Michael Helm

Berlin – Ein Reiserückblick

Ich war froh, dass Emmanuel Macron seinen Staatsbesuch abgesagt hatte. Ich wüsste nicht, wie voll und umständlich es dann geworden wäre. Ich persönlich fand mein Date mit Pallas Athene im Alten Museum auch aufregender und die Athene sehr viel attraktiver. Aber Hauptstädter*innen gehen mit solchen Staatsbesuchen ja eh sehr gelassen um. Den Christopher Street Day haben wir dann aber leider verpasst. Das bunte Treiben finde ich wunderbar. Demos gab es während unseres Besuchs allerdings genügend. Am liebsten sind mir jedoch die abendlichen „Demonstrationen“ auf den Spreewiesen; weltoffen, gelassen, ein bisschen herzlich sprachverwirrt, einfach beieinander sitzen, tanzen, schnacken und gut ist. Wir kommen schon klar.

Aus dem Leben eines Taugenichts

Sieben Uhr Abfahrt in Hannover. Nach dem Wochenende in Hamburg und mitteldeutschem Zwischenstopp geht es weiter nach OWL. Ein paar Terminchen. Da ich pünktlich sein will und der A2 bei Bad Nenndorf und Bad Eilsen nie über den Fahrweg traue, fahre ich lieber mit einer Ersatzstunde im Gepäck. Ich kenne Elfriede: Elfriede berichtete ja schon bei Hamburg von Unfall auf der A7 gemeldet oder Baustelle auf der A1 gemeldet im Minutentakt. Ihr Lieblingsspruch war: Sie fahren auf der schnellsten Route. Elfriede lügt! Kann eine Maschine lügen? Genug Zeit, im Stau darüber zu philosophieren. (more…)

Aus dem Block …

vorbei

ich kann sie drehen und wenden
ich finde meine komfortable ansicht
der dinge nicht wieder

Jon Fosse – Melancholie

Ende des 19. Jahrhunderts: Der norwegische Maler Lars Hertervig studiert in Düsseldorf Landschaftsmalerei. Er hat sich ein kleines Zimmer gemietet und verliebt sich in Helene, die fünfzehnjährige Tochter seiner Vermieter. Dieses nicht einmal richtig entflammte Verhältnis findet die Ungnade der Familie. Lars soll die Wohnung verlassen. Das Scheitern der Beziehung scheint Lars Hertervig verrückt werden zu lassen.

Was auf der inhaltlichen Ebene einfach erscheinen mag, nimmt sich in Hertervigs Denken anders aus. Denn von Anfang an ist seine Sicht der Dinge „anders“. Gedanke um Gedanke kreist in seinem Kopf, wiederholt sich, ordnet sich scheinbar neu. Niemals kommt sein Denken zu einem Abschluss. Der Geisteszustand Hertervigs grenzt an Verwirrung und seine Gedanken verwirren sich mehr und mehr durch die ihn befremdenden Erlebnisse. Sind seine Gedanken wahnhaft, Verfolgungsfantasien oder der Ausdruck seiner Realität?

Dies lässt Jon Fosse in seinem Roman „Melancholie“ offen. Er betrachtet das Geschehen aus der Sicht Hertervigs. Er versteht es in einer ausgefeilten, dem Denken dieses Menschen entsprechenden, einfachen Sprache, die subjektive Welt Hertervigs darzustellen. Das ist faszinierend und schwer zu lesen zugleich, denn die unendlichen Gedankenketten Hertervigs wälzen sich über etliche Seiten dahin. Wie einprägsam Fosses Sprache ist, stellte ich fest, als ich das Buch fortlegte. Die ewigen Wiederholungen und Wortketten begannen, von meinem Denken Besitz zu ergreifen, wie musikalische Ohrwürmer. Fast suggestiv haben sie sich in den Kopf eingeschlichen und es brauchte Zeit und Ablenkung, um sich wieder aus dieser zirkulären Gedankenwelt Hertervigs zu befreien.

Jon Fosse hat für das Denken eine Sprache geschaffen, in der Existenzielles einen einfachen Ausdruck findet. In dem, was sich zwischen den Gedankenketten auftut, rührt er an der Grenze des Unbewussten.

Mit der Geschichte Lars Hertervigs ist der Roman nicht zu Ende. Zwei weitere Erzählungen setzen an die Hertervig-Geschichte an, die sich wie die folgenden Akte eines Theaterstücks ausmachen. Generationen später werden Personen betrachtet, die mit Hertervig in familiärer Beziehung standen. Auch in diesen Erzählungen ist es der faszinierende Stil Fosses, der einen in seinen Bann zieht.