Michael Helm

Ikarien

Freitags auf dem Block

Gedanken zum Roman von Uwe Timm

Michael Hansen kehrt 1945 als amerikanischer Offizier in das Land seiner Geburt zurück, nach Deutschland. Sein Auftrag für den amerikanischen Geheimdienst: die Bedeutung des deutschen Eugenikers Alfred Ploetz für die nationalsozialistische Ideologie zu untersuchen. Hansen kommt in den letzten Kriegstagen in ein völlig zerstörtes Land. Ploetz ist bereits tot, aber Michael Hansen trifft dessen Weggefährten seit Schultagen, den Antiquar und Publizisten Wagner, und beginnt den alten Mann über Ploetz zu befragen. 

Uwe Timm – Ikarien
Roman
Kiepenheuer & Witsch, 2017, 506 Seiten

In den mehrtägigen Interviews mit Wagner erzählt der Autor Uwe Timm die Geschichte der historischen Person Alfred Ploetz und bettet diese reale Figur ein in eine fiktive Romanhandlung. Das Aufeinandertreffen der Romanfigur Wagners mit der historischen des Alfred Ploetz bildet das literarische Gerüst des Romans. 

Wagner redet über den alten Freund, über gemeinsame Tage, Dispute, über Persönliches im Umgang miteinander. Und Wagner schildert rückblickend die Lebensgeschichte des Chefeugenikers der Nationalsozialisten. Er kann sie persönlich einordnen, bewerten, sich nähern, sich aber auch distanzieren — beurteilen und verurteilen. In Wagners Erinnerungen, die durch typische Abschweifungen, Selbstbetrachtungen und Schleifen gekennzeichnet sind, wird Wagner zu einer tragenden (Gegen-) Figur des Romans.

Hängen beide Protagonisten in ihren jungen Lebensjahren noch sozialistischen Utopien an, wird sie ihr Lebensweg in entgegengesetzte Richtungen führen. Wagner bleibt den frühen Ideen treu, Alfred Ploetz hingegen wird zum Rassenhygieniker.

Eindrucksvoll ist es, diese Entfremdung beider zu verfolgen, zumal sie sich aus einer völlig unterschiedlichen Bewertung derselben Ereignisse ergibt. Die Beobachtung gesellschaftlicher Begebnisse führt hier zu diametral entgegengesetzten Weltbildern.

In diesem Spannungsfeld bewegt sich die Figur des Interviewers, des Offiziers Michael Hansen. Gleichzeitig schaut er auf die Interviewerzählung aus der Sicht des unmittelbaren Nachkriegsbeobachters und Deutschamerikaners. Es ist der Blick auf die Entwicklung der Eugenik bis hin zur Rassenideologie der Nationalsozialisten vom Ende her betrachtet — nach der Befreiung und mit dem schonungslosen Blick auf die Folgen des Krieges und der Naziideologie. 

Uwe Timm versteht es, die verschiedenen Zeiten, Orte und Handlungsstränge, aber auch die verschiedenen Formen des Erzählens (Tagebuchpassagen, Interviewmitschnitte, personale Erzählsituationen) geschickt stilistisch zu verflechten. Gerade das erste und die letzten Kapitel besitzen eine besondere erzählerische Finesse, die mir gefallen hat. 

Manchem mögen die gesellschaftstheoretischen Betrachtungen zwischenzeitlich vielleicht etwas lang werden, aber das Konzept, einen Roman um die biografischen Begebenheiten der historischen Figur des Alfred Ploetz herum zu bauen, geht für mich auf. Eine reine Biografie hätte die unterschiedlichen romanhaften Perspektiven auf die Person Ploetz und die Geschichte der Eugenik nicht ermöglicht.

Der Roman ist ein gelungenes Zeitbild und ein geschicktes Spiel mit der Betrachtung historischer und gesellschaftlicher Ereignisse, die selbst zur Betrachtung wird.

mh

Rechtschaffene Leser

Buchbesprechung von Michael Helm

Norbert Paulini ist ein hochangesehener Dresdner Antiquar. „Der Leser“ sei er: ein Buchliebhaber, der Literaturschätze hebt und bewahrt, der Menschen über Bücher ins Gespräch bringt. Er ist ein Mensch, wie sich jeder Bibliophile ihn wünschen mag. Der Buchhändler unseres Vertrauens.

Ingo Schulze
Die rechtschaffenen Mörder

S. Fischer-Verlag, Leinen, 320 S., 21,- €
erschienen am 04.03.2020
ISBN 978-3-10-390001-9

So taucht die Leseratte ein, in das Buch von Ingo Schulze „Die rechtschaffenen Mörder“, wie in eine Legende antiquarischer Welten, wie sie in unseren Tagen zwar nicht verschwinden, aber doch seltener werden. Da stapeln sich Bücher aus Leder, Leinen und Papier bis an die Decke, klingeln muss, wer Einlass begehrt und das Wort über Literatur findet hier immer einen Anklang. Ein Traum vom Bücherparadies, den Ingo Schulze platzen lässt. 

Zum einen erzählt die Geschichte, wie sich der Dresdner Antiquar durch die Wendezeiten behaupten muss und wie sich nicht allein die Welt um ihn herum verändert. Wie wandelt sich Norbert Paulini in ihr? Wird der passionierte Leser und Bücherliebhaber gar zu einem fremdenfeindlichen „Unmenschen“?

Es ist schwierig, über diesen aktuellen Roman von Ingo Schulze zu reden, ohne über das Ende zu viel zu verraten. Ich schätze die Bücher des in Dresden geborenen Autors seit Jahren. „Die rechtschaffenen Mörder“ hinterlässt mich skeptisch und ratlos. 

Der Roman besteht aus drei Teilen. Der Erzähler berichtet im ersten Teil die Geschichte des Norbert Paulini, wie sie im Klappentext skizziert wird. Im zweiten Teil des Buchs berichtet dieser Erzähler selbst, wie er in die Lebensgeschichte Paulinis involviert war und ist. Vom Beobachter wird er selber zur Figur. Ein dritter Teil lässt dann seine Lektorin zu Wort kommen, die diesen Erzähler und Autoren dazu anhält ein Buch über Norbert Paulini zu veröffentlichen. Eine geschickte Einschachtelung, die eine tiefergehende Bedeutung hat. Die beiden letzten Teile wenden den Roman in eine unerwartete Richtung. Nicht zu viel ist verraten, wenn man beim Lesen immer skeptischer wird und das Vertrauen verliert. 

Ist man zu Beginn ganz umfangen von der heimeligen Welt der alten Bücher, die Sinn stiften, Halt geben, so zweifelt man plötzlich an Paulinis Haltung. Bei diesem Zweifel wird es nicht bleiben. Und es stellt sich die Frage, auf was wir uns beim Lesen verlassen? Auf was wir uns verlassen können? Auf die Redlichkeit der Hauptfigur Paulini? Auf den Erzähler, der sie uns nahebringt? (Übrigens ein Herr Schultze, mit tz geschrieben!) Auf den Literaturbetrieb, der uns das alles literarisch vermitteln will? Gar auf Ingo Schulze, der diesen Roman letztlich geschrieben hat? 

Literatur soll Fragen aufwerfen. Ingo Schulze tut das. Dass ein Bücherliebhaber nicht zwangsläufig ein rechtschaffener Mensch sein muss, weil er Bücher liebt? Geschenkt, wenn auch erschreckend, oder nicht? Aber wie sieht es mit den Autoren aus? Wie sehr hinterfragen wir eigentlich das, was wir da lesen? Vielleicht gar nicht schlecht, hier bei der Lektüre in Zukunft öfter einmal aufzuschrecken. Ich dachte jedoch auch an die Frage: Wie sehr reflektieren wir uns selbst, als rechtschaffene Leser? Unsere Haltung, unsere Urteile und Vorurteile?

Das Buch lässt vieles offen. Vermutlich wird es von den Bücherliebenden sehr unterschiedlich gelesen und verstanden werden. Ich habe mich gefragt, ob die Haltung, die dahinter steht, zu vage bleibt. Oder wird uns gerade auf diese Art eine explizite Haltung zum Buch und seiner Thematik abverlangt? Darüber denke ich noch immer nach, als rechtschaffener Leser. Ergebnis offen. 

Aus dem Block …

Der Wunschpunsch

Die nächste Lesung in der Stadtbibliothek Herford bestreite ich wieder mit einem langjährigen Weggefährten, Freund und Mentor: Rolf Fuchs. Gemeinsam lesen wir in Herford Michael Endes Wunschpunsch. Wir freuen uns auf Kater-Rabe & Co. für Groß und Klein …

21.11.21 | Stadtbibliothek Herford | 11 Uhr | Infos

Vorverkauf in Herdecke läuft …

Am 25. November werde ich auch in Herdecke wieder lesen: Ein Winter auf Mallorca von George Sand. Die Veranstaltung findet in Corona-Zeiten im Onikon-Kino statt. Karten gibt es bereits in der Buchhandlung Herdecke. Infos