Michael Helm

Zufällig

Erzähl-Miniatur von Michael Helm

Kolja war nicht mehr jung. Kolja war nicht mehr schön. Kolja war auch nur zufällig hier. Es war stickig auf dem Platz, aber die Strickmütze trug er immer. Seine schlichte Jacke hatte er im Rettungshangar organisiert. Dort kümmerte man sich, wenn er Ruhe brauchte. Eine Zigarette ohne Gequatsche und den Stress auf der Straße. Das Bolschoi erstrahlte im Licht. Kolja sah aus einiger Entfernung hinüber. Nah genug, um die junge Frau zu betrachten. Weit genug, um nicht gesehen zu werden. Sie war jung. Sie war schön. Sie warf sich in Pose vor dem Bolschoi. Ihre Haare flogen im Wind, den ein kleiner Handventilator erzeugte. Sie lachte, sie strahlte, streckte und drehte sich in ihrem engen Kleid. Sie machte ein gutes Bild vor dem Bolschoi. Der Mann fotografierte sie mit seinem Smartphone. Hundertmal. Ein Bild für die Welt. Nein, Kolja war nicht mehr jung. Kolja war nicht mehr schön. Und während die Dame von Welt zwischen den Säulen des Bolschoi-Theaters verschwand, suchte sich Kolja eine Bleibe für die kommende Nacht. Er war ja nur zufällig hier.

Aus dem Block …

Nacht der Bibliotheken

Heute ist die „Nacht der Bibliotheken“, auch in Spenge. Ich hätte dort heute Abend Kurt Tucholsky gelesen. In C-Zeiten natürlich nicht live.

Dabei hatte ich im Dezember noch gehofft: Im März könnte doch wieder etwas gehen, vielleicht im kleinen Rahmen, vielleicht mit wenig Publikum, hinter Masken und Plexiglaswänden, oder doch ohne Gäste? Jetzt findet die Lesung auch ohne Rezitator statt. Der sitzt, wie Sie, zu Hause und liest sich selbst etwas vor.

Dafür hat die fb-Seite der „Stadt Spenge – Kultur und Stadtmarketing“ einen kleinen Auszug, einen Tucholsky-Schnipsel von mir online gestellt. (Danke dafür an Spenge und die Bücherei.)

Das Thema der Nacht der Bibliotheken ist „Einmischen“. Und Tucholsky hat sich eingemischt und würde es auch heute noch tun. Aber dazu dann später wieder mehr … live, ohne Virus, mit Publikum und Live-Einmischung meinerseits.

Wenn ich körperlich auch nicht anwesend sein werde, geistig bin ich bei Ihnen, ohne den Mut und die Hoffnung aufzugeben. Es kommen bessere Tage.

Einen herzlichen Gruß,
Ihr Michael Helm

Brache

Freitags auf dem Block

brachliegendes land
industriebrache industriekultur museum

sitze seit monaten allein
im museum meiner literatur 
literaturbrache 
sprache bis auf weiteres geschlossen

mh