Michael Helm

Denkmal

Ich wunderte mich, den Mann hier zu treffen. Er saß auf einer Bank und starrte über die Straße hinüber zum Bolschoi-Theater. Ich erkannte ihn an seinem rauschenden Bart. Meines Wissens hatte er die Stadt nie besucht. Ich grüßte und setzte mich neben ihn. Er war sichtlich erfreut, einen Landsmann zu sprechen. Ich fragte ihn nach seinem sonderbaren Hiersein und er lächelte bescheiden. Hier erkennt mich niemand, sagte er. Selbst wenn ich täglich unter diesem Denkmal Platz nehme. Er wies nach oben, auf sein ebengebildetes Monumentalgesicht. Schlecht getroffen, finden Sie nicht, flüsterte er. Wir schauten hinüber zum Theater, wo Menschen in sündhaften Kleidern und teuren Anzügen Selfis machten. Er betrachtete das alles eher gleichgültig. Sie beschäftigen sich nur noch mit sich selbst, sagte ich, seinem Blick folgend und wartete auf seinen bedeutenden Kommentar. Doch er schwieg. Um uns herum gingen die Lichter an und wir verbrachten eine angenehme Stunde auf der Bank. Wir schwiegen. Dann erhob er sich langsam und sagte: Danke schön. Ich muss los. Es war aber schön, einmal wieder mit einem Menschen zu schweigen, der meine Sprache spricht. Er zwinkerte mir zu. Aus Altersgründen konnte er nicht mehr richtig gehen. Also sah ich Karl Marx langsam die stark befahrene Straße hinunterhumpeln. 

Michael Helm

Denkmal | Michael Helm | gelesen vom Autor

Aus dem Block …

Nacht der Bibliotheken

Heute ist die „Nacht der Bibliotheken“, auch in Spenge. Ich hätte dort heute Abend Kurt Tucholsky gelesen. In C-Zeiten natürlich nicht live.

Dabei hatte ich im Dezember noch gehofft: Im März könnte doch wieder etwas gehen, vielleicht im kleinen Rahmen, vielleicht mit wenig Publikum, hinter Masken und Plexiglaswänden, oder doch ohne Gäste? Jetzt findet die Lesung auch ohne Rezitator statt. Der sitzt, wie Sie, zu Hause und liest sich selbst etwas vor.

Dafür hat die fb-Seite der „Stadt Spenge – Kultur und Stadtmarketing“ einen kleinen Auszug, einen Tucholsky-Schnipsel von mir online gestellt. (Danke dafür an Spenge und die Bücherei.)

Das Thema der Nacht der Bibliotheken ist „Einmischen“. Und Tucholsky hat sich eingemischt und würde es auch heute noch tun. Aber dazu dann später wieder mehr … live, ohne Virus, mit Publikum und Live-Einmischung meinerseits.

Wenn ich körperlich auch nicht anwesend sein werde, geistig bin ich bei Ihnen, ohne den Mut und die Hoffnung aufzugeben. Es kommen bessere Tage.

Einen herzlichen Gruß,
Ihr Michael Helm

Brache

Freitags auf dem Block

brachliegendes land
industriebrache industriekultur museum

sitze seit monaten allein
im museum meiner literatur 
literaturbrache 
sprache bis auf weiteres geschlossen

mh