Michael Helm

Zufällig

Erzähl-Miniatur von Michael Helm

Kolja war nicht mehr jung. Kolja war nicht mehr schön. Kolja war auch nur zufällig hier. Es war stickig auf dem Platz, aber die Strickmütze trug er immer. Seine schlichte Jacke hatte er im Rettungshangar organisiert. Dort kümmerte man sich, wenn er Ruhe brauchte. Eine Zigarette ohne Gequatsche und den Stress auf der Straße. Das Bolschoi erstrahlte im Licht. Kolja sah aus einiger Entfernung hinüber. Nah genug, um die junge Frau zu betrachten. Weit genug, um nicht gesehen zu werden. Sie war jung. Sie war schön. Sie warf sich in Pose vor dem Bolschoi. Ihre Haare flogen im Wind, den ein kleiner Handventilator erzeugte. Sie lachte, sie strahlte, streckte und drehte sich in ihrem engen Kleid. Sie machte ein gutes Bild vor dem Bolschoi. Der Mann fotografierte sie mit seinem Smartphone. Hundertmal. Ein Bild für die Welt. Nein, Kolja war nicht mehr jung. Kolja war nicht mehr schön. Und während die Dame von Welt zwischen den Säulen des Bolschoi-Theaters verschwand, suchte sich Kolja eine Bleibe für die kommende Nacht. Er war ja nur zufällig hier.

Matinee in Herford über Moskau-Reise

Am Sonntag (24.11.19 | 10.30 Uhr) ist es in der Stadtbibliothek Herford wieder soweit: Matinee mit Lesung, netten Gesprächen und spannenden Themen. Auf dem Programm: Moskau – Ein literarischer Spaziergang durch Russlands Hauptstadt.

2017 war ich eingeladen, die russische Metropole zu besuchen. An der Deutschen Schule habe ich ein Leseprojekt gemacht, meine Europa-Lesung gehalten und natürlich habe ich es mir nicht nehmen lassen, so viel wie möglich von der Stadt zu erkunden. Wie immer wird mein Blick ein sehr literarischer sein. Sie können sitzen bleiben und genießen. Keine müden Beine, kein Freizeitstress. Nur lauschen und erkunden, in der Literatur.

Ich freue mich auf Sie. Infos

mh

Bildquelle: pixabay

Leseprojekt in Moskau

Das Team, das an der Deutschen Schule in Moskau am Leseprojekt teilnahm: Zwei Tage Projektarbeit, plus Durchlauf- und Technikproben, Generalprobe und schließlich, nervös erwartet und toll umgesetzt, der Auftritt in der riesigen Schulaula voller SchülerInnen.

Es waren tolle Tage mit euch! Danke.

mh

Aus dem Block …

Samstag ist Lesung!

Juli Zeh – Corpus Delicti
22.01.2022 | Stadtbücherei Spenge | 19.30 Uhr | Infos

Kaspars Gedankengang XI

„Bei aller Schläue hatten sie das Geheimnis, was ein anderer dachte, noch nicht gelüftet. Vielleicht traf das weniger zu, wenn sie einen in der Hand hatten. Man wusste nicht, was im Liebesministerium geschah, aber vermuten konnte man es: Folter, Drogen, empfindliche Apparate, die die Nervenreaktionen registrierten, allmähliche Zermürbung durch Schlafentzug, Einsamkeit und unablässig Verhöre. Tatsachen jedenfalls ließen sich nicht verheimlichen. Die ließen sich durch Fragen erhalten und durch Folter herauspressen. Doch wenn es nicht das Ziel war, am Leben, sondern ein Mensch zu bleiben, was änderte das letztlich groß? Die Gefühle konnten sie nicht ändern, das konnte man ja nicht einmal selbst, auch wenn man es wollte.
Was man getan, gesagt oder gedacht hatte, das konnten sie alles bis ins Kleinste aufdecken, das Innerste aber, dessen Funktionsweise sogar einem selbst ein Rätsel war, das blieb unangreifbar.“

George Orwell, 1984, Insel, 2021,
übersetzt von Eike Schönfeld, S. 223

… ich hänge noch immer in der Lektüre von 1984 fest … kann man so sagen … immer wieder suche ich mir einzelne Szenen heraus, über die ich eine Nacht lang nachgrüble … hier eine aus der Übersetzung von Eike Schönfeld, die in der bisherigen Betrachtung vielleicht etwas kurz gekommen ist …

… Was mich an diesem Auszug so schockiert, ist die Trostlosigkeit der wiederholten Lektüre … warum das? … Ich mochte Orwell beim ersten Lesen damals am Ende der Passage so gerne recht geben, aber er zeigt am Ende seines Buches, dass auch das möglich ist: Nichts bleibt in 1984 unangreifbar, selbst die Liebe nicht, selbst das „Menschbleiben“ nicht. Menschen sind so verdammt beeinflussbar. Es muss nicht einmal durch Folter geschehen, möchte ich 2021 hinzufügen …

… in einer zweiten Szene schildert Orwell, wie während einer Propagandaveranstaltung, während einer Rede des Funktionärs, während eines einzigen Satzes sich die Tatsachen zu ändern scheinen, auf denen die Propaganda fußt: Ozeanien liegt plötzlich nicht mehr mit Eurasien im Krieg, sondern von einer Sekunde auf die andere wird der Krieg mit der anderen Partei, dem ehemaligen Verbündeten Ostasien propagiert. Mit Eurasien sei man doch schon ewig verbündet! … Alle Fakten werden in ihr Gegenteil verkehrt … die Maschinerie der Vergangenheitsfälschung wird wieder angeworfen … die Vergangenheit wieder einmal getilgt, ersetzt … die Lüge durch eine weitere Lüge ausgetauscht …

… Beeindruckend allerdings, wie schnell das geht … wie innerhalb eines Moments die Meinung der Menschen manipulierbar ist … Während der Rede des Funktionärs nehmen es die Menschenmassen hin. Der Redner beendet den Satz im Lichte der neuen Fakten, der neuen Wahrheiten … Wir liegen im Krieg mit Ostasien! … war nie anders … wer anderes behauptet, ist Staatsfeind! … wer anderes denkt … Gedankenverbrecher! … Fakten werden zu Lügen … Lügen zur Wahrheit … und obwohl alles noch vor einer Sekunde das Gegenteil zu sein schien … es wird von den Menschen, die dem Redner euphorisch zujubeln, geglaubt … alte Plakate werden von den Wänden gerissen … Fake News! … nieder mit der Feindpropaganda! … es lebe die Partei! … es lebe der große Bruder! … Wahrheit mit einer Halbwertszeit von Sekunden …

… kommt uns irgendwie bekannt vor?

Kaspar Hauser