Michael Helm

Bücher Erleuchtung

Es gibt nicht so viele zeitgenössische Autoren und Autorinnen, von denen ich nahezu alles gelesen habe. Dazu bedarf es bei einem solch immensen Bücherpensum schon einer Spur Verrücktheit. Kommt von Peter Stamm ein neues Buch heraus, egal ob Roman, Erzählband oder anderes, dann schiebe ich allerdings alles andere zur Seite. Muss ich mich jetzt einen Fan nennen? Ich erschrecke beim Schreiben. 

Reise ich dem Mann tatsächlich von Lesung zu Lesung hinterher? Stehe ich regelmäßig in der Schlange zum Signieren, um einen persönlichen Blick zu erhaschen? Besitze ich jede Ausgabe, aber auch wirklich jede! — auch wenn ich eine ältere bereits mein Eigen, meinen Schatz nenne? Fehlte noch, dass ich Briefe an ihn schriebe. 

So schlimm ist es noch nicht, obwohl manche Allüre im Buchgeschäft Anlass für solche Gedanken gäbe. Alles ist Event und da muss man sich schon fragen, warum hunderte Lesebesessene zum Beispiel bei Buchmessen in der Schlange vor dem geheiligten Autor oder der Autorin stehen — und der Verlag zwecks Versüßung der Wartezeit schon Kaffee und Kekse zu reichen beginnt — damit man diesen einen geschwungenen, aber unleserlichen Schnörkel ergattert, der das Buch im Regal zur Erleuchtung bringt. Ich bin kein außergewöhnlicher Mensch, weil ich mich vor solchen Signierschlangen in Acht nehme. Es ist auch noch niemand durch sie zu Schaden gekommen, muss ich zugeben. Sie beißen ja nicht. Doch erstaunt es mich schon. 

Die Lektüre erfährt durch die Signierung keine Aufwertung. Meine Begeisterung für Peter Stamms Bücher ist auch ohne seinen Namenszug ungebrochen. Bei einer Lesung eines anderen, hier ungenannten Autoren, den ich vorher sehr schätzte, der mir jedoch äußerst unsympathisch bei der Lesung erschien, erwischte ich mich bei der Frage, welche Auswirkungen das auf meine zukünftige Lektüre seiner Bücher hätte. Ich zwinge mich bis heute, seine Werke zu lesen und sie zu genießen. Absurd.

Übrigens, ein geschätzter Kollege, eigentlich frei von jeglichem Literaturdünkel, erzählte mir von der berühmten Lesung der Olga Tokarczuk in Bielefeld, nach der Bekanntgabe des Literaturnobelpreises am gleichen Tag. Vorher hatten sich kaum Leute für die Veranstaltung interessiert. Nach der Bekanntgabe, die vortragende Autorin werde den Preis bekommen, wäre die Lesung zigmal ausverkauft gewesen, wäre das nur möglich gewesen. Ein Wandel der Wertschätzung innerhalb weniger Stunden? Der geschätzte Kollege sprach von diesem Bielefelder Kulturereignis, als hätte Moses ihm persönlich die Gesetzestafeln vor Ort überreicht. Zugegeben, der Vergleich hinkt, denn bei Moses hat es schließlich nicht zum Literaturnobelpreis gereicht. 

Man kann sich nie ganz freimachen von solchen Markteinflüssen. Neulich habe ich ein antiquarisches Exemplar von Vladimir Sorokin erstanden. Es war ein signiertes Exemplar von 23000 und sündhaft teuer. Die Unterschrift Sorokins in Form eines steil aufsteigenden Strichs hätte ich sicherlich selber hinbekommen, nur den Inhalt des Buches leider nicht. Und zu meiner Ehrenrettung sei gesagt, es gab überhaupt nur noch dieses Exemplar zu erwerben. War ein „Strich“ drin, aber gut … es erleuchtet nun auch mein Regal und ich spare erhebliche Kosten für die elektrische Beleuchtung. Signierte Bücher — ab einer bestimmen Anzahl in der Bibliothek — tragen zur CO2-neutraleren Lektüre bei. Sie strahlen, ohne an das örtliche Stromnetz angeschlossen zu sein.

So hat es sein Gutes und auch ich gönne mir ab und an die Signierung eines geliebten Bandes oder die besonders schön gebundene Ausgabe des Romans, den ich längst schon kenne. Man lebt ja schließlich zwischen seinen Büchern.

Michael Helm

Aus dem Block …

Lesungen erwachen aus dem Dornröschenschlaf …

Die Webseite erwacht aus ihrem Dornröschenschlaf!
Der Schlaf war zu lang und ich hoffe, nicht wieder einzunicken. Aber es besteht immerhin die Hoffnung …

In Planung sind zwei Open-Air-Lesungen mit Musik in Herford und Spenge. Geplant sind die Herbstlesungen in der Stadtbücherei Spenge. Geplant sind die Matineen in der Stadtbibliothek in Herford. Auch in Herdecke wird gesprochen und geplant.

Hurra! Die Kultur wird wieder wachgeküsst!

mh

Campo de´ Fiori

Römische Plätze

Er liegt verwinkelt inmitten der Stadt, als ziere er sich; wenn auch alle Römer ihn kennen. Das Blumenfeld genannt – ins Deutsche übertragen – als wolle man ihn, den Campo de´ Fiori, blumig bezeichnen. Obwohl er seinen Namen den Blumen fiori verdankt, die hier im Mittelalter wild wuchsen, ist er noch immer treffend so benannt. Denn folgt man morgens einer kleinen römischen Gasse – die verstellt ist mit gestauchten Automobilen und Rollern und deren Häuser halb verborgen liegen hinter Bougainvillen, hinter Geranien und Yuccas – dann öffnet sich der bescheidene Platz plötzlich in bunter Farbigkeit vor unseren Augen: Grüne, rote und gelbe Peperoni hängen bei weißen und rötlichen Zwiebeln, neben Knoblauch und über Orangen, Tomaten und Erdbeeren; alles kunterbunt durcheinander, wie auf einer Frühjahrswiese.

Campo de´ Fiori. Gerüche von Kräutern und Gewürzen. Geklapper von Kisten und Ständen. Die alte Zeigerwaage wiegt die Wünsche nach frischem Gemüse, nach Obst aller erdenklichen Sorten in wenigen Münzen auf. Am nächsten Stand wühlt man schon zwischen Sommerhüten und Seidentüchern. Italienisches Palaver schwillt an und ab zwischen den Ständen des morgendlichen Marktes. Und am Rande des Ganzen hockt ein kleiner Hund auf der Fußablage eines Motorrollers. Den Kopf streckt er genüsslich nach oben, als warte er dort, nur die Sonne genießend, auf Herrchen. Dabei betrachtet er das menschliche Treiben des Marktes von einer, für ihn doch exponierten Stelle mit Gleichgültigkeit. Morgens ist er der kleine Herr des Campo de´ Fiori auf seinem Roller. Als gäbe es da einen Zweifel!

Doch der Platz verändert sich im Licht. Obst- und Gemüsestände sind am Nachmittag auf einmal verschwunden und der Campo öffnet sich den Blicken. Dann ragt inmitten des Platzes ein Standbild auf, das im geschäftigen Treiben untergegangen schien. Die düstere Gestalt auf ihrem Sockel hatte den ganzen Morgen unbewegt über die Marktstände geschaut. Nun blickt sie nachdenklich auf den Campo. Das Gesicht des Mannes liegt verborgen unter der Kapuze seiner Mönchskutte. Gerade erst scheint er stehen geblieben. Seine Arme haben sich vor der Kutte verschränkt, seine Hände haben sich nicht zum erlösenden Spruch gefunden; sie schwören nicht ab! Stattdessen, so scheint es, hält er fest an der Gewissheit eines Buches, das er sich selbstbewusst an den Leib drückt. Das Geheimnis seines Gesichtes bleibt unter der Kapuze verborgen. 

Bricht der Abend herein wird der Platz dunkler und die Lampen erleuchten ihn spärlich. Verstohlen tastet das künstliche Licht der Laternen sich über den Campo. Ihn umgeben erleuchtete, kleine Geschäfte. Die Restaurants öffnen, die Tische rings um den Platz füllen sich; das abendliche Leben des Campo de´ Fiori beginnt.

Je finsterer es wird, desto mutiger scheint mir das Licht der Laternen. Gelblich-orange schimmert es zu Füßen des Mönches und klettert langsam empor am sandsteinernen Sockel. Er steht weiterhin ungerührt inmitten des römischen Platzes. Touristen umgeben ihn mit sorgloser Ausgelassenheit, lassen sich am Fuß des Postamentes nieder. Die Menschen genießen ihr Essen, den Wein, die besondere Atmosphäre eines Ortes, der durch sein nächtliches Lichtspiel verzaubert. Ringsum ist Leben, ist Ausgelassenheit und Leichtigkeit.

Das Geheimnis des Platzes liegt jedoch in einer kaum bemerkten Schwere

Sein verborgener Blick liegt auf dem Campo. Was, wenn der einsame Mönch dort oben nicht ausharrte? 1600 n. Chr. hatte man Giordano Bruno hier zum Scheiterhaufen geführt und lebendig verbrannt. Zuvor acht Jahre Haft und der Prozess der Inquisition. In der einsetzenden Dunkelheit schaut er von seinem Postament auf die Menschen in den Bars und Lokalen; inmitten des römischen Lebens, inmitten des sonderbaren Lichtes, das sich zu Giordano Brunos Füßen in der Dunkelheit ausbreitet, als schwele hier noch eine Glut. Hält uns die Dunkelheit einmal umschlungen, sieht man, wie der helle Sandstein des Postaments im kunstvollen Licht flimmert. Die dunkle Bronzegestalt in ihrem Umhang entzieht sich unserem Blick und verschwindet über uns allmählich in finsterer Nacht.

Michael Helm