Michael Helm

Rechtschaffene Leser

Buchbesprechung von Michael Helm

Norbert Paulini ist ein hochangesehener Dresdner Antiquar. „Der Leser“ sei er: ein Buchliebhaber, der Literaturschätze hebt und bewahrt, der Menschen über Bücher ins Gespräch bringt. Er ist ein Mensch, wie sich jeder Bibliophile ihn wünschen mag. Der Buchhändler unseres Vertrauens.

Ingo Schulze
Die rechtschaffenen Mörder

S. Fischer-Verlag, Leinen, 320 S., 21,- €
erschienen am 04.03.2020
ISBN 978-3-10-390001-9

So taucht die Leseratte ein, in das Buch von Ingo Schulze „Die rechtschaffenen Mörder“, wie in eine Legende antiquarischer Welten, wie sie in unseren Tagen zwar nicht verschwinden, aber doch seltener werden. Da stapeln sich Bücher aus Leder, Leinen und Papier bis an die Decke, klingeln muss, wer Einlass begehrt und das Wort über Literatur findet hier immer einen Anklang. Ein Traum vom Bücherparadies, den Ingo Schulze platzen lässt. 

Zum einen erzählt die Geschichte, wie sich der Dresdner Antiquar durch die Wendezeiten behaupten muss und wie sich nicht allein die Welt um ihn herum verändert. Wie wandelt sich Norbert Paulini in ihr? Wird der passionierte Leser und Bücherliebhaber gar zu einem fremdenfeindlichen „Unmenschen“?

Es ist schwierig, über diesen aktuellen Roman von Ingo Schulze zu reden, ohne über das Ende zu viel zu verraten. Ich schätze die Bücher des in Dresden geborenen Autors seit Jahren. „Die rechtschaffenen Mörder“ hinterlässt mich skeptisch und ratlos. 

Der Roman besteht aus drei Teilen. Der Erzähler berichtet im ersten Teil die Geschichte des Norbert Paulini, wie sie im Klappentext skizziert wird. Im zweiten Teil des Buchs berichtet dieser Erzähler selbst, wie er in die Lebensgeschichte Paulinis involviert war und ist. Vom Beobachter wird er selber zur Figur. Ein dritter Teil lässt dann seine Lektorin zu Wort kommen, die diesen Erzähler und Autoren dazu anhält ein Buch über Norbert Paulini zu veröffentlichen. Eine geschickte Einschachtelung, die eine tiefergehende Bedeutung hat. Die beiden letzten Teile wenden den Roman in eine unerwartete Richtung. Nicht zu viel ist verraten, wenn man beim Lesen immer skeptischer wird und das Vertrauen verliert. 

Ist man zu Beginn ganz umfangen von der heimeligen Welt der alten Bücher, die Sinn stiften, Halt geben, so zweifelt man plötzlich an Paulinis Haltung. Bei diesem Zweifel wird es nicht bleiben. Und es stellt sich die Frage, auf was wir uns beim Lesen verlassen? Auf was wir uns verlassen können? Auf die Redlichkeit der Hauptfigur Paulini? Auf den Erzähler, der sie uns nahebringt? (Übrigens ein Herr Schultze, mit tz geschrieben!) Auf den Literaturbetrieb, der uns das alles literarisch vermitteln will? Gar auf Ingo Schulze, der diesen Roman letztlich geschrieben hat? 

Literatur soll Fragen aufwerfen. Ingo Schulze tut das. Dass ein Bücherliebhaber nicht zwangsläufig ein rechtschaffener Mensch sein muss, weil er Bücher liebt? Geschenkt, wenn auch erschreckend, oder nicht? Aber wie sieht es mit den Autoren aus? Wie sehr hinterfragen wir eigentlich das, was wir da lesen? Vielleicht gar nicht schlecht, hier bei der Lektüre in Zukunft öfter einmal aufzuschrecken. Ich dachte jedoch auch an die Frage: Wie sehr reflektieren wir uns selbst, als rechtschaffene Leser? Unsere Haltung, unsere Urteile und Vorurteile?

Das Buch lässt vieles offen. Vermutlich wird es von den Bücherliebenden sehr unterschiedlich gelesen und verstanden werden. Ich habe mich gefragt, ob die Haltung, die dahinter steht, zu vage bleibt. Oder wird uns gerade auf diese Art eine explizite Haltung zum Buch und seiner Thematik abverlangt? Darüber denke ich noch immer nach, als rechtschaffener Leser. Ergebnis offen. 

Aus dem Block …

Lesungen erwachen aus dem Dornröschenschlaf …

Die Webseite erwacht aus ihrem Dornröschenschlaf!
Der Schlaf war zu lang und ich hoffe, nicht wieder einzunicken. Aber es besteht immerhin die Hoffnung …

In Planung sind zwei Open-Air-Lesungen mit Musik in Herford und Spenge. Geplant sind die Herbstlesungen in der Stadtbücherei Spenge. Geplant sind die Matineen in der Stadtbibliothek in Herford. Auch in Herdecke wird gesprochen und geplant.

Hurra! Die Kultur wird wieder wachgeküsst!

mh

Campo de´ Fiori

Römische Plätze

Er liegt verwinkelt inmitten der Stadt, als ziere er sich; wenn auch alle Römer ihn kennen. Das Blumenfeld genannt – ins Deutsche übertragen – als wolle man ihn, den Campo de´ Fiori, blumig bezeichnen. Obwohl er seinen Namen den Blumen fiori verdankt, die hier im Mittelalter wild wuchsen, ist er noch immer treffend so benannt. Denn folgt man morgens einer kleinen römischen Gasse – die verstellt ist mit gestauchten Automobilen und Rollern und deren Häuser halb verborgen liegen hinter Bougainvillen, hinter Geranien und Yuccas – dann öffnet sich der bescheidene Platz plötzlich in bunter Farbigkeit vor unseren Augen: Grüne, rote und gelbe Peperoni hängen bei weißen und rötlichen Zwiebeln, neben Knoblauch und über Orangen, Tomaten und Erdbeeren; alles kunterbunt durcheinander, wie auf einer Frühjahrswiese.

Campo de´ Fiori. Gerüche von Kräutern und Gewürzen. Geklapper von Kisten und Ständen. Die alte Zeigerwaage wiegt die Wünsche nach frischem Gemüse, nach Obst aller erdenklichen Sorten in wenigen Münzen auf. Am nächsten Stand wühlt man schon zwischen Sommerhüten und Seidentüchern. Italienisches Palaver schwillt an und ab zwischen den Ständen des morgendlichen Marktes. Und am Rande des Ganzen hockt ein kleiner Hund auf der Fußablage eines Motorrollers. Den Kopf streckt er genüsslich nach oben, als warte er dort, nur die Sonne genießend, auf Herrchen. Dabei betrachtet er das menschliche Treiben des Marktes von einer, für ihn doch exponierten Stelle mit Gleichgültigkeit. Morgens ist er der kleine Herr des Campo de´ Fiori auf seinem Roller. Als gäbe es da einen Zweifel!

Doch der Platz verändert sich im Licht. Obst- und Gemüsestände sind am Nachmittag auf einmal verschwunden und der Campo öffnet sich den Blicken. Dann ragt inmitten des Platzes ein Standbild auf, das im geschäftigen Treiben untergegangen schien. Die düstere Gestalt auf ihrem Sockel hatte den ganzen Morgen unbewegt über die Marktstände geschaut. Nun blickt sie nachdenklich auf den Campo. Das Gesicht des Mannes liegt verborgen unter der Kapuze seiner Mönchskutte. Gerade erst scheint er stehen geblieben. Seine Arme haben sich vor der Kutte verschränkt, seine Hände haben sich nicht zum erlösenden Spruch gefunden; sie schwören nicht ab! Stattdessen, so scheint es, hält er fest an der Gewissheit eines Buches, das er sich selbstbewusst an den Leib drückt. Das Geheimnis seines Gesichtes bleibt unter der Kapuze verborgen. 

Bricht der Abend herein wird der Platz dunkler und die Lampen erleuchten ihn spärlich. Verstohlen tastet das künstliche Licht der Laternen sich über den Campo. Ihn umgeben erleuchtete, kleine Geschäfte. Die Restaurants öffnen, die Tische rings um den Platz füllen sich; das abendliche Leben des Campo de´ Fiori beginnt.

Je finsterer es wird, desto mutiger scheint mir das Licht der Laternen. Gelblich-orange schimmert es zu Füßen des Mönches und klettert langsam empor am sandsteinernen Sockel. Er steht weiterhin ungerührt inmitten des römischen Platzes. Touristen umgeben ihn mit sorgloser Ausgelassenheit, lassen sich am Fuß des Postamentes nieder. Die Menschen genießen ihr Essen, den Wein, die besondere Atmosphäre eines Ortes, der durch sein nächtliches Lichtspiel verzaubert. Ringsum ist Leben, ist Ausgelassenheit und Leichtigkeit.

Das Geheimnis des Platzes liegt jedoch in einer kaum bemerkten Schwere

Sein verborgener Blick liegt auf dem Campo. Was, wenn der einsame Mönch dort oben nicht ausharrte? 1600 n. Chr. hatte man Giordano Bruno hier zum Scheiterhaufen geführt und lebendig verbrannt. Zuvor acht Jahre Haft und der Prozess der Inquisition. In der einsetzenden Dunkelheit schaut er von seinem Postament auf die Menschen in den Bars und Lokalen; inmitten des römischen Lebens, inmitten des sonderbaren Lichtes, das sich zu Giordano Brunos Füßen in der Dunkelheit ausbreitet, als schwele hier noch eine Glut. Hält uns die Dunkelheit einmal umschlungen, sieht man, wie der helle Sandstein des Postaments im kunstvollen Licht flimmert. Die dunkle Bronzegestalt in ihrem Umhang entzieht sich unserem Blick und verschwindet über uns allmählich in finsterer Nacht.

Michael Helm