Michael Helm

Piazza Navona

Römische Plätze IV

Die Piazza Navona gilt – wohl zu Recht – als einer der interessantesten Plätze der Welt, will mir ein populärer Reiseführer einreden. Und aufregend ist sie, die Piazza in ihrer Größe, mit ihren Brunnen und ihrem bunten Leben. Allein, sie ist nicht so bescheiden wie das einstige Blumenfeld, der Campo de´ Fiori. Vielleicht liegt es an ihrer hohen Herkunft, weil sie sich einst als Arena des Domitian bezeichnen durfte. An ihrem nördlichen Ende findet man die Piazza noch heute abgerundet. Die Menschen des Mittelalters – die wohl mehr auf ihr alltägliches Weiterleben bedacht sein mussten – errichteten ihre Häuser auf den Rängen der Arena eines zerfallenen Weltreichs. Die Außenmauern wurden einfach in die Bauten integriert. Man ließ die Trümmer nicht verkommen, sie waren zu wertvoll. Und so bewahrt die Piazza noch heute die Form der einstigen Arena, und das nicht ohne Stolz. 

Für Goethe war die Arena ein beeindruckender Ort, da man das Volk mit sich selbst zu imponieren verstand. Das touristische Treiben auf der Piazza Navona, lässt einen auf die Idee kommen, dass sich daran bis heute nichts geändert hat. Um die drei Brunnen scharen sich die Menschen, und die Gaukler versuchen im Lichte des Abends zu tun, was sie am besten können: den Menschen etwas vormachen! Ist es doch angenehm, sich in Rom ein wenig entführen zu lassen. An der Fontana dei Fiumi ist der Andrang des Publikums am größten. Bernini verstand es, die Blicke auf seinen Brunnen zu ziehen. Und während die vier großen Flüsse der Fontana – der Nil, die Donau, der Rio de la Plata und der Ganges – eindrucksvoll in alle Himmelsrichtungen strömen, versuchen die Clowns, die Tänzer, Akrobaten und Musiker, die Aufmerksamkeit der vorbeiströmenden Massen wiederzugewinnen und um ihre eigene kleine Welt im Kreise der Zuschauer zu scharen. 

Ein Eulenspiegel drängt sich aus der Gauklersippschaft besonders hervor. Der Mann treibt seine Späße auf Kosten der Leute, in dem er sie hereinlegt. Den aufgeputzten Frauen schaut er unter den Rock, anderen Damen beißt er wie ein Straßenköter in die Waden und es gibt keine lächerliche Pose, die er den Passanten nicht abschaut und pantomimisch ins Groteske zu steigern vermag. Dennoch will die Menge seiner potenziellen Opfer nicht kleiner werden. Nur sind die Leute stets bedacht, nicht in der vordersten Reihe zu stehen und dem Schelm in die Fänge zu gehen, was das Publikum fortwährend in auffällig hektische Bewegung versetzt. Der Kreis um den Narren lichtet sich nicht: Die Faszination, über den Tollpatsch gegenüber zu lachen, wirkt stärker, als die Gefahr selbst gefoppt zu werden. Dies haben die Eulenspiegel dieser Welt schon immer zu nutzen gewusst.

Im Spiel der Straßenkünstler, beim Rauschen des Vierströmebrunnens des Bernini und im kunstvollen Glanz der Laternen rund um die Piazza fällt kaum mehr ein einzelner Mann auf. Der Menschenstrom hat seinen Ufersaum, an dem die Leute in die Restaurants schwappen, bildet um die Kleinkünstler herum Strudel oder am Rande kleine abwegige Flüsschen, die vom großen Strom unbemerkt in die Seitengassen verschwinden. 

Auch ich lasse mich an der Fontana dei Fiumi verzaubern, als mir doch noch ein einzelner Mann auffällt. Er steht zwischen den Malern, die ihre romantischen Stadtansichten präsentieren, die sich in aller Welt gleichen. Weichgezeichnete Foren, Trajanssäulen und Petersplätze, die in unendlicher Zahl auf den Staffeleien ausgestellt und von skurrilen Figuren angepriesen werden. Gern stilisieren sie das Gesicht einer Touristin hinauf in den Glanz eine Hollywooddiva. 

Absurd, aber der Mann in der Menge fällt mir auf, weil er in dem skurrilen Haufen der Maler eher unauffällig erscheint. Ein grauer Anzug, eine passende einfarbige Krawatte, darüber ein offener Trench und braune Lederschuhe. Ein Beckettgesicht. Aufrecht steht er neben seiner Staffelei und einem Karton mit kleinen Romansichten im Postkartenformat. Seine Blicke, seine Mimik, seine Bewegungen erinnern mich eher an die eines Bankangestellten. Ein Handy scheint ihm in die Hand gewachsen, doch auf seine wiederholten Anrufe will niemand sich melden. Der Mann spricht auch nicht. Beiläufig sortiert er die Kartenansichten in seinem Karton, während er unaufhörlich zu telefonieren scheint. Vielleicht hört er aktuelle Börsenzahlen ab oder lange Nachrichten seiner Mailbox? Er schlägt den Kragen hoch, der das nicht mitmacht, und wenn er über die Piazza schaut, spielt er unbeholfen mit den Fingern an seinem Mantelsaum. Er blickt über die Piazza und erscheint wörtlich genommen deplatziert. Anzug und Schuhe sind aufgetragen, die Krawatte hat einen dezenten Fleck. Alles an ihm ist nicht mehr neu, doch der Mann scheint sehr bemüht, alles in einem solchen Zustand zu halten, als könne er die alltägliche Abnutzung verhindern. 

Um ihn herum die Maler, ihre italienischen Gebärden und Worte. Er aber spricht nicht. Potenzielle Kunden gehen an ihm vorüber, schauen lieber die Bilder eines Baskenmützenträgers oder des Mannes mit langen zusammengebundenen Haaren und Lederweste an. Doch auch am Bankschalter würden sich die Kunden vermutlich nicht in die Schlange einordnen, für die der Herr im Anzug zuständig wäre. Da lenken mich schon die Gitarrenklänge eines alten Songs der Beatles ab, ein Japaner, der seine Frau im Gewühl um den Berninibrunnen fotografiert, ein einzelner Violinespieler. Zwei geschulte Tänzer bauen pantomimisch den Ulk ein, den unsere Zeit zum Merkmal angeblicher Leichtigkeit bestimmt hat. Die Piazza Navona ist Unterhaltung, ist Ablenkung. Nur der Herr im Anzug versucht weiterhin seine Bilder feilzubieten, während er unermüdlich telefoniert. 

Michael Helm

Aus dem Block …

Kaspars Gedankengang VI

… Bücher, die ich schon einmal gelesen habe, … warum lese ich die eigentlich ein weiteres Mal? … Bei 1984 ist die Antwort auf den ersten Blick banal. Es gibt 2021 acht Neuübersetzungen ins Deutsche … ob die Verlage glauben, dass ich diese nun alle lesen muss, konnte mir mein Buchhändler nur schmunzelnd beantworten …

… zwei Übersetzungen scheinen mir interessant zu sein:

George Orwell – 1984
Übersetzt von Frank Heibert
S. Fischer, 2021, 432 S.
ISBN 9783103900095

George Orwell – 1984
Übersetzt von Eike Schönfeld
Insel Verlag, 2021, 382 S.
ISBN 9783458178767

Erstere ist im Präsens übersetzt und weicht damit stilistisch erheblich vom Original ab. Ich hätte das ehrlicherweise eine Übertragung genannt … ob die Begriffe Übersetzung / Übertragung in getrennter Bedeutung so üblich sind, wie ich es empfinde, weiß ich allerdings nicht …

… Es stört mich etwas, mich an das Präsens zu gewöhnen … ich habe das Übersetzer-Nachwort bewusst noch nicht gelesen, weil ich mir erst einen eigenen Eindruck von der Idee machen möchte, die für mich auf der Hand liegt. Diese Form rückt den Stoff näher an die heutigen Leser*innen heran, in ihrer aktuellen Problematik … 

… Es ist kein Geheimnis, dass viele 1984 als ein Buch betrachten, das auch heute noch nicht an Aktualität verloren habe. Dass Orwell 1984 als Kommunismuskritik geschrieben hat, geht da etwas verloren. Für heutige Leser*innen stehen vielleicht die totalitären Mechanismen im Vordergrund, wie sie sicherlich in allen autoritären Regimen vorkommen können … welcher Ideologie auch immer. Da merkt man dem Buch – aus heutiger Sicht gelesen – auch gleich die „Schwächen“ an. Visionär beschreibt Orwell das Prinzip: Überwachbarkeit des Einzelnen bis ins Alltägliche, Kontrolle von Meinungs- und Gedankenfreiheit, Kontrolle durch das soziale Umfeld, Fälschung von Fakten, bis hinein in die Geschichte, etc. … Das alles wirkt heute, mit unseren technischen Möglichkeiten der Mediengesellschaften, die Orwell noch nicht kannte, viel bedrohlicher. 

… Fast altbacken wirkt es, wenn sich Winston Smith von den Augen des Großen Bruders überall verfolgt fühlt. Da hängen nahezu überall die Plakat mit der legendären Aufschrift Big Brother is watching you. Fast überall Mikrofone, Kameras, Telemonitore (ein Wort, das wie eine Antiquität klingt) … letztere senden nicht nur, sondern sie empfangen auch, was Winston in seiner Wohnung tut und sagt. Das geht so weit, dass Winston bemüht ist, stets seine Mimik zu kontrollieren, nicht nur, weil ihn die Technik sieht und hört, sondern auch jeder Kollege ein Spitzel des Großen Bruders sein könnte … die Welt ist voller Misstrauen … 

… das ist gleichfalls die Stärke des Buches, noch heute … es offenbart die Prinzipien des Totalitären, egal wie wir sie technisch umgesetzt sehen … heute nennen wir das Sprachassistenten, Smartphone-Technik, Social Media, Datenkrake, usw. … neutrale technische Möglichkeiten … aber wer sie missbrauchen will, kann es tun … die Prinzipien der Kontrolle sind dieselben … das totalitäre Prinzip erkennbar … offengelegt …

… ich habe 1984 als Schüler zum ersten Mal gelesen und war begeistert. Ich bin es heute auf ernüchterte Weise erneut. Wie das in den beiden Übersetzungen zum Tragen kommt – ich habe mir auch noch eine englische Fassung besorgt – wird sich zeigen … 

… Ich bin gespannt …

Kaspar Hauser

Kaspars Gedankengang V

… noch einige Gedanken zu Dave von Raphaela Edelbauer. Es hat mich dazu inspiriert Das flüssige Land von ihr hervorzuholen und in Sichtweite zu legen. Mich interessiert, ob sich der Stil, den sie in Dave verwendet, dort wiederfindet. Ich mag Autoren, die ihren Stil dem Sujet anzupassen verstehen und sich nicht darum scheren, ob Verleger und Leser dann maulen …

… die Frage beantworten, ob Dave eine Utopie ist oder eine Dystopie … eindeutig eine letztere … den eigentlichen Clou des Romans kann ich nicht verraten, obwohl man schnell merken wird, dass mit dem Erzähler des Buches etwas nicht stimmt … mit der Sprache stimmt eigentlich alles, auch wenn ihr nicht immer leicht zu folgen ist, … aber Raphaela Edelbauer nimmt ihren Stoff ernst und das spiegelt sich auch in der Art, wie sie schreibt … einige Stellen sind philosophisch durchdrungen, was mir gut gefällt … man sollte sie dann mehrfach lesen und das Zurückblättern nicht scheuen … Thema, neben dem auf der Hand liegenden der künstlichen Intelligenz (KI) und einer Welt, die durch diese geprägt sein könnte, ist die Frage nach dem Bewusstsein, der Frage, ob eine KI sich bewusst werden könne … dabei kam mir an vielen Stellen wieder die Frage nach der Verantwortung des Schöpfers in den Sinn … das verbindet das Werk mit Büchern wie Frankenstein (Mary Wollstonecraft Shelley) aber auch Ishiguros Klara und die Sonne … 

… das Buch entwickelte für mich einen Sog, dem ich mich schlecht entziehen konnte, auch in schwierigeren Passagen … zum Ende hin forciert die Autorin ein sprachliches Feuerwerk, das einen am eigenen Verstand zweifeln lässt … man weiß nicht mehr, wer wer und wo er ist … gemäß des kartesischen Grundgedankens ist die Welt der Wahrnehmung eben keine sichere, festgefügte, keine objektiv betrachtbare … ist es aber das ICH? … Ist hier jemand, weil er denkt? … ich finde das wirklich gelungen … nochmal lesen! …

… ist das Buch ein Science Fiction? Immer mal wieder werde ich nach guter Horrorliteratur gefragt und dann gehen mir natürlich auch Buchempfehlungen wie E.A. Poe, Mary Wollstonecraft Shelley und Bram Stoker durch den Kopf. Ich würde mich ja zurückhalten, sie so zu nennen … sie sind mehr … Ist Dave also ein Science Fiction? All diese Werke sind viel größer, als das populäre Genre, in das man sie stopft. Gute Science Fiction – wenn wir sie so nennen wollen – ist mehr als das. Ishiguros Buch (Klara) würde ich gar nicht erst so nennen. Dave passt sicherlich in diesen Begriff, auch wenn es ihn sprengt. Es sind nicht die Szenen einer irgendwann stattfinden Zukunft … Es sind die Fragen, die wir uns heute stellen … die wir beantworten müssen … die besten Science Fiction-Romane sind Gegenwartsromane, die mit ihren Gedanken eine Zukunft anmahnen, die uns bevorsteht, wenn wir auf diese Fragen keine Antwort finden wollen oder können …

Kaspar Hauser