Michael Helm

Aufbegehren

Eine musikalische Biografie II

„And still this childhood romance will not die“
Justin Sullivan, Vagabonds

Thunder And Consolation. Eine Platte, eine Wirkung: Aufbegehren! New Model Army, Postpunkband, folk- und rockbeeinflusst, rebellisch, aufheizend, da bleibt nichts in mir ruhig. Heute nicht; damals erst recht nicht!

In „sozialen Medien“ bin ich auf die Idee gekommen. Dort posten Leute insgesamt zehn Musikalben, die in ihrem Leben bedeutend waren. Eigentlich finde ich die Idee gut, aber dort werden nur Plattencover gezeigt (die man kennt oder nicht) und meist steht nicht viel dazu geschrieben. Aber gerade das würde mich doch interessieren. Dass viele meiner „Follower“ Bob Dylan gehört haben, geschenkt. Warum? Zu welcher Zeit? In welcher Situation? Hier also jetzt ein weiterer Text (ohne Cover) …

Thunder and Consolation

Szene Eins:

Kleine Liebesgeschichte, eine kurze Disco-Romanze in den frühen 90ern. Raus aus der Uni, raus aus der übel riechenden Mottenkiste der PostThatcher-Kohl-Tage. Tanzfläche rappelvoll, Rock, Punk, lauter, lauter Haare, Arme und Hände fliegen im Lichtgeschwirr, verschwitzte Gesichter ringsum — allein in der Masse — dann setzt Vagabonds des Thunder And Consolation-Albums ein, mit Solo-Violine zu Beginn, Ed Alleyne-Johnson, das Ganze über fünf Minuten. Da setzt innerlich etwas aus — oder besser etwas ein, das sich bis heute erhalten hat. Ich will losrennen und etwas anders machen. Etwas wird sich ändern, weil ein Gesicht auf der Tanzfläche während des Songs nicht mehr aus meinen Augen ging — oder sie die meinen nicht losließ? Kurzer Augenblick Rufnummern auszutauschen alles so schnell fast hektisch schnell alles anders nächtelang geredet gelesen diskutiert wachgerüttelt … Aufbegehren an der Welt Aufbegehren an der Literatur Aufbegehren in Eingeweiden und Lunge verschwitzte erschöpfte Tage … schneller rasender Rausch. Dann das abrupte Ende.

Szene Zwei:

New Model Army-Konzert in Köln. Jahrzehnte später. Jahre, geschrieben in die Gesichter um uns herum und auf der Bühne. Nicht mehr die Ausdauer, das Tempo von einst mitzuhalten. Im Kopf Chaos, in den Eingeweiden unangenehmes Rumoren. Gedanken an Krankheit, Angst, Fortsein. An der Seite ein guter Freund, der mich durch den Abend bringt; die Musik, die mich durch den Abend, durch die Tage danach bringen wird. Aufbegehren: dranbleiben! Den Kopf nach oben. Auf die Bühne blicken. Lichter, Bässe, Drums … Dranbleiben. Nein, nach dem Konzert wieder rausgehen, etwas ganz anders machen … Und etwas wird anders, wird besser …

New Model Army
Thunder And Consolation (EMI, LP, 1989)
Justin Sullivan – Gesang, Gitarre, Keyboard
Robert Heaton – Schlagzeug, Background-Gesang, Gitarre, Bass
Jason Harris – Bass, Keyboard, Gitarre
Ed Alleyne-Johnson – Violine
Chris McLaughlin – Gitarre

New Model Army-Platten begleiten mich bis heute. Alles begann mit der Thunder And Consolation und Vagabonds. Das alles geschah etwas später, nachdem das Album (1989) herausgekommen war. Nach dem Abi, in diesen ersten Studienjahren, als ich die Welt noch aus den Angeln heben wollte. Ist das Gefühl fort? Keineswegs, denn noch immer lösen Wucht und Sound der Musik New Model Armys und die zeit- und gesellschaftskritischen Texte Justin Sullivans in mir die Hoffnung aus, etwas zu verändern. 

Bei dem Wunsch ist es nie geblieben, auch wenn ich heute eher bemüht scheine, den Sieg des Sisyphos über den Fels des Absurden zu zelebrieren. Die Parties damals standen im Zeichen der Aufbruchstimmung, des Aufbegehrens der eigenen Jugend, der Übermacht des eigenen Körpers. Heute ist die Rebellion gesetzter, aber es ist Rebellion geblieben. Eine kleine. Manchmal eine ganz kleine. Aber dann lege ich eine New Model Army-Platte auf, um mich zu erinnern, Geist und Körper. Beide spüren dann wieder diese Hitze des Aufbegehrens. Gut so!

Michael Helm

Aus dem Block …

Kaspars Gedankengang VI

… Bücher, die ich schon einmal gelesen habe, … warum lese ich die eigentlich ein weiteres Mal? … Bei 1984 ist die Antwort auf den ersten Blick banal. Es gibt 2021 acht Neuübersetzungen ins Deutsche … ob die Verlage glauben, dass ich diese nun alle lesen muss, konnte mir mein Buchhändler nur schmunzelnd beantworten …

… zwei Übersetzungen scheinen mir interessant zu sein:

George Orwell – 1984
Übersetzt von Frank Heibert
S. Fischer, 2021, 432 S.
ISBN 9783103900095

George Orwell – 1984
Übersetzt von Eike Schönfeld
Insel Verlag, 2021, 382 S.
ISBN 9783458178767

Erstere ist im Präsens übersetzt und weicht damit stilistisch erheblich vom Original ab. Ich hätte das ehrlicherweise eine Übertragung genannt … ob die Begriffe Übersetzung / Übertragung in getrennter Bedeutung so üblich sind, wie ich es empfinde, weiß ich allerdings nicht …

… Es stört mich etwas, mich an das Präsens zu gewöhnen … ich habe das Übersetzer-Nachwort bewusst noch nicht gelesen, weil ich mir erst einen eigenen Eindruck von der Idee machen möchte, die für mich auf der Hand liegt. Diese Form rückt den Stoff näher an die heutigen Leser*innen heran, in ihrer aktuellen Problematik … 

… Es ist kein Geheimnis, dass viele 1984 als ein Buch betrachten, das auch heute noch nicht an Aktualität verloren habe. Dass Orwell 1984 als Kommunismuskritik geschrieben hat, geht da etwas verloren. Für heutige Leser*innen stehen vielleicht die totalitären Mechanismen im Vordergrund, wie sie sicherlich in allen autoritären Regimen vorkommen können … welcher Ideologie auch immer. Da merkt man dem Buch – aus heutiger Sicht gelesen – auch gleich die „Schwächen“ an. Visionär beschreibt Orwell das Prinzip: Überwachbarkeit des Einzelnen bis ins Alltägliche, Kontrolle von Meinungs- und Gedankenfreiheit, Kontrolle durch das soziale Umfeld, Fälschung von Fakten, bis hinein in die Geschichte, etc. … Das alles wirkt heute, mit unseren technischen Möglichkeiten der Mediengesellschaften, die Orwell noch nicht kannte, viel bedrohlicher. 

… Fast altbacken wirkt es, wenn sich Winston Smith von den Augen des Großen Bruders überall verfolgt fühlt. Da hängen nahezu überall die Plakat mit der legendären Aufschrift Big Brother is watching you. Fast überall Mikrofone, Kameras, Telemonitore (ein Wort, das wie eine Antiquität klingt) … letztere senden nicht nur, sondern sie empfangen auch, was Winston in seiner Wohnung tut und sagt. Das geht so weit, dass Winston bemüht ist, stets seine Mimik zu kontrollieren, nicht nur, weil ihn die Technik sieht und hört, sondern auch jeder Kollege ein Spitzel des Großen Bruders sein könnte … die Welt ist voller Misstrauen … 

… das ist gleichfalls die Stärke des Buches, noch heute … es offenbart die Prinzipien des Totalitären, egal wie wir sie technisch umgesetzt sehen … heute nennen wir das Sprachassistenten, Smartphone-Technik, Social Media, Datenkrake, usw. … neutrale technische Möglichkeiten … aber wer sie missbrauchen will, kann es tun … die Prinzipien der Kontrolle sind dieselben … das totalitäre Prinzip erkennbar … offengelegt …

… ich habe 1984 als Schüler zum ersten Mal gelesen und war begeistert. Ich bin es heute auf ernüchterte Weise erneut. Wie das in den beiden Übersetzungen zum Tragen kommt – ich habe mir auch noch eine englische Fassung besorgt – wird sich zeigen … 

… Ich bin gespannt …

Kaspar Hauser

Kaspars Gedankengang V

… noch einige Gedanken zu Dave von Raphaela Edelbauer. Es hat mich dazu inspiriert Das flüssige Land von ihr hervorzuholen und in Sichtweite zu legen. Mich interessiert, ob sich der Stil, den sie in Dave verwendet, dort wiederfindet. Ich mag Autoren, die ihren Stil dem Sujet anzupassen verstehen und sich nicht darum scheren, ob Verleger und Leser dann maulen …

… die Frage beantworten, ob Dave eine Utopie ist oder eine Dystopie … eindeutig eine letztere … den eigentlichen Clou des Romans kann ich nicht verraten, obwohl man schnell merken wird, dass mit dem Erzähler des Buches etwas nicht stimmt … mit der Sprache stimmt eigentlich alles, auch wenn ihr nicht immer leicht zu folgen ist, … aber Raphaela Edelbauer nimmt ihren Stoff ernst und das spiegelt sich auch in der Art, wie sie schreibt … einige Stellen sind philosophisch durchdrungen, was mir gut gefällt … man sollte sie dann mehrfach lesen und das Zurückblättern nicht scheuen … Thema, neben dem auf der Hand liegenden der künstlichen Intelligenz (KI) und einer Welt, die durch diese geprägt sein könnte, ist die Frage nach dem Bewusstsein, der Frage, ob eine KI sich bewusst werden könne … dabei kam mir an vielen Stellen wieder die Frage nach der Verantwortung des Schöpfers in den Sinn … das verbindet das Werk mit Büchern wie Frankenstein (Mary Wollstonecraft Shelley) aber auch Ishiguros Klara und die Sonne … 

… das Buch entwickelte für mich einen Sog, dem ich mich schlecht entziehen konnte, auch in schwierigeren Passagen … zum Ende hin forciert die Autorin ein sprachliches Feuerwerk, das einen am eigenen Verstand zweifeln lässt … man weiß nicht mehr, wer wer und wo er ist … gemäß des kartesischen Grundgedankens ist die Welt der Wahrnehmung eben keine sichere, festgefügte, keine objektiv betrachtbare … ist es aber das ICH? … Ist hier jemand, weil er denkt? … ich finde das wirklich gelungen … nochmal lesen! …

… ist das Buch ein Science Fiction? Immer mal wieder werde ich nach guter Horrorliteratur gefragt und dann gehen mir natürlich auch Buchempfehlungen wie E.A. Poe, Mary Wollstonecraft Shelley und Bram Stoker durch den Kopf. Ich würde mich ja zurückhalten, sie so zu nennen … sie sind mehr … Ist Dave also ein Science Fiction? All diese Werke sind viel größer, als das populäre Genre, in das man sie stopft. Gute Science Fiction – wenn wir sie so nennen wollen – ist mehr als das. Ishiguros Buch (Klara) würde ich gar nicht erst so nennen. Dave passt sicherlich in diesen Begriff, auch wenn es ihn sprengt. Es sind nicht die Szenen einer irgendwann stattfinden Zukunft … Es sind die Fragen, die wir uns heute stellen … die wir beantworten müssen … die besten Science Fiction-Romane sind Gegenwartsromane, die mit ihren Gedanken eine Zukunft anmahnen, die uns bevorsteht, wenn wir auf diese Fragen keine Antwort finden wollen oder können …

Kaspar Hauser