Michael Helm

Kaspars Gedankengang XI

„Bei aller Schläue hatten sie das Geheimnis, was ein anderer dachte, noch nicht gelüftet. Vielleicht traf das weniger zu, wenn sie einen in der Hand hatten. Man wusste nicht, was im Liebesministerium geschah, aber vermuten konnte man es: Folter, Drogen, empfindliche Apparate, die die Nervenreaktionen registrierten, allmähliche Zermürbung durch Schlafentzug, Einsamkeit und unablässig Verhöre. Tatsachen jedenfalls ließen sich nicht verheimlichen. Die ließen sich durch Fragen erhalten und durch Folter herauspressen. Doch wenn es nicht das Ziel war, am Leben, sondern ein Mensch zu bleiben, was änderte das letztlich groß? Die Gefühle konnten sie nicht ändern, das konnte man ja nicht einmal selbst, auch wenn man es wollte.
Was man getan, gesagt oder gedacht hatte, das konnten sie alles bis ins Kleinste aufdecken, das Innerste aber, dessen Funktionsweise sogar einem selbst ein Rätsel war, das blieb unangreifbar.“

George Orwell, 1984, Insel, 2021,
übersetzt von Eike Schönfeld, S. 223

… ich hänge noch immer in der Lektüre von 1984 fest … kann man so sagen … immer wieder suche ich mir einzelne Szenen heraus, über die ich eine Nacht lang nachgrüble … hier eine aus der Übersetzung von Eike Schönfeld, die in der bisherigen Betrachtung vielleicht etwas kurz gekommen ist …

… Was mich an diesem Auszug so schockiert, ist die Trostlosigkeit der wiederholten Lektüre … warum das? … Ich mochte Orwell beim ersten Lesen damals am Ende der Passage so gerne recht geben, aber er zeigt am Ende seines Buches, dass auch das möglich ist: Nichts bleibt in 1984 unangreifbar, selbst die Liebe nicht, selbst das „Menschbleiben“ nicht. Menschen sind so verdammt beeinflussbar. Es muss nicht einmal durch Folter geschehen, möchte ich 2021 hinzufügen …

… in einer zweiten Szene schildert Orwell, wie während einer Propagandaveranstaltung, während einer Rede des Funktionärs, während eines einzigen Satzes sich die Tatsachen zu ändern scheinen, auf denen die Propaganda fußt: Ozeanien liegt plötzlich nicht mehr mit Eurasien im Krieg, sondern von einer Sekunde auf die andere wird der Krieg mit der anderen Partei, dem ehemaligen Verbündeten Ostasien propagiert. Mit Eurasien sei man doch schon ewig verbündet! … Alle Fakten werden in ihr Gegenteil verkehrt … die Maschinerie der Vergangenheitsfälschung wird wieder angeworfen … die Vergangenheit wieder einmal getilgt, ersetzt … die Lüge durch eine weitere Lüge ausgetauscht …

… Beeindruckend allerdings, wie schnell das geht … wie innerhalb eines Moments die Meinung der Menschen manipulierbar ist … Während der Rede des Funktionärs nehmen es die Menschenmassen hin. Der Redner beendet den Satz im Lichte der neuen Fakten, der neuen Wahrheiten … Wir liegen im Krieg mit Ostasien! … war nie anders … wer anderes behauptet, ist Staatsfeind! … wer anderes denkt … Gedankenverbrecher! … Fakten werden zu Lügen … Lügen zur Wahrheit … und obwohl alles noch vor einer Sekunde das Gegenteil zu sein schien … es wird von den Menschen, die dem Redner euphorisch zujubeln, geglaubt … alte Plakate werden von den Wänden gerissen … Fake News! … nieder mit der Feindpropaganda! … es lebe die Partei! … es lebe der große Bruder! … Wahrheit mit einer Halbwertszeit von Sekunden …

… kommt uns irgendwie bekannt vor?

Kaspar Hauser

Kaspars Gedankengang VIII

… bevor ich mir einige Gedanken über die Übersetzung des Buchs 1984 mache, erst einmal Folgendes … 

… Winston Smith lebt in London im Jahr 1984 … Das liegt in der Zukunft, jedenfalls vom Jahr der Entstehung des Romans aus betrachtet, der 1949 das erste Mal erschienen ist … Die Welt ist in drei Großmächte aufgeteilt, die permanent miteinander im Krieg liegen. Im EngSoz (Englischer Sozialismus) herrscht eine einzige Partei über das Land und die Großmacht Ozeanien. Ihr Führer ist der Große Bruder. Sein Konterfei findet sich auf Plakaten, die überall hängen, selbst in den Häusern. In allen Wohnungen gibt es Telemonitore, die Propaganda zeigen und Bild und Ton aus den Wohnungen empfangen. Die Menschen werden rund um die Uhr überwacht. Man kann die Telemonitore nicht ausschalten. In jedem Kollegen und jeder Kollegin muss Winston einen potentiellen Spitzel der Partei vermuten. Gesprochen wird neben Altsprech, dem vorher gängigen Englisch, Neusprech … reduziertes Vokabular … eingeschränkte Wortbedeutungen … bis zur Unkenntlichkeit simplifizierte Grammatik … Einschränkung des Denkens auf sprachlicher Ebene … Verfolgung droht Winston schon bei einem falschen Gedanken … das wird von der Gedankenpolizei (Denkpol) überwacht … 

… Die Vergangenheit ist manipulierbar. Winston fälscht alte Times-Auflagen, indem er Nachrichten anpasst, Meldungen korrigiert, Daten verändert, Menschen verschwinden lässt, die das Regime hat verschwinden lassen, neue Biografien, neue Personen erfindet. Einmal korrigiert, hat es nie eine andere Vergangenheit gegeben, nie eine andere Wahrheit, als die augenblickliche. Beweise werden in einem übermächtigen Bürokratieapparat vernichtet. Seine persönlichen Erinnerungen an eine abweichende Vergangenheit sind „falsch“. Wollte er auf ihnen bestehen, machte er sich eines Gedankenverbrechens schuldig. Es hat nie eine andere Vergangenheit gegeben! Winston verändert die historischen Fakten und weiß, dass sie nie anders waren, als jetzt. Doppeldenk heißt diese Art des gewünschten Denkens … 

… Die Partei und der Große Bruder sind der Garant für Wohlstand, Fortschritt und Frieden. Das London der Zeit ist verarmt und heruntergekommen. Wissenschaft und Kultur, freies Denken und Handeln sind unerwünscht. Es herrscht ununterbrochen Krieg mit einer anderen Macht … Doppeldenk … 

… Andersdenkende sind Feinde … werden Sündenböcke … werden verfolgt, inhaftiert, umerzogen oder vernichtet …

… in einer kleinen Nische seiner Wohnung – durch Zufall vom Telemonitor unbeobachtet – beginnt Winston ein Tagebuch zu schreiben. Ein Verbrechen. Er verliebt sich in Julia und wird sich heimlich mit ihr verabreden. Ein Verbrechen. Sie umgehen den Überwachungsstaat und suchen Rückzug in ihrer Liebe. Ein Verbrechen. Die Liebe der beiden fliegt auf. Was Winston nun droht, wird im letzten Teil des Buches durchexerziert. Die Ausübung jeglicher Gewalt des Regimes über den Einzelnen, um ihn zu brechen …

„Syme ist verschwunden. Eines Morgens fehlt er bei der Arbeit: Ein paar gedankenlose Leute machen Bemerkungen. Am nächsten Tag nicht mehr. Am dritten Tag geht Winston in den Vorraum der Abteilung Archiv, zum Schwarzen Brett. Einer der Aushänge ist die ausgedruckte Mitgliederliste des Schachkomitees, zu dem Syme gehört. Sie sieht fast genauso aus wie zuvor – nichts Durchgestrichenes -, aber sie ist um einen Namen kürzer. Das reicht. Syme existiert nicht mehr: er hat nie existiert.“

George Orwell – 1984
übersetzt von Frank Heibert
(Fischer, 2021, S. 198)

… Keine schöne neue Welt, die George Orwell in 1984 geschrieben hat, eine Dystopie. Eine Warnung vor jeder Form des Totalitarismus. Seine Kritik am kommunistischen System ist unüberlesbar, aber so allgemeingültig dargestellt, dass sie bis in unsere heutigen Tage trifft. Egal welche Ideologien dahinter stecken mögen, das Prinzip, die Mechanismen, Menschen totalitär zu beherrschen, bleiben gültig …

Kaspar Hauser

Kaspars Gedankengang VII

… ein paar nächtliche Gedanken … sprach mit einem jungen Mann über 1984, er hätte das Buch in der Schule gelesen … immerhin, er fand es nicht so schlecht, wie den Quark, den er sonst hätte lesen müssen … aber begeistert hatte es ihn nicht … Wir redeten lange. Er erzählte von dieser und jener Szene. Ich fragte mich, warum er so viel über eine Lektüre zu erzählen wusste, die ihn nicht begeisterte … Ich dachte über eigene Schullektüren nach … während er weiter erzählte … wir kamen über 1984 vom Hölzchen auf´s Stöckchen unserer Tage … und er erzählte … was er denn sonst so lese? … eigentlich gar nichts … und er erzählte wieder über das Buch … ich war irritiert und fragte endlich nach … ach weißt du, es war eben in der Schulzeit, konnte ich es da gut finden? … ich schwieg und schmunzelte …

Kaspar Hauser

Kaspars Gedankengang I

… Gedankenstrom, wann der anfing weiß ich nicht … wann man anfing zu lesen kann man vielleicht sagen // da muss der Satz schon abbrechen, weil ich mich selber der Lüge bezichtigen muss: In der Schule habe ich zwar angefangen zu lesen, aber wann war der Punkt erreicht, von dem an ich wirklich las? … Ich will sagen, wann begann ich über das Gelesene nachzudenken? das nachzudenken, was andere darüber dachten? wann kam Eigenes hinzu? war es eigen oder war es gehört und nur nicht mehr gewusst, wo? … Wie bin ich in dem Gedankengang an den Punkt gekommen … zum jetzt, zum hier … und zu den beiden in diesem Jahr erschienen Büchern, die mir im Augenblick nicht aus dem Kopf wollen …

Kazuo Ishiguro – Klara und die Sonne
Roman, Blessing, 2021, 352 S.
isbn/ean: 9783896676931

Edelbauer, Raphaela – Dave
Roman, Klett-Cotta, 2021, 432 S.
isbn/ean: 9783608964738

Ich weiß es nicht. Normalerweise lese ich innerhalb eines Kontextes: Bücher eines Autoren, einer Autorin … ich versenke mich gerne längere Zeit in den Kosmos eines Menschen – hier nicht. Vielleicht war es Ishiguro? Vieles habe ich von ihm gelesen, bevor er höchstdekoriert mit dem Nobelpreis wurde. Wartete und wartete auf Neues … endlich! Sofort gekauft, sofort gelesen. Die Blisterung war kaum runter, da war ich durch und ich dachte: Schreib etwas darüber. Der nächste Gedanke. Alles, was du darüber schreibst, nimmt der nächsten Leser*in die Freude, es selbst zu entdecken. Das gilt für fast alle Bücher, aber hier doch besonders. Immer wieder war ich neugierig, was Ishiguro aus dem machen würde, was er mir bereits erzählt hatte … einen Science Fiction … Utopie, Dystopie … Gesellschaftskritik … Fortschrittsbedenken … (Alles zu kurz gegriffen, oder?) … Legte es fort auf mein Lesepult. Daneben lag Dave. Ich dachte noch über Ishiguro nach und fand Dave …

… zwei Bücher, die unterschiedlicher kaum sein könnten, finden in meinem Kopf zueinander. Das Thema scheint ähnlich, ja. Aber wie gehen die beiden da ran? Cliffhanger. Wortstrompause …

Kaspar Hauser

Aus dem Block …

Samstag ist Lesung!

Juli Zeh – Corpus Delicti
22.01.2022 | Stadtbücherei Spenge | 19.30 Uhr | Infos

Kaspars Gedankengang XI

„Bei aller Schläue hatten sie das Geheimnis, was ein anderer dachte, noch nicht gelüftet. Vielleicht traf das weniger zu, wenn sie einen in der Hand hatten. Man wusste nicht, was im Liebesministerium geschah, aber vermuten konnte man es: Folter, Drogen, empfindliche Apparate, die die Nervenreaktionen registrierten, allmähliche Zermürbung durch Schlafentzug, Einsamkeit und unablässig Verhöre. Tatsachen jedenfalls ließen sich nicht verheimlichen. Die ließen sich durch Fragen erhalten und durch Folter herauspressen. Doch wenn es nicht das Ziel war, am Leben, sondern ein Mensch zu bleiben, was änderte das letztlich groß? Die Gefühle konnten sie nicht ändern, das konnte man ja nicht einmal selbst, auch wenn man es wollte.
Was man getan, gesagt oder gedacht hatte, das konnten sie alles bis ins Kleinste aufdecken, das Innerste aber, dessen Funktionsweise sogar einem selbst ein Rätsel war, das blieb unangreifbar.“

George Orwell, 1984, Insel, 2021,
übersetzt von Eike Schönfeld, S. 223

… ich hänge noch immer in der Lektüre von 1984 fest … kann man so sagen … immer wieder suche ich mir einzelne Szenen heraus, über die ich eine Nacht lang nachgrüble … hier eine aus der Übersetzung von Eike Schönfeld, die in der bisherigen Betrachtung vielleicht etwas kurz gekommen ist …

… Was mich an diesem Auszug so schockiert, ist die Trostlosigkeit der wiederholten Lektüre … warum das? … Ich mochte Orwell beim ersten Lesen damals am Ende der Passage so gerne recht geben, aber er zeigt am Ende seines Buches, dass auch das möglich ist: Nichts bleibt in 1984 unangreifbar, selbst die Liebe nicht, selbst das „Menschbleiben“ nicht. Menschen sind so verdammt beeinflussbar. Es muss nicht einmal durch Folter geschehen, möchte ich 2021 hinzufügen …

… in einer zweiten Szene schildert Orwell, wie während einer Propagandaveranstaltung, während einer Rede des Funktionärs, während eines einzigen Satzes sich die Tatsachen zu ändern scheinen, auf denen die Propaganda fußt: Ozeanien liegt plötzlich nicht mehr mit Eurasien im Krieg, sondern von einer Sekunde auf die andere wird der Krieg mit der anderen Partei, dem ehemaligen Verbündeten Ostasien propagiert. Mit Eurasien sei man doch schon ewig verbündet! … Alle Fakten werden in ihr Gegenteil verkehrt … die Maschinerie der Vergangenheitsfälschung wird wieder angeworfen … die Vergangenheit wieder einmal getilgt, ersetzt … die Lüge durch eine weitere Lüge ausgetauscht …

… Beeindruckend allerdings, wie schnell das geht … wie innerhalb eines Moments die Meinung der Menschen manipulierbar ist … Während der Rede des Funktionärs nehmen es die Menschenmassen hin. Der Redner beendet den Satz im Lichte der neuen Fakten, der neuen Wahrheiten … Wir liegen im Krieg mit Ostasien! … war nie anders … wer anderes behauptet, ist Staatsfeind! … wer anderes denkt … Gedankenverbrecher! … Fakten werden zu Lügen … Lügen zur Wahrheit … und obwohl alles noch vor einer Sekunde das Gegenteil zu sein schien … es wird von den Menschen, die dem Redner euphorisch zujubeln, geglaubt … alte Plakate werden von den Wänden gerissen … Fake News! … nieder mit der Feindpropaganda! … es lebe die Partei! … es lebe der große Bruder! … Wahrheit mit einer Halbwertszeit von Sekunden …

… kommt uns irgendwie bekannt vor?

Kaspar Hauser