Michael Helm

Metronom

Freitags auf dem Block

Heute mit einem Gedicht von Jannik Roßmann

Metronom

Es ist der Moment, 
der mich hinter die Fassade eines besonderen Menschen blicken lässt.
Jemand, der mich das ganze Leben begleitet, 
sich um mich sorgt und bedingungslos hinter mir steht. 

In diesem kurzen Moment des Blicks konnte ich es sehen.
Sehen wie Schwerkraft und Zeit an ihrem Körper zerren,
ihn Schritt für Schritt in die Knie zwingen.
Und trotz des zunehmenden Beugens vor dem Leben,
bin ich nicht bereit dafür,
ihn nur noch in Erinnerungen erleben zu können. 

Dieses erschütternde Beben lässt das Gerüst um mich herum einstürzen.
Mit einmal wird sichtbar, 
dass sich all die Sicherheiten von früher in Rauch auflösen,
in Trümmern am Boden liegen.
Die, die früher noch intelligent und weise waren,
sind die Ungebildeten und Konservativen von heute und morgen.
Und Freunde entfremden sich.

Zurück bleibt eine ins Wanken geratene Figur.
Von Unsicherheit bestimmt,
mit schmalem Sockel, 
der gerade stabil genug ist, 
dass sie nicht unter ihrer eigenen Last zerbricht.

Ein neues Kapitel,
dessen Einleitung gerade beginnt.
Ohne zu wissen, wovon es handeln wird.
Nur eine grobe Richtung vor Augen.

Bei dem Versuch, ins Gleichgewicht zu kommen, 
verlagert sich der Schwerpunkt ständig neu. 
Mal wirkt es dem Wanken entgegen,
mal wirkt es verstärkend. 

Bei dem Versuch, sich an anderen festzuhalten, 
stelle ich fest, dass sie ebenfalls wanken.
Der Versuch könnte beide kippen. 

In dieser undurchsichtigen Masse ist es nahezu unmöglich,
die Figur zu finden, die im passenden Rhythmus wankt,
sodass sich beide stabilisieren würden.
Schief aber stabil.

Und wenn er noch nicht gefallen ist,
so wankt er weiter,
bis er stürzt oder Halt findet. 

© Jannik Roßmann, Bielefeld, 08.01.2018

Jannik Roßmann wurde 1996 in Bielefeld geboren. 17 Jahre wohnte er im Kreis Herford und zog dann wieder nach Bielefeld, wo er mittlerweile Sozialwissenschaften studiert. Seit 2008 Auftritte in der Gemeindebücherei Hiddenhausen und auf der Kleinkunstbühne der Olof-Palme-Gesamtschule, zuletzt auch in der Stadtbibliothek Herford im Rahmen der Matineereihe Café…Lese…Lust. Seit 2016 begleitet er die Lesungen der Reihe regelmäßig.

Aus dem Block …

Nacht der Bibliotheken

Heute ist die „Nacht der Bibliotheken“, auch in Spenge. Ich hätte dort heute Abend Kurt Tucholsky gelesen. In C-Zeiten natürlich nicht live.

Dabei hatte ich im Dezember noch gehofft: Im März könnte doch wieder etwas gehen, vielleicht im kleinen Rahmen, vielleicht mit wenig Publikum, hinter Masken und Plexiglaswänden, oder doch ohne Gäste? Jetzt findet die Lesung auch ohne Rezitator statt. Der sitzt, wie Sie, zu Hause und liest sich selbst etwas vor.

Dafür hat die fb-Seite der „Stadt Spenge – Kultur und Stadtmarketing“ einen kleinen Auszug, einen Tucholsky-Schnipsel von mir online gestellt. (Danke dafür an Spenge und die Bücherei.)

Das Thema der Nacht der Bibliotheken ist „Einmischen“. Und Tucholsky hat sich eingemischt und würde es auch heute noch tun. Aber dazu dann später wieder mehr … live, ohne Virus, mit Publikum und Live-Einmischung meinerseits.

Wenn ich körperlich auch nicht anwesend sein werde, geistig bin ich bei Ihnen, ohne den Mut und die Hoffnung aufzugeben. Es kommen bessere Tage.

Einen herzlichen Gruß,
Ihr Michael Helm

Brache

Freitags auf dem Block

brachliegendes land
industriebrache industriekultur museum

sitze seit monaten allein
im museum meiner literatur 
literaturbrache 
sprache bis auf weiteres geschlossen

mh