Michael Helm

Platz an der Via Sacra

Römische Plätze II

Rom ist eng. Seine schmalen Gassen winden sich zwischen ungestrichenen, über den Balkons begrünten Fassaden. Es dringt kaum Licht hinunter. Eine Wohltat im Hochsommer: Die Gassen, Hinterhöfe und kleinen Plätze drücken sich in den Schatten. Roms Gassen sind eng, manchmal so eng, dass man auf das Echo rieselnder Putzbröckchen achten sollte, denn römische Gassen warten nur darauf verschüttet zu werden. 

In tausend Jahren werden Menschen wohl Stein um Stein rekonstruieren, um zu verstehen, wie wir im 21. Jahrhundert hier leben konnten. Sie werden Häuserruinen von Barockkirchen scheiden, ein Fragmentstück Roms der Renaissance ausgraben, antike Säulen und Bögen mehr schlecht als recht wieder errichten können; und auch wir werden dazwischen unseren Staub hinterlassen haben. In seiner geschichtlichen Enge ist Rom wie dafür geschaffen seine Epochen zu vertuschen. Mühsam legen wir es frei, denken uns hindurch wie durch geologische Geschichten, durch eine Stadt die Zeitalter für Zeitalter auf sich selbst gebaut ist. 

Also schlendere ich durch Rom auf der Suche nach einer sich weit öffnenden Ansicht. Der Petersplatz scheint den Blick freizugeben, aber das ist eine perspektivische Verspieltheit der Architekten. Die Spanische Treppe gewährt die freie Sicht eines Ameisenhügels. Etwas verblüfft stehe ich dann auf der Rostra am Forum Romanum, auf der Rednertribühne. Verblüffung, weil mein Blick über ein Ruinenfeld schweift: Fragmente von Säulen, Mauern und Fundamentreste; alles nur Teile von etwas … aber wovon? Von welchem Ganzen? Die Vegetation erobert sich das einstige Weltreich zurück, ungeniert.

An meiner Seite erhebt sich der Triumphbogen des Septimius Severus, führt der Reiseführer an und ich muss ihm wohl glauben. Vor mir öffnet sich der Platz an der Via Sacra. Die Phokas-Säule, umgeben von einem weiten Feld aus Trümmern, Steinen und Grün. Der Palatin, der von Pinien und Judasbäumen geziert wird. Und überall wispern hundert Geschichten. Der übermächtige Bogen an meiner Linken schwärmt vom Sieg des Septimius über die Parther: von der Parade der Sieger, vom großen Triumph, vom Prunk und Glanz erbeuteter Schätze. Der mächtige Siegesmarsch zieht langsam die Via Sacra herauf, die Besiegten dem jubelnden Volk zur Schau gestellt, zur Beute gedemütigt. 

Die Rostra erzählt, dass Cäsar sie selber an diesen wirkungsvollen Ort ins Forum verlegen ließ. Es ist ein Ort um Reden zu halten, um Wirkungen beim Volk zu erzielen. Allein ihr Name, Rostra, Schiffsschnabel, erzählt die Geschichte von Seekriegen. Die Schiffsschnäbel der besiegten Schiffe wurden an der Rostra befestigt, zur Schau gestellt. Von großen Rednern erzählt sie, jedoch auch die blutige Geschichte, dass hier die Hände und der Kopf Ciceros´ nach seiner Ermordung durch das Triumvirat Octavians, des Lepidus und des Antonius angeschlagen worden waren. Geschichte, Geschichten und Mythen steigen auf aus den Steinresten des Forums. Davon können die drei Bäume vor der Rostra nichts wissen. Sie sind noch zu jung und sollen dennoch erinnern an einen Olivenbaum, an einen Feigenbaum und einen Weinstock. Drei heilige Bäume, die in der Kaiserzeit den Ficus Ruminalis ersetzten. Unter dieser Feige sollen Romulus und Remus vom Hochwasser des Tibers angeschwemmt worden sein, wo sie von einer Wölfin gefunden und gesäugt wurden.

Geschichte, Geschichten und Mythen steigen auf aus den Steinresten des Forums

Man erzählt sich auch, der Platz um die Phokas-Säule zeige die Lage des Lacus Curtius an: eine sumpfig gebliebene Stelle, um die sich zahlreiche Mythen ranken. Eine fürchterliche Erdspalte habe sich hier aufgetan, die sich erst wieder schließen werde, wenn das Beste, das Rom zu bieten habe, hineingeworfen werde. Worauf der edle Marcus Curtius sich geopfert haben soll. Er stürzte sich auf seinem Pferd in die Spalte. Der Mut der Helden sei das Beste Roms, dachten die Römer und tatsächlich, die Spalte hat sich wohl wieder geschlossen. 

Wir wissen, dass sich das Römische Reich an sich selbst berauschte. Die Griechen bauten in die Natur hinein; die Römer imponierten sich mit ihren monumentalen Gebäuden selbst. So muss die Wirkung der aufsteigenden Säulen des Saturntempels, der Basilika Julia, des Dioskurentempels auf dem Forum von beeindruckender Mächtigkeit gewesen sein, die den Einzelnen klein werden ließ und die Mächtigen überhöhte. 

Heute muss uns die Fantasie hier leiten. Aber sie ist eine trügerische Gesellin, die zur Verzauberung neigt. Zwischen all den Steinen keine Wirklichkeit? Oder der Staub aus hundert Wirklichkeiten? Das Mittelalter prägte in Rom seine eigenen Geschichten. Die Christen bauten in manchem Tempel ihre Kirche; die Menschen brachen die Steine einfach heraus für ihre Wohnungen. Goethe besaß sein eigenes Bild der Antike und von der Ewigen Stadt alter Zeiten. Sein Bild prägte das unsere. Aber die Bilder wandeln sich. 

Über dem Forum verbreiten sich nunmehr das Grün der Zedern, die dunkelrosa-farbenen Blüten der Judasbäume und die Palmen hoch auf dem Palatin. Die Natur interessiert sich nicht für Mythen. Sie schweigt über den Ruinen, in ihren Farben und mediterranen Gerüchen. 

Michael Helm

Aus dem Block …

Samstag ist Lesung!

Juli Zeh – Corpus Delicti
22.01.2022 | Stadtbücherei Spenge | 19.30 Uhr | Infos

Kaspars Gedankengang XI

„Bei aller Schläue hatten sie das Geheimnis, was ein anderer dachte, noch nicht gelüftet. Vielleicht traf das weniger zu, wenn sie einen in der Hand hatten. Man wusste nicht, was im Liebesministerium geschah, aber vermuten konnte man es: Folter, Drogen, empfindliche Apparate, die die Nervenreaktionen registrierten, allmähliche Zermürbung durch Schlafentzug, Einsamkeit und unablässig Verhöre. Tatsachen jedenfalls ließen sich nicht verheimlichen. Die ließen sich durch Fragen erhalten und durch Folter herauspressen. Doch wenn es nicht das Ziel war, am Leben, sondern ein Mensch zu bleiben, was änderte das letztlich groß? Die Gefühle konnten sie nicht ändern, das konnte man ja nicht einmal selbst, auch wenn man es wollte.
Was man getan, gesagt oder gedacht hatte, das konnten sie alles bis ins Kleinste aufdecken, das Innerste aber, dessen Funktionsweise sogar einem selbst ein Rätsel war, das blieb unangreifbar.“

George Orwell, 1984, Insel, 2021,
übersetzt von Eike Schönfeld, S. 223

… ich hänge noch immer in der Lektüre von 1984 fest … kann man so sagen … immer wieder suche ich mir einzelne Szenen heraus, über die ich eine Nacht lang nachgrüble … hier eine aus der Übersetzung von Eike Schönfeld, die in der bisherigen Betrachtung vielleicht etwas kurz gekommen ist …

… Was mich an diesem Auszug so schockiert, ist die Trostlosigkeit der wiederholten Lektüre … warum das? … Ich mochte Orwell beim ersten Lesen damals am Ende der Passage so gerne recht geben, aber er zeigt am Ende seines Buches, dass auch das möglich ist: Nichts bleibt in 1984 unangreifbar, selbst die Liebe nicht, selbst das „Menschbleiben“ nicht. Menschen sind so verdammt beeinflussbar. Es muss nicht einmal durch Folter geschehen, möchte ich 2021 hinzufügen …

… in einer zweiten Szene schildert Orwell, wie während einer Propagandaveranstaltung, während einer Rede des Funktionärs, während eines einzigen Satzes sich die Tatsachen zu ändern scheinen, auf denen die Propaganda fußt: Ozeanien liegt plötzlich nicht mehr mit Eurasien im Krieg, sondern von einer Sekunde auf die andere wird der Krieg mit der anderen Partei, dem ehemaligen Verbündeten Ostasien propagiert. Mit Eurasien sei man doch schon ewig verbündet! … Alle Fakten werden in ihr Gegenteil verkehrt … die Maschinerie der Vergangenheitsfälschung wird wieder angeworfen … die Vergangenheit wieder einmal getilgt, ersetzt … die Lüge durch eine weitere Lüge ausgetauscht …

… Beeindruckend allerdings, wie schnell das geht … wie innerhalb eines Moments die Meinung der Menschen manipulierbar ist … Während der Rede des Funktionärs nehmen es die Menschenmassen hin. Der Redner beendet den Satz im Lichte der neuen Fakten, der neuen Wahrheiten … Wir liegen im Krieg mit Ostasien! … war nie anders … wer anderes behauptet, ist Staatsfeind! … wer anderes denkt … Gedankenverbrecher! … Fakten werden zu Lügen … Lügen zur Wahrheit … und obwohl alles noch vor einer Sekunde das Gegenteil zu sein schien … es wird von den Menschen, die dem Redner euphorisch zujubeln, geglaubt … alte Plakate werden von den Wänden gerissen … Fake News! … nieder mit der Feindpropaganda! … es lebe die Partei! … es lebe der große Bruder! … Wahrheit mit einer Halbwertszeit von Sekunden …

… kommt uns irgendwie bekannt vor?

Kaspar Hauser