im Traum erschien mir ein Engel. Er nannte sich Verkehrsminister und sprach vom Himmelreich auf Straßen und Schienen. 

Schweißgebadet erwache ich zu Hause im Bett. Wie ich nach Hause gekommen war? Ich weiß es nicht zu erzählen. Ich bin angekommen, wahrscheinlich dank eines Schutzengels der Deutschen Autobahnen, bewehrt mit Schild und Barke.

Aus dem Block …

Jon Fosse – Melancholie

Ende des 19. Jahrhunderts: Der norwegische Maler Lars Hertervig studiert in Düsseldorf Landschaftsmalerei. Er hat sich ein kleines Zimmer gemietet und verliebt sich in Helene, die fünfzehnjährige Tochter seiner Vermieter. Dieses nicht einmal richtig entflammte Verhältnis findet die Ungnade der Familie. Lars soll die Wohnung verlassen. Das Scheitern der Beziehung scheint Lars Hertervig verrückt werden zu lassen.

Was auf der inhaltlichen Ebene einfach erscheinen mag, nimmt sich in Hertervigs Denken anders aus. Denn von Anfang an ist seine Sicht der Dinge „anders“. Gedanke um Gedanke kreist in seinem Kopf, wiederholt sich, ordnet sich scheinbar neu. Niemals kommt sein Denken zu einem Abschluss. Der Geisteszustand Hertervigs grenzt an Verwirrung und seine Gedanken verwirren sich mehr und mehr durch die ihn befremdenden Erlebnisse. Sind seine Gedanken wahnhaft, Verfolgungsfantasien oder der Ausdruck seiner Realität?

Dies lässt Jon Fosse in seinem Roman „Melancholie“ offen. Er betrachtet das Geschehen aus der Sicht Hertervigs. Er versteht es in einer ausgefeilten, dem Denken dieses Menschen entsprechenden, einfachen Sprache, die subjektive Welt Hertervigs darzustellen. Das ist faszinierend und schwer zu lesen zugleich, denn die unendlichen Gedankenketten Hertervigs wälzen sich über etliche Seiten dahin. Wie einprägsam Fosses Sprache ist, stellte ich fest, als ich das Buch fortlegte. Die ewigen Wiederholungen und Wortketten begannen, von meinem Denken Besitz zu ergreifen, wie musikalische Ohrwürmer. Fast suggestiv haben sie sich in den Kopf eingeschlichen und es brauchte Zeit und Ablenkung, um sich wieder aus dieser zirkulären Gedankenwelt Hertervigs zu befreien.

Jon Fosse hat für das Denken eine Sprache geschaffen, in der Existenzielles einen einfachen Ausdruck findet. In dem, was sich zwischen den Gedankenketten auftut, rührt er an der Grenze des Unbewussten.

Mit der Geschichte Lars Hertervigs ist der Roman nicht zu Ende. Zwei weitere Erzählungen setzen an die Hertervig-Geschichte an, die sich wie die folgenden Akte eines Theaterstücks ausmachen. Generationen später werden Personen betrachtet, die mit Hertervig in familiärer Beziehung standen. Auch in diesen Erzählungen ist es der faszinierende Stil Fosses, der einen in seinen Bann zieht.

Jon Fosse bekommt Literaturnobelpreis

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