Michael Helm

Zwischen Klassik und Jazz

Freitags auf dem Block

Eine musikalische Biografie III

Platten, die man nicht gerade auf Parties hörte, standen in meinem Musikregal eher im Bereich der Klassik. Auch da war ich kein Fachmann. Es war eine Art Ausprobieren. 

In „sozialen Medien“ bin ich auf die Idee gekommen. Dort posten Leute insgesamt zehn Musikalben, die in ihrem Leben bedeutend waren. Eigentlich finde ich die Idee gut, aber dort werden nur Plattencover gezeigt (die man kennt oder nicht) und meist steht nicht viel dazu geschrieben. Aber gerade das würde mich doch interessieren. Dass viele meiner „Follower“ Bob Dylan gehört haben, geschenkt. Warum? Zu welcher Zeit? In welcher Situation? Hier also jetzt ein weiterer Text (ohne Cover) …

Allein in der ersten eigenen Wohnung, mit Blick auf den verwilderten Garten meiner Vermieter, durchwachte ich so manche melancholische Nacht mit Mahler und Beethoven, während meine Zeit allein am vorbeiziehenden Mond messbar schien. Und ich wunderte mich, wie hastig der vorüber zog, der vielbesungene unstete Geselle. Studentennächte eben: Schlaf war nicht dringend, nachts Musik hören, eine Passion. Auf dem Schreibtisch am großen Aussichtsfenster lagen die Buddenbrooks und der Zauberberg auf dem Stapel der Werke, die ich wieder und wieder gelesen hatte. Ein aufgeschlagenes Tagebuch und handschriftliche Texte, die beim nächsten Umzug alle in den Papiermüll wanderten. Ein intellektuelles Versuchslabor. Der Reißwolf der Selbstkritik hat das Meiste daraus verschlungen.

Fast isoliert im Plattenregal stand damals eine Live-Aufnahme, die mein Einstieg in den Jazz wurde. Miles Davis & Gil Evans Orchestra at Carnegie Hall. Später las ich, dass sich die Kritiker nicht einig gewesen wären, ob es sich beim Concierto de Aranjuez, dem Teil, der mich so faszinierte, überhaupt um Jazz handle. Vielleicht war das gerade der Grund, warum es mich dazu inspirierte. Denn das Concierto de Aranjuez basiert auf einem klassischen Stück von Joaquin Rodrigo für Gitarre und Streichorchester, hier arrangiert von Gil Evans. Es war meinen bisherigen klassischen Hörgewohnheiten verwandt genug, aber in der Interpretation von Miles Davis ausreichend fremd, dass es mich neugierig machte. 

Einen jungen Studenten darf man kulturell nicht verwildern lassen

Meine Vermieter, ein älteres Anwaltsehepaar, lud mich einmal wöchentlich zu sich ein, um mir kulturell auf den Zahn zu fühlen. Einen jungen Studenten darf man kulturell nicht verwildern lassen, muss ihm die Pfade des klassischen Bildungsbürgertums ausleuchten. Und so saß ich auf dem gewaltigen Sofa und erzählte von meinen bescheidenen Bildungserlebnissen im Tone eines langjährig erprobten Kulturgenießers. Es muss sie im Stillen erheitert haben, mich meinen kulturellen Habitus erproben zu sehen. Ihre Größe bestand darin, mich so erst zu nehmen, wie ich mich selber nahm. 

Ungemein inspirierend waren die Gespräche über Miles Davis und das Concierto de Aranjuez. Sie mochten keinen Jazz, aber wir hörten zusammen das Konzert für Gitarre und Streichorchester. Sie verehrten Rodrigo. Und so saßen der junge Student und die beiden Klassikkenner zusammen und diskutierten über Klassik und Jazz. Das konnte Stunden dauern.

Miles Davis 
and the Gil Evans Orchestra at Carnegie Hall (1961)
Miles Davis (trumpet)
Hank Mobley (tenor saxophone)
Wynton Kelly (piano)
Paul Chambers (bass)
Jimmy Cobb (Drums)

Gil Evans Orchestra

Ich bin überzeugt, ich würde das Miles Davis-Album nicht wieder und wieder gehört haben, wenn es diese beiden Menschen in meinem Leben nicht gegeben hätte. Obwohl sie keinen Jazz mochten, halfen sie mir, darüber nachzudenken, wie man über Musik diskutieren kann. Wir lagen in geschmacklichen Fragen weit voneinander entfernt, aber von den beiden habe ich gelernt, erst einmal zuzuhören. So wie sie mir zuhörten.

Meine Miles Davis-Passion hat sich unabhängig davon weiter entwickelt. Aber der Startpunkt waren die Dispute über die beiden Formen des Concierto de Aranjuez. Ich kann das Album heute nicht hören, ohne an die beiden zu denken. Musik ist eben immer auch mit den Menschen verbunden, mit denen man sie hört.   

Michael Helm

Aus dem Block …

Albert Camus

Die Ausgangslage

Albert Camus verehre ich seit meiner Jugendzeit. Manche wird jetzt sagen, das sei typisch. Camus gilt als Jugendverführer. Meine Philosophielehrerin muss Ähnliches gedacht haben. Sie ahnt es nicht: Ausgerechnet sie ist für meine lebenslange Camus-Besessenheit verantwortlich. 

Camus war in den späten 80ern längst auf vielfältige Weise Schulstoff geworden. In Religion hatten wir „Die Pest“ gelesen, da meine Religionslehrerin offen war für kontroverse Diskussionen. Die hatten wir im Kurs tatsächlich. Die jugendliche Überhitzung kannte keine Grenzen. In Philosophie lasen wir „Der Mythos des Sisyphos“ und privat verschlangen wir sogleich den Fremden. Da hatten wir das Frühwerk des Schriftstellers auf einen Schlag parat. Wir diskutierten es allerdings fast fünfzig Jahre nach dessen erscheinen, als wären wir damals dabei gewesen.

Die Philosophieklausur verlangte von uns schließlich eine Kritik der „Philosophie“ Camus´ aus kantscher Perspektive. Für meine Philosophielehrerin eine eindeutige Angelegenheit. Für mich nicht … bis heute bin ich nicht einsichtig. Ich gestehe, es blieb unsere einzige Meinungsverschiedenheit und die Philosophielehrerin war das Beste, was mir die Oberstufe zu bieten hatte. Die Kontroverse von damals prägt mein Denken von heute. Noch immer wälze ich ihre Argumente in Gedanken hin und her. Sie lassen mich nicht mehr los, stellen mich immer wieder in meiner Haltung zu Camus in Frage. Eine vortreffliche Ausgangslage. Ich habe begonnen, die Werke in der Reihenfolge ihrer Erstveröffentlichungen zu lesen.

Wieder einmal will ich wissen, wer von uns beiden … wir werden es sehen.

mh

Das Archiv der Gefühle

Roman von Peter Stamm

Es passiert mir ja nicht oft, dass ich morgens ein Buch zur Hand nehme – mehr aus Verlegenheit – und dann bis zum Abend nicht mehr loslasse, bis es ausgelesen ist. „Das Archiv der Gefühle“ lag schon lange neben meiner Leselampe. Von Peter Stamm lese ich eigentlich alles sofort. Diesmal war mir manches dazwischengekommen. Aus Verlegenheit griff ich danach, weil ich mich über die Vorlektüre so geärgert, dass ich sie kurzer Hand weggeworfen hatte. Nichts anderes lag griffbereit, als „Das Archiv der Gefühle“. Das Titelbild gefällt mir nicht und mit dem Titel konnte ich eigentlich auch nichts anfangen. Vielleicht hatte es deswegen so lange auf dem Lesetisch gelegen. Aber es ist doch ein Peter Stamm …!

Ich las. Ich kam nicht mehr davon los. Bis ich es abends aus der Hand legte, weil es nichts mehr darin zu lesen gab. 

Der Protagonist scheint aus dem Leben geworfen. Seinen Job als Archivar hat er verloren, das Archiv in seinen privaten Keller überführt und nun setzt er fort, was lange sein Beruf im Pressehaus gewesen war. Er archiviert Zeitungsartikel. Kontakt zur Außenwelt, minimal. Selbst auf Spaziergängen trifft er kaum mehr Leute. Die Welt scheint verlassen. 

Lägen nicht die zwei vergangenen Jahre hinter uns, hätte ich erst an Thomas Glavinics „Die Arbeit der Nacht“ gedacht. In Glavinics Roman lebt der Erzähler plötzlich in einer alptraumhaften, menschenleeren Welt. Aber in Pandemie-Zeiten denken wir natürlich anders, obwohl Stamm weder das C-Wort erwähnt, noch irgendwelche Anspielungen auf die Pandemie macht. Es ist das Lebensgefühl des Auf-sich-sebst-geworfen-seins, das einem so bekannt vorkommt. Es wird hier zum eigentlichen Thema.

Wenn der Kopf nur noch mit sich selbst und seiner Vergangenheit konfrontiert ist, kommen die Erinnerungen. Im Roman ist es Franziska, eine alte Jugendliebe, die nie eine Erfüllung gefunden hat. Sie heißt längst nicht mehr Franziska, sondern Fabienne und ist erfolgreiche Sängerin geworden. Eine Person des öffentlichen Lebens, eine prominente Person des Archivs. Aber Franziska bestimmt fast jeden seiner Gedanken. Während sich der Erzähler anhand alten Archivmaterials erinnert, beginnt er mit Franziska zu reden, so, als stünde sie neben ihm. Sie erscheint ihm und verschwindet immer wieder. 

Auf diese Art stellt Peter Stamm die scheinbar objektive Welt der Pressefakten und der klaren Erinnerungsbilder des Erzählers neben die idealisierte Vorstellung von dieser Frau. Die Vorstellung gewinnt an Leben. Die Franziska seiner Gedanken und Wünsche ersteht vor ihm. Die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwimmt. Bis Franziska / Fabienne plötzlich wieder „real“ im Leben des Protagonisten auftaucht …

Ich kann die Faszination der Bücher Peter Stamms auf mich nicht erklären. Das geht so weit, dass ich Handlungen und Figuren seiner älteren Bücher zu vergessen scheine und so seine Romane erneut und erneut mit Genuss lese. Mein Erinnern bezieht sich in seinen Texten auf etwas anderes. Es ist ein Gefühl des Wiedererkennens im Leben. 

Vielleicht lag die Faszination des aktuellen Romans darin, dass mir bislang noch niemand so gut zu schildern vermochte, was geschieht, wenn wir nur noch auf uns selbst bezogen sind, auf diese innere Welt, auf unserer Vergangenheit, weil es scheinbar kein Außen, kein Umfeld, kein Miteinander mehr gibt. Wenn wir nur noch unser eigenes kleines Leben archivieren. Geht das überhaupt? Vielleicht ist es auch ganz anders …

mh

Peter Stamm
Das Archiv der Gefühle

Roman, Fischer-Verlag, 2021