Michael Helm

Ein Reiserückblick

Auf der Reise habe ich eine engagierte Politikerin getroffen, eine sympathische Vertreterin einer demokratischen Partei. Wir kamen ins Gespräch und ich hatte nicht meinen besten Tag. Alles, was ich erwidern wollte, fiel mir erst hinterher ein. Aber das geht mir fast immer so.

Wir sprachen über die Wahlbeteiligung, die bei einer gerade stattgefunden Landratswahl sehr gering gewesen war und ich meinte, dass mir sogar siebzig Prozent bei einer demokratischen Wahl zu wenig seien. Ihr Einwand begann mit: „Ja, man müsse verstehen … nicht alle könnten …“ Ich schwieg.

Ein anderer Punkt war schwerwiegender. Es sei teils schwierig, Wahlkampf auf der Straße zu machen, weil man von manchen Bürgern angegangen, ja bespuckt werde. Das schockierte mich. Ich schwieg.

Ich frage mich mittlerweile, ob das – so schlimm es klingt – nicht das geringere Übel ist. Worauf wollen wir warten? Bis wir bei politischen Meinungsäußerungen auf der Straße befürchten müssen, verhaftet zu werden? Die Tage in der demokratischen Wohlfühlzone sind offensichtlich vorbei. Zu schweigen, hilft nicht.

Der Politikerin war es offenbar sehr wichtig, zuzuhören, zugewandt zu sein, was ich sehr hoch schätze. Mir fehlte jedoch eine deutliche Aussage, mir fehlte das klare Wort: „Das ist meine Sicht. Dafür trete ich an.“ Nein. Wenn dreißig Prozent der Wahlberechtigten ihre demokratische Freiheit nicht nutzen, ja, auch ihrer demokratischen Pflicht nicht nachkommen; Entschuldigung, dann ist mir das zu wenig. Wenn Menschen, die auf der Straße ihre Meinung kundtun, bespuckt werden, ist das erschreckend und eine grundsätzliche Grenze von Demokratie ist überschritten. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Zu schweigen, hilft nicht. Nur Zuhören reicht da auch nicht mehr.

Aus dem Block …

Jon Fosse – Melancholie

Ende des 19. Jahrhunderts: Der norwegische Maler Lars Hertervig studiert in Düsseldorf Landschaftsmalerei. Er hat sich ein kleines Zimmer gemietet und verliebt sich in Helene, die fünfzehnjährige Tochter seiner Vermieter. Dieses nicht einmal richtig entflammte Verhältnis findet die Ungnade der Familie. Lars soll die Wohnung verlassen. Das Scheitern der Beziehung scheint Lars Hertervig verrückt werden zu lassen.

Was auf der inhaltlichen Ebene einfach erscheinen mag, nimmt sich in Hertervigs Denken anders aus. Denn von Anfang an ist seine Sicht der Dinge „anders“. Gedanke um Gedanke kreist in seinem Kopf, wiederholt sich, ordnet sich scheinbar neu. Niemals kommt sein Denken zu einem Abschluss. Der Geisteszustand Hertervigs grenzt an Verwirrung und seine Gedanken verwirren sich mehr und mehr durch die ihn befremdenden Erlebnisse. Sind seine Gedanken wahnhaft, Verfolgungsfantasien oder der Ausdruck seiner Realität?

Dies lässt Jon Fosse in seinem Roman „Melancholie“ offen. Er betrachtet das Geschehen aus der Sicht Hertervigs. Er versteht es in einer ausgefeilten, dem Denken dieses Menschen entsprechenden, einfachen Sprache, die subjektive Welt Hertervigs darzustellen. Das ist faszinierend und schwer zu lesen zugleich, denn die unendlichen Gedankenketten Hertervigs wälzen sich über etliche Seiten dahin. Wie einprägsam Fosses Sprache ist, stellte ich fest, als ich das Buch fortlegte. Die ewigen Wiederholungen und Wortketten begannen, von meinem Denken Besitz zu ergreifen, wie musikalische Ohrwürmer. Fast suggestiv haben sie sich in den Kopf eingeschlichen und es brauchte Zeit und Ablenkung, um sich wieder aus dieser zirkulären Gedankenwelt Hertervigs zu befreien.

Jon Fosse hat für das Denken eine Sprache geschaffen, in der Existenzielles einen einfachen Ausdruck findet. In dem, was sich zwischen den Gedankenketten auftut, rührt er an der Grenze des Unbewussten.

Mit der Geschichte Lars Hertervigs ist der Roman nicht zu Ende. Zwei weitere Erzählungen setzen an die Hertervig-Geschichte an, die sich wie die folgenden Akte eines Theaterstücks ausmachen. Generationen später werden Personen betrachtet, die mit Hertervig in familiärer Beziehung standen. Auch in diesen Erzählungen ist es der faszinierende Stil Fosses, der einen in seinen Bann zieht.

Jon Fosse bekommt Literaturnobelpreis

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