Michael Helm

Ein kleines, angenehmes Café

Freitags auf dem Block

Viele kleine Augenblicke begeistern mich in einer Landschaft, die dem Licht entspringt. Die Farben, die Kontraste zwischen ihrem kräftigen Erscheinen und der mittäglichen Bleichheit, dem alles überstrahlenden Weiß, dem lebendigen Pulsieren und dem schattigen gedämpft sein. 

Die Farben der Häuser sind die Farben der Erde. Es sind durcheinandergewürfelte, kleine Dörfer, die an einer sich durch die Landschaft schlängelnden Landstraße auftauchen. Von fern sehen sie aus, als hätte man einige Ockerwürfel behutsam in Händen gehalten und dann auf einen Hügel, in ein kleines Tal oder über ein Stück sandige Erde ausgestreut.

Auf einer solchen Landstraße erreichen wir Ménerbes, das sich über einen Hügel erstreckt. Picasso hatte dort ein Atelier. Die Gassen sind leer und weder Autos noch Menschen sind zu sehen. Zwischen den Gassen liegt Schatten. Selbst mittags findet man an einer Hauswand ein kühles Fleckchen, in dem man sich verkriechen kann.  

Grüne Tupfer an den Wänden.

Wir besuchen ein kleines Café. Vor dem Eingang stehen zwei Stühle um einen kleinen Tisch herum. Niemand hier. Als säßen sie sich stumm gegenüber und betrachteten still die leere Dorfgasse. Sie schweigen wie zwei ältere Herren. 

Wir treten ein. Leute sitzen, lesen Zeitung und trinken Café. Die großen Fenster sind weit geöffnet und geben den Blick über das grüne Tal frei. Um zehn Uhr morgens ist die Luft mild und angenehm. Das Reden der Gäste, das Rascheln der Zeitungen und der Duft des Cafés. Ich lasse mich auf einem Stuhl nieder. Strecke meine Beine aus und sehe hinaus. Ohne etwas zu sagen. 

Als der Maître des Hauses kommt, bestellen wir unseren Café Crème. Wir genießen die Stunden. Sitzen, schweigen, denken nach, lesen Camus. Hochzeit des Lichts. Noch einen Café Crème. Gedanken. 

Später wollen wir nach Loumarin weiter, das Grab Camus´ besuchen, auf dem Markt schlendern, erneut in einem Café sitzen. Aber das kann warten. 

Michael Helm

Aus dem Block …

Samstag ist Lesung!

Juli Zeh – Corpus Delicti
22.01.2022 | Stadtbücherei Spenge | 19.30 Uhr | Infos

Kaspars Gedankengang XI

„Bei aller Schläue hatten sie das Geheimnis, was ein anderer dachte, noch nicht gelüftet. Vielleicht traf das weniger zu, wenn sie einen in der Hand hatten. Man wusste nicht, was im Liebesministerium geschah, aber vermuten konnte man es: Folter, Drogen, empfindliche Apparate, die die Nervenreaktionen registrierten, allmähliche Zermürbung durch Schlafentzug, Einsamkeit und unablässig Verhöre. Tatsachen jedenfalls ließen sich nicht verheimlichen. Die ließen sich durch Fragen erhalten und durch Folter herauspressen. Doch wenn es nicht das Ziel war, am Leben, sondern ein Mensch zu bleiben, was änderte das letztlich groß? Die Gefühle konnten sie nicht ändern, das konnte man ja nicht einmal selbst, auch wenn man es wollte.
Was man getan, gesagt oder gedacht hatte, das konnten sie alles bis ins Kleinste aufdecken, das Innerste aber, dessen Funktionsweise sogar einem selbst ein Rätsel war, das blieb unangreifbar.“

George Orwell, 1984, Insel, 2021,
übersetzt von Eike Schönfeld, S. 223

… ich hänge noch immer in der Lektüre von 1984 fest … kann man so sagen … immer wieder suche ich mir einzelne Szenen heraus, über die ich eine Nacht lang nachgrüble … hier eine aus der Übersetzung von Eike Schönfeld, die in der bisherigen Betrachtung vielleicht etwas kurz gekommen ist …

… Was mich an diesem Auszug so schockiert, ist die Trostlosigkeit der wiederholten Lektüre … warum das? … Ich mochte Orwell beim ersten Lesen damals am Ende der Passage so gerne recht geben, aber er zeigt am Ende seines Buches, dass auch das möglich ist: Nichts bleibt in 1984 unangreifbar, selbst die Liebe nicht, selbst das „Menschbleiben“ nicht. Menschen sind so verdammt beeinflussbar. Es muss nicht einmal durch Folter geschehen, möchte ich 2021 hinzufügen …

… in einer zweiten Szene schildert Orwell, wie während einer Propagandaveranstaltung, während einer Rede des Funktionärs, während eines einzigen Satzes sich die Tatsachen zu ändern scheinen, auf denen die Propaganda fußt: Ozeanien liegt plötzlich nicht mehr mit Eurasien im Krieg, sondern von einer Sekunde auf die andere wird der Krieg mit der anderen Partei, dem ehemaligen Verbündeten Ostasien propagiert. Mit Eurasien sei man doch schon ewig verbündet! … Alle Fakten werden in ihr Gegenteil verkehrt … die Maschinerie der Vergangenheitsfälschung wird wieder angeworfen … die Vergangenheit wieder einmal getilgt, ersetzt … die Lüge durch eine weitere Lüge ausgetauscht …

… Beeindruckend allerdings, wie schnell das geht … wie innerhalb eines Moments die Meinung der Menschen manipulierbar ist … Während der Rede des Funktionärs nehmen es die Menschenmassen hin. Der Redner beendet den Satz im Lichte der neuen Fakten, der neuen Wahrheiten … Wir liegen im Krieg mit Ostasien! … war nie anders … wer anderes behauptet, ist Staatsfeind! … wer anderes denkt … Gedankenverbrecher! … Fakten werden zu Lügen … Lügen zur Wahrheit … und obwohl alles noch vor einer Sekunde das Gegenteil zu sein schien … es wird von den Menschen, die dem Redner euphorisch zujubeln, geglaubt … alte Plakate werden von den Wänden gerissen … Fake News! … nieder mit der Feindpropaganda! … es lebe die Partei! … es lebe der große Bruder! … Wahrheit mit einer Halbwertszeit von Sekunden …

… kommt uns irgendwie bekannt vor?

Kaspar Hauser