Michael Helm

Lyrikgesellschaft in Leipzig empfiehlt Tentakel

Jule Weinrot bespricht in ihrer Empfehlung des Monats (Juni 2020) das aktuelle Literaturmagazin Tentakel.

Die Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V. wurde 1992 in Tübingen gegründet und zog vier Jahre später nach Leipzig um. Dort bereichert sie das Kulturangebot der Stadt mit vielen Veranstaltungen (Lesungen, Tagungen, Ausstellungen) literarisch. Darüber hinaus findet sie auch in vielen anderen Städten Aufmerksamkeit und Resonanz.

Auf der Webseite der lyrikgesellschaft.de wurde gerade die aktuelle Tentakel "Spuren und Wege" von Jule Weinrot empfohlen. In ihrer ausführlichen Besprechung findet sie auch einige Worte zu meiner Erzählung "Die Prozedur". Merci.

Wer die Empfehlung des Monats der Lyrikgesellschaft von Jule Weinrot nachlesen möchte, der folge hier einfach dem Link.

Die Prozedur

Neue Erzählung im aktuellen Literaturmagazin Tentakel

Die aktuelle Tentakel hat eine neue Erzählung von mir veröffentlicht. „Die Prozedur“ entstand 2019. Das ist relevant, weil sich die Geschichte wie ein Kommentar zur momentanen Situation liest. Kann man so lesen, muss man aber nicht.

Tentakel – Literaturmagazin
Literatur aus OWL 2_2020
3,50 € (auch als Abo beziehbar)
Infos & Kontakt

Aus dem Block …

vorbei

ich kann sie drehen und wenden
ich finde meine komfortable ansicht
der dinge nicht wieder

Jon Fosse – Melancholie

Ende des 19. Jahrhunderts: Der norwegische Maler Lars Hertervig studiert in Düsseldorf Landschaftsmalerei. Er hat sich ein kleines Zimmer gemietet und verliebt sich in Helene, die fünfzehnjährige Tochter seiner Vermieter. Dieses nicht einmal richtig entflammte Verhältnis findet die Ungnade der Familie. Lars soll die Wohnung verlassen. Das Scheitern der Beziehung scheint Lars Hertervig verrückt werden zu lassen.

Was auf der inhaltlichen Ebene einfach erscheinen mag, nimmt sich in Hertervigs Denken anders aus. Denn von Anfang an ist seine Sicht der Dinge „anders“. Gedanke um Gedanke kreist in seinem Kopf, wiederholt sich, ordnet sich scheinbar neu. Niemals kommt sein Denken zu einem Abschluss. Der Geisteszustand Hertervigs grenzt an Verwirrung und seine Gedanken verwirren sich mehr und mehr durch die ihn befremdenden Erlebnisse. Sind seine Gedanken wahnhaft, Verfolgungsfantasien oder der Ausdruck seiner Realität?

Dies lässt Jon Fosse in seinem Roman „Melancholie“ offen. Er betrachtet das Geschehen aus der Sicht Hertervigs. Er versteht es in einer ausgefeilten, dem Denken dieses Menschen entsprechenden, einfachen Sprache, die subjektive Welt Hertervigs darzustellen. Das ist faszinierend und schwer zu lesen zugleich, denn die unendlichen Gedankenketten Hertervigs wälzen sich über etliche Seiten dahin. Wie einprägsam Fosses Sprache ist, stellte ich fest, als ich das Buch fortlegte. Die ewigen Wiederholungen und Wortketten begannen, von meinem Denken Besitz zu ergreifen, wie musikalische Ohrwürmer. Fast suggestiv haben sie sich in den Kopf eingeschlichen und es brauchte Zeit und Ablenkung, um sich wieder aus dieser zirkulären Gedankenwelt Hertervigs zu befreien.

Jon Fosse hat für das Denken eine Sprache geschaffen, in der Existenzielles einen einfachen Ausdruck findet. In dem, was sich zwischen den Gedankenketten auftut, rührt er an der Grenze des Unbewussten.

Mit der Geschichte Lars Hertervigs ist der Roman nicht zu Ende. Zwei weitere Erzählungen setzen an die Hertervig-Geschichte an, die sich wie die folgenden Akte eines Theaterstücks ausmachen. Generationen später werden Personen betrachtet, die mit Hertervig in familiärer Beziehung standen. Auch in diesen Erzählungen ist es der faszinierende Stil Fosses, der einen in seinen Bann zieht.