Michael Helm

Guten Morgen

Eine fotografische Biografie

Ich mag Züge. Und irgendwie auch Bahnhöfe. Du schaust auf, aus deinem Buch, während du auf den Zug wartest und siehst das …!

Du bist mit Menschen unterwegs, kannst in aller Geduld hier und da deinen Espresso trinken … ich weiß, jetzt kommt das übliche Bahn-Bashing! Aber mal ehrlich, an diesem Morgen wurde ich nicht von einem genervten Elli durch eine Baustelle geschoben, später von einer Lichthupe angemacht, der meine Hundertzwanzig eine persönliche Beleidigung waren und auch nicht von einer hochroten Tomate angepflaumt, ob ich Penner wohl ärztliche Hilfe bräuchte — ich hatte mich erdreistet, mich innerorts an die Geschwindigkeitsbegrenzung zu halten. 

Nein, nein, mein Buch war fantastisch. Und mein Tag wurde es dann übrigens auch.

Michael Helm

Denkmal

Ich wunderte mich, den Mann hier zu treffen. Er saß auf einer Bank und starrte über die Straße hinüber zum Bolschoi-Theater. Ich erkannte ihn an seinem rauschenden Bart. Meines Wissens hatte er die Stadt nie besucht. Ich grüßte und setzte mich neben ihn. Er war sichtlich erfreut, einen Landsmann zu sprechen. Ich fragte ihn nach seinem sonderbaren Hiersein und er lächelte bescheiden. Hier erkennt mich niemand, sagte er. Selbst wenn ich täglich unter diesem Denkmal Platz nehme. Er wies nach oben, auf sein ebengebildetes Monumentalgesicht. Schlecht getroffen, finden Sie nicht, flüsterte er. Wir schauten hinüber zum Theater, wo Menschen in sündhaften Kleidern und teuren Anzügen Selfis machten. Er betrachtete das alles eher gleichgültig. Sie beschäftigen sich nur noch mit sich selbst, sagte ich, seinem Blick folgend und wartete auf seinen bedeutenden Kommentar. Doch er schwieg. Um uns herum gingen die Lichter an und wir verbrachten eine angenehme Stunde auf der Bank. Wir schwiegen. Dann erhob er sich langsam und sagte: Danke schön. Ich muss los. Es war aber schön, einmal wieder mit einem Menschen zu schweigen, der meine Sprache spricht. Er zwinkerte mir zu. Aus Altersgründen konnte er nicht mehr richtig gehen. Also sah ich Karl Marx langsam die stark befahrene Straße hinunterhumpeln. 

Michael Helm

Denkmal | Michael Helm | gelesen vom Autor

Bücher Erleuchtung

Es gibt nicht so viele zeitgenössische Autoren und Autorinnen, von denen ich nahezu alles gelesen habe. Dazu bedarf es bei einem solch immensen Bücherpensum schon einer Spur Verrücktheit. Kommt von Peter Stamm ein neues Buch heraus, egal ob Roman, Erzählband oder anderes, dann schiebe ich allerdings alles andere zur Seite. Muss ich mich jetzt einen Fan nennen? Ich erschrecke beim Schreiben. 

Reise ich dem Mann tatsächlich von Lesung zu Lesung hinterher? Stehe ich regelmäßig in der Schlange zum Signieren, um einen persönlichen Blick zu erhaschen? Besitze ich jede Ausgabe, aber auch wirklich jede! — auch wenn ich eine ältere bereits mein Eigen, meinen Schatz nenne? Fehlte noch, dass ich Briefe an ihn schriebe. 

So schlimm ist es noch nicht, obwohl manche Allüre im Buchgeschäft Anlass für solche Gedanken gäbe. Alles ist Event und da muss man sich schon fragen, warum hunderte Lesebesessene zum Beispiel bei Buchmessen in der Schlange vor dem geheiligten Autor oder der Autorin stehen — und der Verlag zwecks Versüßung der Wartezeit schon Kaffee und Kekse zu reichen beginnt — damit man diesen einen geschwungenen, aber unleserlichen Schnörkel ergattert, der das Buch im Regal zur Erleuchtung bringt. Ich bin kein außergewöhnlicher Mensch, weil ich mich vor solchen Signierschlangen in Acht nehme. Es ist auch noch niemand durch sie zu Schaden gekommen, muss ich zugeben. Sie beißen ja nicht. Doch erstaunt es mich schon. 

Die Lektüre erfährt durch die Signierung keine Aufwertung. Meine Begeisterung für Peter Stamms Bücher ist auch ohne seinen Namenszug ungebrochen. Bei einer Lesung eines anderen, hier ungenannten Autoren, den ich vorher sehr schätzte, der mir jedoch äußerst unsympathisch bei der Lesung erschien, erwischte ich mich bei der Frage, welche Auswirkungen das auf meine zukünftige Lektüre seiner Bücher hätte. Ich zwinge mich bis heute, seine Werke zu lesen und sie zu genießen. Absurd.

Übrigens, ein geschätzter Kollege, eigentlich frei von jeglichem Literaturdünkel, erzählte mir von der berühmten Lesung der Olga Tokarczuk in Bielefeld, nach der Bekanntgabe des Literaturnobelpreises am gleichen Tag. Vorher hatten sich kaum Leute für die Veranstaltung interessiert. Nach der Bekanntgabe, die vortragende Autorin werde den Preis bekommen, wäre die Lesung zigmal ausverkauft gewesen, wäre das nur möglich gewesen. Ein Wandel der Wertschätzung innerhalb weniger Stunden? Der geschätzte Kollege sprach von diesem Bielefelder Kulturereignis, als hätte Moses ihm persönlich die Gesetzestafeln vor Ort überreicht. Zugegeben, der Vergleich hinkt, denn bei Moses hat es schließlich nicht zum Literaturnobelpreis gereicht. 

Man kann sich nie ganz freimachen von solchen Markteinflüssen. Neulich habe ich ein antiquarisches Exemplar von Vladimir Sorokin erstanden. Es war ein signiertes Exemplar von 23000 und sündhaft teuer. Die Unterschrift Sorokins in Form eines steil aufsteigenden Strichs hätte ich sicherlich selber hinbekommen, nur den Inhalt des Buches leider nicht. Und zu meiner Ehrenrettung sei gesagt, es gab überhaupt nur noch dieses Exemplar zu erwerben. War ein „Strich“ drin, aber gut … es erleuchtet nun auch mein Regal und ich spare erhebliche Kosten für die elektrische Beleuchtung. Signierte Bücher — ab einer bestimmen Anzahl in der Bibliothek — tragen zur CO2-neutraleren Lektüre bei. Sie strahlen, ohne an das örtliche Stromnetz angeschlossen zu sein.

So hat es sein Gutes und auch ich gönne mir ab und an die Signierung eines geliebten Bandes oder die besonders schön gebundene Ausgabe des Romans, den ich längst schon kenne. Man lebt ja schließlich zwischen seinen Büchern.

Michael Helm

Kafka und der Bibliothekar

Eine kleine Geschichte von Michael Helm zum Anhören

Als ich eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand ich mich in meinem Bett zu einer ungeheueren Leseratte verwandelt. So klingt es oft, wenn „wichtige“ Menschen von ihrer frühen Literaturberufung sprechen. Da haben bedeutende Persönlichkeiten Kafka mit zehn, Camus mit zwölf und den Ulysses mit vierzehn Jahren gelesen. Da erbleicht jeder Zuhörer in ehrfürchtiger Bewunderung. Ich möchte mich dieser literarischen Früherweckung auch gerne rühmen. Leider hat die Sache mit Kafka in meinem Leben einen sehr prosaischen Haken. (…)

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mh

Heute vor …

… 161 Jahren ist ein unbequemer, aber wichtiger Dichter von uns gegangen: Heinrich Heine. Wenn viele Kritiker sagen, er habe polarisiert, damals wie heute, so war und ist diese Polarisation wichtig, in seinen Tagen und in unseren. (more…)

Nicht-Empfehlung der Woche (Hörbar)

Es gibt Menschen, die einem Hilfe bei der Auswahl guter Lektüre sind, die wichtigsten: der Buchhändler meines Vertrauens und die, mit meiner Lesebesessenheit vertraute, Bibliothekarin. Letztere entzog meinem neugierigen Blick just eine Neuerscheinung mit den Worten: „schwervermittelbar und stinkt!“ (…)

mh

Konferenzraumbesetzung

Eine sachliche, vernünftige Diskussion scheint aus der Mode gekommen. Dass der zukünftige amerikanische Präsident sie nicht beherrscht: geschenkt. Man soll keine zu hohen Anforderungen stellen. Aber im Alltag war ich bislang Besseres gewohnt. Im Streitfall um einen – von beiden Seiten eingetragenen – Konferenzraum hörte ich heute wieder und wieder das selbe Argument: Man habe ihn aber doch eingetragen. Beim ersten Mal: Argument entgegengenommen. Denke nach. Meine Denkpause wird genutzt, um das Argument mit exakt derselben Wortwahl und selbigem Tonfall zu untermauern. Argument verstanden, ja doch! Ich hasse Leute, die alles zwei Mal sagen. (more…)

Seien Sie willkommen!

Ich bin kein Blogger! Und nun ein Block? Auch noch falsch geschrieben? Seinem nahen Verwandten, dem Blog, soll er allenfalls ein kleiner Bruder sein. Ein paar hingeschriebene Notizen, eben wie auf einem altmodischen Block. Kleine Gedanken, die bei Lesungen untergehen, in Büchern ewig Randnotiz bleiben, bis… ja bis. Ich weiß es doch auch nicht! Vielleicht werden sie ja einmal Erleuchtung. Oder sie bleiben, was sie immer schon waren: Schnipsel, wie der sehr geschätzte Kurt Tucholsky sie einmal nannte.

Wenn sie unterhaltsam wären, schön. Wenn sie des geneigten Lesers Gedanken auf einen kleinen Umweg führten, super. Wenn sie zum Grübeln anregten, wunderherrlich!

Ihr Michael Helm

Aus dem Block …

Nacht der Bibliotheken

Heute ist die „Nacht der Bibliotheken“, auch in Spenge. Ich hätte dort heute Abend Kurt Tucholsky gelesen. In C-Zeiten natürlich nicht live.

Dabei hatte ich im Dezember noch gehofft: Im März könnte doch wieder etwas gehen, vielleicht im kleinen Rahmen, vielleicht mit wenig Publikum, hinter Masken und Plexiglaswänden, oder doch ohne Gäste? Jetzt findet die Lesung auch ohne Rezitator statt. Der sitzt, wie Sie, zu Hause und liest sich selbst etwas vor.

Dafür hat die fb-Seite der „Stadt Spenge – Kultur und Stadtmarketing“ einen kleinen Auszug, einen Tucholsky-Schnipsel von mir online gestellt. (Danke dafür an Spenge und die Bücherei.)

Das Thema der Nacht der Bibliotheken ist „Einmischen“. Und Tucholsky hat sich eingemischt und würde es auch heute noch tun. Aber dazu dann später wieder mehr … live, ohne Virus, mit Publikum und Live-Einmischung meinerseits.

Wenn ich körperlich auch nicht anwesend sein werde, geistig bin ich bei Ihnen, ohne den Mut und die Hoffnung aufzugeben. Es kommen bessere Tage.

Einen herzlichen Gruß,
Ihr Michael Helm

Brache

Freitags auf dem Block

brachliegendes land
industriebrache industriekultur museum

sitze seit monaten allein
im museum meiner literatur 
literaturbrache 
sprache bis auf weiteres geschlossen

mh