Michael Helm

Mittendrin

Gedanken zum Stück „Asche zu Asche“ von Harold Pinter am Bochumer Schauspielhaus

Mittendrin. Im Wohnzimmer zweier Menschen, Devlin und Rebecca. Das Gespräch der beiden erscheint mir wie eine Odyssee, eine Verirrung und der Versuch einer Heimkehr. Die Theaterbesucher mittendrin. Auf der Bühne der Kammerspiele des Bochumer Schauspielhauses. Mittendrin bedeutet: Weiter hinein ins Theater geht es nicht. 

Harold Pinter – Asche zu Asche | Schauspielhaus Bochum
Regie: Koen Tachelet | Mit: Guy Clemens, Elsie de Brauw
Weitere Infos, Fotos und kommende Termine: Link

Die Gedanken, die mich nach dem Stück von Harold Pinters „Asche zu Asche“ bewegen, sind keine, die mich zu einer klugen Besprechung inspirieren. Die ließe sich an anderer Stelle nachlesen. Was mich nicht loslässt, ist die Nähe im Theater. Möglichkeit oder Bedrohlichkeit? 

Immer wieder sitze ich staunend auf der Bühne von Theatern. Das ist eine seltene, aber keine neue Erfahrung. Die Perspektive wird verschoben, wenn du als Teil eines griechischen Chores — jenseits des Vorhangs — plötzlich in den leeren Zuschauerraum blickst; dorthin, wo du dich eigentlich erwarten würdest. Ein Regisseur ließ mich mit den anderen Zuschauern auf beweglichen Tribünenelementen solange über die Bühne schieben, bis niemand von uns mehr wusste, wo er sich in seiner Inszenierung der Odyssee noch befand. Das ist Theater direkt vor den Augen des Betrachters. Man kommt dem Geschehen so nahe, dass die Nähe Teilnahme suggeriert. Das ist faszinierend, kann aber auch bedrohlich nah wirken. Soll es ja auch.

In der Inszenierung von Koen Tachelet in Bochum ist es nicht allein die räumliche Nähe zum Geschehen auf der Bühne. Kann man denn noch näher sein, als direkt am Geschehen?

Tachelet holt uns ins Wohnzimmer — die Zuschauer werden durch die Kammerspiele und auf die Bühne geleitet — um auf Stühlen, Schaukelstühlen, Sitzgelegenheiten, frei im Raum verteilt, Platz zu nehmen. Wo wird gespielt? Wo verläuft die Grenze zwischen Beobachter und Geschehen? Wo findet es statt, das Spiel vor unseren Augen? 

Der Blick in den Zuschauerraum ist ungehindert, um uns herum Menschen, die sehen wollen — das Stück sehen wollen. Dann erheben sich hinter mir Stimmen. Guy Clemens und Elsie de Brauw erheben sich und bewegen sich zwischen uns. Mittendrin. Sie. Wir. Nehmen neben uns Platz, sprechen uns an. Mittendrin. Im Raum des Theaters. Im Raum der Schauspieler. Im Raum der Figuren. Im Wohnzimmer von Devlin und Rebecca. Devlin steht einmal dicht hinter mir — soll ich mich umdrehen, hinschauen? nein — erzählt vom Friseur … ich kann mich kaum noch darauf konzentrieren, was er sagt, … ich denke, gleich legt er mir den Kopf zurück, um mir die Haare zu kämmen … Mittendrin. Gedanken, ganz andere als sonst … Nein, näher geht es nicht. Teil des Stücks, Teil der Szene, des Gesprächs der beiden. Mittendrin.

Michael Helm

Aus dem Block …

Samstag ist Lesung!

Juli Zeh – Corpus Delicti
22.01.2022 | Stadtbücherei Spenge | 19.30 Uhr | Infos

Kaspars Gedankengang XI

„Bei aller Schläue hatten sie das Geheimnis, was ein anderer dachte, noch nicht gelüftet. Vielleicht traf das weniger zu, wenn sie einen in der Hand hatten. Man wusste nicht, was im Liebesministerium geschah, aber vermuten konnte man es: Folter, Drogen, empfindliche Apparate, die die Nervenreaktionen registrierten, allmähliche Zermürbung durch Schlafentzug, Einsamkeit und unablässig Verhöre. Tatsachen jedenfalls ließen sich nicht verheimlichen. Die ließen sich durch Fragen erhalten und durch Folter herauspressen. Doch wenn es nicht das Ziel war, am Leben, sondern ein Mensch zu bleiben, was änderte das letztlich groß? Die Gefühle konnten sie nicht ändern, das konnte man ja nicht einmal selbst, auch wenn man es wollte.
Was man getan, gesagt oder gedacht hatte, das konnten sie alles bis ins Kleinste aufdecken, das Innerste aber, dessen Funktionsweise sogar einem selbst ein Rätsel war, das blieb unangreifbar.“

George Orwell, 1984, Insel, 2021,
übersetzt von Eike Schönfeld, S. 223

… ich hänge noch immer in der Lektüre von 1984 fest … kann man so sagen … immer wieder suche ich mir einzelne Szenen heraus, über die ich eine Nacht lang nachgrüble … hier eine aus der Übersetzung von Eike Schönfeld, die in der bisherigen Betrachtung vielleicht etwas kurz gekommen ist …

… Was mich an diesem Auszug so schockiert, ist die Trostlosigkeit der wiederholten Lektüre … warum das? … Ich mochte Orwell beim ersten Lesen damals am Ende der Passage so gerne recht geben, aber er zeigt am Ende seines Buches, dass auch das möglich ist: Nichts bleibt in 1984 unangreifbar, selbst die Liebe nicht, selbst das „Menschbleiben“ nicht. Menschen sind so verdammt beeinflussbar. Es muss nicht einmal durch Folter geschehen, möchte ich 2021 hinzufügen …

… in einer zweiten Szene schildert Orwell, wie während einer Propagandaveranstaltung, während einer Rede des Funktionärs, während eines einzigen Satzes sich die Tatsachen zu ändern scheinen, auf denen die Propaganda fußt: Ozeanien liegt plötzlich nicht mehr mit Eurasien im Krieg, sondern von einer Sekunde auf die andere wird der Krieg mit der anderen Partei, dem ehemaligen Verbündeten Ostasien propagiert. Mit Eurasien sei man doch schon ewig verbündet! … Alle Fakten werden in ihr Gegenteil verkehrt … die Maschinerie der Vergangenheitsfälschung wird wieder angeworfen … die Vergangenheit wieder einmal getilgt, ersetzt … die Lüge durch eine weitere Lüge ausgetauscht …

… Beeindruckend allerdings, wie schnell das geht … wie innerhalb eines Moments die Meinung der Menschen manipulierbar ist … Während der Rede des Funktionärs nehmen es die Menschenmassen hin. Der Redner beendet den Satz im Lichte der neuen Fakten, der neuen Wahrheiten … Wir liegen im Krieg mit Ostasien! … war nie anders … wer anderes behauptet, ist Staatsfeind! … wer anderes denkt … Gedankenverbrecher! … Fakten werden zu Lügen … Lügen zur Wahrheit … und obwohl alles noch vor einer Sekunde das Gegenteil zu sein schien … es wird von den Menschen, die dem Redner euphorisch zujubeln, geglaubt … alte Plakate werden von den Wänden gerissen … Fake News! … nieder mit der Feindpropaganda! … es lebe die Partei! … es lebe der große Bruder! … Wahrheit mit einer Halbwertszeit von Sekunden …

… kommt uns irgendwie bekannt vor?

Kaspar Hauser